Interview mit einem Aramäer

Berlin (vn) – Jungschauspieler Julius Gabriel Göze berichtet über seine Wurzeln, die Bedeutung von Weihnachten und wie ihn die Zusammenarbeit mit „Ekel“ Dieter Hallervorden geprägt hat.

Perfekte Patchworkfamilie: Julius mit Latisha Kohrs, Dieter Hallervorden, Alwara Höfels und Lior Kudrjawizki (von links) in „Mein Freund, das Ekel“. Foto: Conny Klein/ZDF

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Perfekte Patchworkfamilie: Julius mit Latisha Kohrs, Dieter Hallervorden, Alwara Höfels und Lior Kudrjawizki (von links) in „Mein Freund, das Ekel“. Foto: Conny Klein/ZDF

Er ist ein deutscher Nachwuchsschauspieler – und Aramäer. Er hat mit Dieter Hallervorden, Alwara Höfels und Christian Kohlund gedreht – und ist seit sieben Jahren Messdiener seiner syrisch-orthodoxen Kirchengemeinde in Berlin. Auch jetzt an Weihnachten. Für Julius Gabriel Göze (17) geht ein spannendes Jahr zu Ende. Im Gespräch mit unserem Redakteur Volker Neuwald erzählt er, warum es für ihn kein Problem ist, diese verschiedenen Welten unter einen Hut zu bringen.

BT: Julius, welche Bedeutung hat Weihnachten für dich persönlich?
Julius Gabriel Göze: Persönlich vor allem erst einmal, in die Kirche gehen, an Heiligabend und an den beiden Weihnachtstagen. Dann natürlich Zeit mit der Familie verbringen. Geschenke öffnen, Freunde besuchen oder Besuch empfangen, soweit Corona das zulässt. Das geschieht zwischen Weihnachten und Silvester.

BT: Gestaltest du die Gottesdienste an Weihnachten mit?
Julius: Ich bin seit 2014 Messdiener und jeden Sonntag dabei. Mittlerweile habe ich mehr Verantwortung übernommen und leite zum Beispiel Kinder und Jugendliche im Gottesdienst an. An Weihnachten darf ich diesmal eine Predigt auf Deutsch halten, für alle Gottesdienstbesucher, die nicht so gut Aramäisch können. Vor allem jüngere Leute, so bis 25 Jahre alt, gehen nicht jeden Sonntag in die Kirche und verstehen nicht alles, was der Pfarrer sagt. Vor allem, wenn es ältere Wörter sind.

BT: Was wird das Thema deiner Predigt sein?
Julius: Das weiß ich selbst noch nicht so genau, ich werde das mit unserem Pfarrer besprechen. Aber es geht sicher um Weihnachten und die Geschichte, wie Jesus geboren wurde.

BT: Was ist das Besondere am Weihnachtsgottesdienst in der syrisch-orthodoxen Kirche?
Julius: Der Feiertag am 25. Dezember ist der zweitwichtigste nach Ostern. Es gibt einen festen Ablauf aus Gesängen und Lesungen, in denen wir zu Gott sprechen. Dann kommt die Predigt unseres Pfarrers und dann meine.

„2020 hatten wir gar kein Ostern“

BT: Wegen Corona ist der Gottesdienst sicher kürzer?
Julius: Auf jeden Fall. 2020 hatten wir gar kein Ostern. Keinen Gottesdienst. Seitdem war alles gekürzt, es sind ganz viele Gesänge und Lesungen weggefallen.

BT: Erkläre einem Deutschen: Was ist ein Aramäer?
Julius: Das ist schwer. Ich sage immer: Ich bin Aramäer, wir sind syrisch-orthodoxe Christen. Unser Land lag im Südosten der heutigen Türkei, an der Grenze zu Syrien. Meine Vorfahren kommen aus Tur Abdin, das heißt wörtlich übersetzt „Berg der Knechte Gottes“. 1915 kam es nicht nur zum Völkermord an den Armeniern, was bekannter ist, sondern auch an den Aramäern. Viele flüchteten, meine Uroma zum Beispiel. Viele sind aber auch geblieben. In den 90er-Jahren sind die Aramäer in den türkischen Militärdienst gezwungen worden, viele starben. Das war ein Grund für meinen Vater, mit 16 das Land zu verlassen und allein nach Deutschland zu gehen. Meine Mutter wurde hier geboren, ihre Eltern waren vorher nach Deutschland ausgewandert. Heute ist mein Volk in der Welt verstreut.

BT: Wie viele Menschen beherrschen heute noch Aramäisch?
Julius: Höchstens noch 600.000 bis 800.000. An dieser Zahl wird sich in den vergangenen Jahren leider nichts verändert haben. Ich trage da schon eine Verantwortung.

BT: Wie hast du die Sprache gelernt?
Julius: Aramäisch ist rund 3.000 Jahre alt. Und es ist die Sprache, die Jesus gesprochen hat. Mein Vater ist immer noch Messdiener und hat sie mir beigebracht. Erst das Abc, dann das Lesen. Mindestens einmal im Jahr besuche ich im Sommer unser Dorf in der Türkei. Auch dort lerne ich viel.

