Interview mit U-16-DFB-Trainer Meister

Baden-Baden (ket) – DFB-Trainer Marc-Patrick Meister spricht im BT-Interview über Talente, ihre Zukunft und Fehler, die bei der Förderung gemacht werden.

Exzellente Trainingsbedingungen fanden Marc-Patrick Meister (Dritter von links) und seine U-16-Nationalmannschaft in Steinbach vor. Foto: DFB

© toto

Exzellente Trainingsbedingungen fanden Marc-Patrick Meister (Dritter von links) und seine U-16-Nationalmannschaft in Steinbach vor. Foto: DFB

Marc-Patrick Meister ist zufrieden, mehr sogar als das. „Perfekte Bedingungen“, so sagt es der Fußballlehrer, hätten er und die von ihm trainierte deutsche U-16-Nationalmannschaft genossen, von den beiden Rasenplätzen bis hin zum leckeren Essen. Seit Sonntag waren die DFB-Junioren in der Sportschule Steinbach zu Gast, heute reisen sie wieder ab. BT-Redakteur Frank Ketterer nutzte dies zu folgendem Interview mit dem ehemaligen Coach des Karlsruher SC.

BT: Herr Meister, lassen Sie uns mit einem kleinen Rückblick beginnen: Wie haben Sie als Mensch mit KSC-Vergangenheit die zurückliegende Zweitliga-Saison erlebt?
Marc-Patrick Meister: Durch das engere Band zu Christian (Eichner;Anmerkung der Redaktion) und Zlatan (Bajramovic) habe ich den Werdegang des KSC natürlich etwas genauer verfolgt und muss sagen, dass Platz sechs wirklich ein beachtliches Ergebnis ist, zumal es ja schon wegen Corona keine leichte Saison war. Besonders gefreut hat mich, dass am vorletzten Spieltag gegen Kiel Malik Batmaz endlich mal getroffen hat. Malik war ja wie auch Dominik Kother noch einer meiner Schützlinge zu KSC-Zeiten. Überhaupt freut es mich sehr, dass viele Spieler aus der U19 den Weg in die Profimannschaft gefunden haben, egal ob sie in erster Linie im Training mitmachen oder bisweilen sogar spielen. Das ist toll – und zeigt, was Christian (Eichner) im Schilde führt: Nämlich den Ausbildungscharakter des KSC wieder mehr in den Mittelpunkt zu stellen.

14 Personen im Betreuer-Stab

BT: Sie selbst sind mittlerweile der für die U16 des DFB verantwortliche Trainer. Wie würden sie Ihren Job beschreiben?
Meister: 24 Monate lang den betreffenden Jahrgang komplett zu durchkämmen. Im Zuge dessen bereise ich ganz Deutschland und sichte sowohl im Training als auch in Spielen Talente und spreche mit Trainern und Verantwortlichen vor Ort, um jene 38 bis 40 Jungs zu finden, aus denen wir in der U17 dann eine Turniermannschaft formen wollen. In der kommenden Saison werden wir, so Corona zulässt, fünf Turniere spielen. Darauf bereiten wir die Mannschaft in Lehrgängen wie jetzt diesem in Steinbach vor. Ziel ist dann die EM-Qualifikation im Oktober.

BT: Das heißt, Sie begleiten einen Jahrgang immer zwei Jahre und übernehmen dann wieder einen neuen, jüngeren?
Meister: Über drei Jahre, also U15, U16 und U17. Dann übergebe ich an Christian Wörns und hole mir selbst einen neuen U-15-Jahrgang.

BT: Sie beginnen also alle drei Jahre von vorne?
Meister: Im Prinzip schon. Ziel ist es, dass die Jungs Länderspiele in der U19 und der U21 machen und dort erfolgreich sind. Unsere Aufgabe mit der U15, U16 und U17 ist es, den Jahrgang immer so vorzubereiten, dass Christian Wörns am Ende auf ein Reservoir von 30 bis 40 Spielern zugreifen kann, mit denen er dann weiterarbeitet.

BT: Wie groß ist der Betreuertross, der sich beim DFB allein um die U16 kümmert?
Meister: Wir sind 14 Personen im Betreuer-Stab: im Trainerteam befinden sich drei Feld- sowie ein Torwarttrainer, ein Spielanalyst, ein Fitness- und Athletiktrainer sowie ein Sportpsychologe. Weiterhin sind ein Arzt und zwei Physios, zwei Pädagoginnen für das Thema Schule, ein Teambetreuer sowie unser Teammanagement für die Jungs da. Das ist schon ein großer Stab, aber den braucht es auch.

