„Jäger der Nacht“ – vom Rotor erschlagen

Stuttgart (vn) – NABU und Fledermausexperten legen ein Schutzkonzept für die bedrohten Tiere vor. 18 von 23 Arten gelten als „windenergiesensibel“. Mit Windrädern kommen sie nicht zurecht.

Bechsteinfledermaus im Anflug. Foto: Dietmar Nill/NABU

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Bechsteinfledermaus im Anflug. Foto: Dietmar Nill/NABU

Ein Artenhilfsprogramm für Fledermäuse fordern der Naturschutzbund (NABU) Baden-Württemberg und die Arbeitsgemeinschaft Fledermausschutz (AGF). Am Montag haben sie in Stuttgart ein Konzept vorgestellt. Es soll die Grundlage für alle Bemühungen werden, die stark gefährdeten Populationen zu erhalten. Zugleich ist es eine Kampfansage: Der geplante massive Ausbau der Windenergie dürfe nicht zulasten des Artenschutzes erfolgen.
1.000 neue Windräder auf zwei Prozent der Landesfläche, überwiegend im Wald, und das Ganze möglichst schnell – so fasst der NABU-Landesvorsitzende Johannes Enssle einige landespolitische Prämissen für die Energiewende zusammen. Er beklagt den hohen Druck und einen „Überbietungswettbewerb“ bei den Forderungen.

Auf der anderen Seite gehören 18 der 23 heimischen Fledermausarten zu „windenergiesensiblen“ Arten. Die Bestände sind großteils stark gefährdet. Und die Natur hat die Tiere nicht auf Windräder vorbereitet: „Fledermäuse können trotz ihrer hochsensiblen Echo-Ortung die sich schnell bewegenden Rotoren so gut wie nicht orten und werden von ihnen erschlagen“, schildert die AGF-Vorsitzende Ingrid Kaipf. Viele fallen auch einem „Barotrauma“ zum Opfer: Bedingt durch Verwirbelungen und den Druckabfall hinter den Rotorblättern platzen die Lungen und inneren Organe der Tiere. Schließlich können durch die für den Bau der Anlagen notwendigen Rodungen Fortpflanzungs- und Nahrungshabitate für die auf Insekten angewiesenen „Jäger der Nacht“ verloren gehen.

Konfliktpotenzial auf Karten

Mit dem Schutzkonzept von NABU und AGF liegen jetzt erstmals für ganz Baden-Württemberg Karten vor, die exakt zeigen, wo mit hohem Konfliktpotenzial zwischen Fledermäusen und Windrädern zu rechnen ist. Das sind große Teile des Landes, räumen die Naturschützer ein. Konkret zählen zum Beispiel weite Teile des Stadtkreises Baden-Baden dazu, aber auch die Oberrheinebene.

Enssle bestätigt auf Nachfrage dieser Zeitung, dass auch einige der von Forstminister Peter Hauk im Staatswald für die Windkraft offerierten Flächen „dunkelrot“ seien, also hochgradig konfliktbehaftet. Er bedaure, dass ForstBW darauf im Vorfeld nicht stärker geachtet habe. Der NABU habe auf die Problematik hingewiesen.

Das Schutzkonzept enthält einen Katalog konkreter Maßnahmen und eine Übersicht der dafür notwendigen finanziellen Ressourcen. Erstellt wurde es vom Freiburger Institut für angewandte Tierökologie mit Daten von NABU und AGF. Die Verbände haben das Konzept auch finanziert.

Besondere Bedeutung haben Maßnahmen im Wald: „Es wäre sinnvoll, etwa 23.000 Hektar Waldfläche in Baden-Württemberg besonders fledermausfreundlich zu gestalten“, sagt Kaipf, „auch wenn Forstminister Hauk das ungern hören wird“. In der Regel sollte das durch den Verzicht auf forstliche Nutzung geschehen. „Die sich dann entwickelnden, urwaldähnlichen Waldstrukturen sind für Fledermäuse besonders wertvoll“.

Lichtverschmutzung reduzieren

Im Siedlungsbereich gehe es darum, die Lichtverschmutzung zu reduzieren. In der Landwirtschaft hilft es Fledermäusen, wenn Pflanzenschutzmittel reduziert und insektenfreundliche Blühflächen angelegt werden.

Um das Risiko von Kollisionen zu reduzieren, müssten die Windräder in Zeiten erhöhter Fledermausaktivität abgeschaltet werden. Kaipf fordert entsprechende Mechanismen für alle Anlagen, auch die alten.

Um die Strukturen für den Fledermausschutz zu professionalisieren und das wichtige Monitoring aufzubauen, rechnen NABU und AGF mit Kosten von rund 1,5 Millionen Euro als Grundstock. Insgesamt, so hatten die Naturschutzverbände Anfang März berechnet, dürften rund 30 Millionen Euro jährlich notwendig sein, um Artenhilfsprogramme für windenergiesensible Vogel- und Fledermausarten umzusetzen.

Ihr Autor

BT-Redakteur Volker Neuwald

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Erstellt:
14. März 2022, 21:30 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 35sec

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