BT: Ist es für dich etwas Besonderes, einem jahrtausendealten Volk anzugehören?
Julius: Ja, finde ich schon. Es ist etwas Besonderes in jedem Fall, weil viele Leute uns und unsere Geschichte ja nicht kennen. Dieses Jahr habe ich das Kloster Mor Gabriel besucht. Es ist eines der ältesten christlichen Klöster der Welt!

BT: Du bist in Berlin geboren und dort aufgewachsen. Ist die Stadt für dich Heimat?
Julius: Nicht wirklich. Ich bin kein Fan von Berlin. In meiner alten Heimat fühle ich mich wohler, dort will ich später auch mal hinziehen. Wenn ich nach Deutschland schaue, gibt es viele andere Städte, die mir besser gefallen. Berlin ist mir zu groß, zu laut. Die Menschen sind oft gestresst. Das gefällt mir nicht so sehr.

Auf der Straße noch nicht erkannt

BT: Bist du als Schauspieler schon so berühmt, dass man dich auf der Straße erkennt?
Julius: Zum Glück nicht. Man hat mich noch nicht erkannt.

BT: Deine Karriere startete 2017 mit „Dschermeni“, einer ZDF-Produktion für Kinder. Wie bist du entdeckt worden?
Julius: Ich habe schon vorher für eine Werbeagentur gearbeitet. Castings für das Fernsehen gab es mehrere, ich bin allerdings nie weit gekommen. „Dschermeni“ war zunächst ein Casting wie andere auch. Immerhin wurde ich zum Recall eingeladen. Ich dachte mir: Geh da mal hin, auch wenn du wieder abgelehnt wirst. Doch dann haben sie gesagt: Du gefällst uns, du bist einer von zwei in der Auswahl. Nach einem Treffen mit den drei anderen jungen Darstellern kam die Nachricht: Wir nehmen dich für die Rolle.

BT: Dann bist du Yassir geworden, ein syrischer Flüchtlingsjunge. Hast du dich auf die Rolle vorbereiten müssen?
Julius: Allgemein bereite ich mich ehrlich gesagt sehr wenig auf meine Rollen vor. Aber für Yassir musste ich Arabisch lernen. Ich hatte mehrere Sätze, die ich auf Arabisch sprechen sollte. Ein Coach hat mir geholfen. Damals hatte ich sogar einen Kindercoach. Wir haben eine Woche geprobt, bis wir in unsere Rollen gefunden haben.

BT: Zwei Jahre später spielst du im ZDF-Fernsehfilm „Mein Freund, das Ekel“ Murat, eines von mehreren Kindern von Trixie Kuntze, gespielt von Alwara Höfels. Die hat es nicht leicht mit Olaf Hintz alias Dieter Hallervorden. Wie erklärst du dir den großen Erfolg des Films und der folgenden sechsteiligen Serie?
Julius: Dieter Hallervorden, würde ich sagen, und Alwara auch. Beide sind echt klasse. Gerade Herr Hallervorden hat sicher sehr viel Publikum mitgebracht, vor allem Ältere. Ich kannte ihn tatsächlich davor nicht, habe nur den Namen mal gehört und das Cover seines Films „Honig im Kopf“ gesehen.

BT: Was hast du von Dieter Hallervorden gelernt?
Julius: Im Film hatten wir viele Szenen zusammen, mehr als in der Serie. Da hat er mir ganz viel mitgegeben. Er hat mir zum Beispiel gesagt: Wenn du dich für die Kamera dorthin drehst, sieht das besser aus. Oder am Klavier: Wenn du ruhiger und gelassener bist, dann sieht das echt aus, als würdest du spielen. Ich kann zwar Klavier spielen, aber nicht Rachmaninow wie im Film.

BT: Ging es am Set auch lustig zu oder waren alle so mies drauf wie der alte Opa Hintz?
Julius: Herr Hallervorden ist ein ganz Lustiger. Nach jedem Take kam ein Kommentar von ihm. Er hat an jeden ausgeteilt, vor keinem Halt gemacht. Das war immer lustig.

„Herr Hallervorden hat mir ganz viel mitgegeben“

BT: Wie hat er denn gegen dich ausgeteilt?
Julius: Tatsächlich hat er mich verschont. Wir hatten in der Serie eine Szene, in der ich ihn mit dem Handy aufnehmen musste. Am Schluss kam ich doch noch ins Bild – und ich hatte eine Maske auf. Das ist keinem aufgefallen, bis wir die nächste Szene schon begonnen hatten. Dann kam es heraus. Herr Hallervorden hat an die Kamera-Crew ausgeteilt, weil die es nicht gesehen hat. Also gab er mir nicht die Schuld, ich wurde verschont.