BT: Trotz dieses Aufwandes steht in der Öffentlichkeit das Bild, der DFB kümmere sich zu wenig um den Nachwuchs und bei dessen Förderung läge so manches im Argen. Wie sehen Sie das?
Meister: Ich kann da ja nur aus Sicht der Junioren-Nationalmannschaft berichten – und da kann ich den Eindruck, den Sie geschildert haben, nicht bestätigen. Was Sie meinen, ist vielleicht eher, was in der Ausbildung grundsätzlich in Deutschland geschieht, also in den Vereinen. In meinem Trainerstab würde keiner behaupten, dass wir die Jungs ausbilden. Das wäre vermessen und gelogen. Die Jungs werden in den Vereinen ausgebildet. Dort sind die Spezialisten – und die kümmern sich nicht nur um den jungen Spieler, sondern auch um den jungen Menschen, der immer hinter dem Spieler steckt. Das sind ja alles Heranwachsende. Wir geben lediglich Impulse und Rückmeldung in die Vereine. Und da, um auf Ihren Einwand zurückzukommen, ist es in der Tat so, dass andere Nationen auf den einzelnen Positionen ein Überangebot an Spielern haben, das es bei uns nicht so gibt. Das hat ganz verschiedene Gründe. Da spielen verschiedene Faktoren mit rein. Wir bei der Nationalmannschaft versuchen, das Beste daraus zu machen und Rückmeldung in die Vereine zu geben.

„Unser Spielerangebot ist etwas kleiner“

BT: Wie ist es um den deutschen Fußball-Nachwuchs im Allgemeinen bestellt?
Meister: Wir stehen ja gerade vor der U-21-EM. Und ich denke, die Mannschaft von Stefan Kuntz kann da, wenn sie wenig Ausfälle hat und gemeinsame Sache macht, also über den Teamspirit kommt und das, was man die deutschen Tugenden nennt, eine ganz gute Rolle spielen. Wenn du in den Punkten Bereitschaft, Mut, Teamgeist etc. gut bist, hast du im Fußball immer eine Chance, das Spiel zu gewinnen. Zumal wir ja auch spieltaktisch auf der Höhe der Zeit sind. Allerdings darf, was Verletzungen und Ausfälle anbelangt, nicht all zu viel passieren.

BT: Wo sind uns andere Nationen voraus?
Meister: Wir beobachten große Unterschiede bei der Positionsflexibilität sowie der Positionsvariabilität. Deshalb sind andere Nationen oftmals auch schneller in der Lage, sich einer bestimmten Spielsituation anzupassen, was dann auch mit Spielintelligenz und Spielverständnis zu tun hat. Hinzu kommt, dass teilweise – siehe Belgien, Frankreich oder England – eine ganz andere Physis aus der Kabine kommt als bei uns. Da wird schon in sehr jungen Jahren auf Explosivität, Kraftentwicklung und Schnelligkeit abgezielt. Die Spanier wiederum machen genau das nicht, sondern setzen auf einen großen Input an Spielintelligenz, Spielverständnis, einfach das Wissen, wie man den Raum dominiert. Ich denke, unsere Mannschaften hat immer ausgezeichnet, dass wir beides ein bisschen vereinen, wobei man ganz klar sagen muss, dass unser Spielerangebot aktuell etwas kleiner ist.

BT: Schaut man auf den Kader, den Sie bei Ihrem Lehrgang in der Sportschule Steinbach versammelt haben, fällt auf, dass bis auf eine Ausnahme, die wiederum vom HSV kommt, alle Spieler bereits bei Erstligisten unter Vertrag stehen. Hat man anders keine Chance mehr?
Meister: Das würde ich nicht so sagen. Es ist mittlerweile nur so, dass alle Bundesligavereine ein so engmaschiges Scoutingnetz haben, dass die Jungs, die bei uns spielen, schon als 13- 14-Jährige bekannt waren und unter Beobachtung der Vereine standen. Außerdem spielt da sicherlich auch das Thema Schule und Internate eine Rolle. Das führt dazu, dass jugendliche Talente verstärkt in die Vereine mit Internat gehen. Dennoch gibt es immer wieder auch Spieler von Zweitligisten, die es zu uns schaffen.

2018 gemeinsam auf der KSC-Bank: Marc-Patrick Meister (links) und sein damaliger Co-Trainer Christian Eichner. Foto: Helge Prang/GES

© GES/Helge Prang

2018 gemeinsam auf der KSC-Bank: Marc-Patrick Meister (links) und sein damaliger Co-Trainer Christian Eichner. Foto: Helge Prang/GES

BT: Wie viele der Jungs werden es denn auch tatsächlich als Profi in die Bundesliga schaffen?
Meister: Da tue ich mich schwer, eine Zahl zu nennen. Grundsätzlich ist es aber so, dass immer mehr Vereine ein Augenmerk darauf legen, was sie so im eigenen Stall an Talenten haben und wie sie diese am besten voranbringen können. Die Chance, es in die Bundesliga zu schaffen, ist also durchaus da, es ist aber nach wie vor nicht so, dass alle Spieler, die bei uns auftauchen, später in der ersten oder zweiten Liga spielen. Viele verschwinden auch wieder. Das ist völlig normal. Umgekehrt gibt es auch Fälle, die sich erst als U19 auf dieses Niveau entwickeln.

BT: Was gibt am Ende den Ausschlag, ob es einer schafft: Talent oder Wille und Durchsetzungskraft?
Meister: Es braucht beides. Unser großer Appell an die Spieler ist deshalb auch, dass es zwingend der Bereitschaft bedarf, an sich zu arbeiten und gerade die Dinge zu trainieren, die man noch nicht so gut kann. Zeitgleich braucht es einen Unterschiedsfaktor, also etwas Besonderes, das jeder Spieler haben muss. Das können spieltaktische Dinge sein, das kann die Physis sein, die Schnelligkeit, die Technik. Einen solchen Punkt braucht jeder, um sich von den anderen abzuheben.

BT: Das heißt, Talent kann einem auch im Weg stehen, wenn man sich allein darauf verlässt?
Meister: Genau. Wir hatten schon Spieler, die in jungen Jahren die mit Abstand schnellsten waren, im taktischen oder technischen Bereich aber solche Defizite hatten, dass ihnen später auch ihre Schnelligkeit nicht mehr weitergeholfen hat. Deshalb muss man als Trainer auch immer darauf achten, die Jungs ganzheitlich auszubilden. Wenn ich als junger Kerl bei der U15 oder U16 aufschlage, ist das immer nur ein erster Fingerzeig, wohin die Reise im allerbesten Fall gehen könnte. Es ist aber auch nur der vielleicht dritte von hundert Schritten, die noch folgen müssen. Das sagen wir den Jungs auch so.

„Wir freuen uns alle auf Hansi Flick“

BT: Wie sehr hat Corona die Entwicklung der Spieler, die Sie aktuell unter sich haben, beeinflusst?
Meister: Den Jungs fehlt definitiv Spielpraxis. Zwar konnte ein Teil von ihnen, abhängig aus welchem Bundesland er kommt und welche Regeln es dort gab, weitgehend durchtrainieren, aber das ersetzt nicht den Wettkampf. Das sieht man auch an der ein oder anderen Stelle, dass die Jungs nicht so das Gefühl haben für Dynamik, Distanzen und Passfenster. Aber wir thematisieren das gar nicht groß, sondern versuchen, ihnen einfach zu helfen.

BT: Wie sind Sie mit dem Lehrgang in Steinbach zufrieden?
Meister: Er war exzellent. Wir standen zwar hier und da etwas im Regen – aber das gehört im Fußball dazu. Ansonsten hatten wir perfekte Bedingungen, von den Rasenplätzen bis hin zum leckeren Essen. Es hat uns an nichts gefehlt.

BT: Letzte Frage: Was sagen Sie zur Ernennung von Hansi Flick zum Bundestrainer?
Meister: Es ist toll, dass man ihn für das Amt gewinnen konnte. Wir freuen uns alle auf die Zusammenarbeit mit ihm. Ich habe jedenfalls noch keinen ehemaligen Kollegen von ihm getroffen, der Vorbehalte hatte.

Ihr Autor

BT-Redakteur Frank Ketterer

Zum Artikel

Erstellt:
28. Mai 2021, 21:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 6min 04sec

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.