BT: Wie war die Zusammenarbeit mit deiner Film-Mama, mit Alwara Höfels?
Julius: Sehr, sehr fein. Wir sind echt gut klar gekommen. Sie hat mir auch sehr geholfen. Alwara hat ja Schauspiel studiert und weiß so viel. Auch nach dem Drehtag haben wir uns zusammengesetzt und etwas gegessen. Es war sehr schön mit ihr.

BT: Wird es eine zweite Staffel „Ekel“ geben?
Julius: Das ZDF würde vielleicht eine zweite Staffel machen wollen. Aber Alwara hat gesagt, dass die Serie aus ihrer Sicht auserzählt ist. Herr Hallervorden stimmte zu. Ich bin da neutral. Wenn man mich wieder anfragen sollte, würde ich sehr gerne annehmen.

BT: Murat könnte sich verlieben, endlich Lara küssen.
Julius: Wenn er es nicht schon hat!

BT: Sind Rollen wie Yassir, Murat oder auch Hassan aus einem der „Zürich-Krimis“ mit Christian Kohlund nicht auf Dauer zu einseitig für dich?
Julius: In einer Folge von „Notruf Hafenkante“ habe ich Patrick Leopold gespielt, einen „echten“ deutschen Jungen. Die anderen Rollen mögen einseitig sein, es stört mich aber nicht. Schließlich sehe ich aus wie Yassir, Murat oder Hassan. Das ist nicht rassistisch oder mit Vorurteilen verbunden. Hassan ist zum Beispiel ein schlauer Junge, gut gekleidet.

Plan A: Fluglotse werden

BT: Wenn man dich für Abdul casten würde, einen Drogen dealenden Kleinkriminellen am Kotti in Berlin – würdest du zusagen?
Julius: Wenn es nur am Rande um das Drogenverticken gehen würde, das würde ich sicher ablehnen. Wenn es aber eine größere Rolle ist, die sich entwickelt, dann vielleicht ja.

BT: Möchtest du Vollzeit-Schauspieler werden oder hast du einen Plan B?
Julius: Ich habe einen Plan A und Schauspieler ist Plan C. Weil es doch ein relativ risikoreicher Beruf ist. Ich fokussiere mich auf Schule und Beruf.

BT: Und was ist Plan A?
Julius: Ich bin im Auswahlverfahren für Fluglotsen. Das war schon immer mein Traumjob, schon mit zehn Jahren.

Zur Person

Julius Gabriel Göze wurde 2004 in Berlin geboren. Mit seinen Eltern und zwei kleineren Geschwistern wohnt er im Bezirk Pankow. Der 17-Jährige besucht ein Gymnasium und bereitet sich derzeit auf die Abiturprüfungen vor.

Seinen ersten Fernsehauftritt hatte Göze als syrischer Flüchtlingsjunge Yassir in der ZDF-Jugendserie „Dschermeni“ (2017, sechs Folgen). Zusammen mit den Kindern Moritz, Aminata und Ruyet erlebt er Alltag und Schicksal von Flüchtlingen in Deutschland aus eigener Perspektive. Die Freundschaft der vier Kinder wächst, ist aber von Angst vor der Abschiebung geprägt. „Dschermeni“ wurde mehrfach ausgezeichnet. Die sechs Folgen und viele Hintergründe sind noch bis 3. Februar in der ZDF-Mediathek zu sehen.

An der Seite von Dieter Hallervorden und Alwara Höfels spielte Göze sowohl im ZDF-Fernsehfilm „Mein Freund, das Ekel (2019) als auch in der sechsteiligen Fortsetzung als Serie (2021) mit. Hallervorden brilliert in der Komödie als pedantischer pensionierter Lehrer Olaf Hintz, der mit der chaotischen alleinerziehenden Mutter Trixie Kuntze zusammenleben muss. Göze mimt Murat, einen von Trixies Söhnen. Mit rund acht Millionen Zuschauern erreichte die Gesellschaftskomödie einen Spitzenwert für das ZDF und gewann zahlreiche Preise. Film und Serie sind noch bis Juli beziehungsweise September in der ZDF-Mediathek zu sehen.

Einen weiteren Filmauftritt hatte der junge Berliner unter anderem im Zürich-Krimi „Borchert und der fatale Irrtum“ mit Christian Kohlund (ARD, 2020).

Schwieriges Ankommen in Deutschland: Julius 2017 als syrischer Flüchtlingsjunge Yassir in „Dschermeni“. Foto: ZDF

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Schwieriges Ankommen in Deutschland: Julius 2017 als syrischer Flüchtlingsjunge Yassir in „Dschermeni“. Foto: ZDF

Die Messdiener-Tradition wird weitergegeben: Julius (rechts) mit seinem Vater und seinem Bruder. Foto: privat

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Die Messdiener-Tradition wird weitergegeben: Julius (rechts) mit seinem Vater und seinem Bruder. Foto: privat

Ihr Autor

BT-Redakteur Volker Neuwald

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Erstellt:
24. Dezember 2021, 13:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 6min 28sec

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