Jährlingsauktion in Iffezheim: Wenn der Hammer fällt

Iffezheim (fk) – Die Jährlingsauktion der BBAG gilt als eine der bedeutendsten für Jährlinge in ganz Europa. Das BT blickt hinter die Kulissen.

Nächstes Gebot: Die Versteigerung im Badischen gilt als eine der bedeutendsten für Jährlinge in ganz Europa. Foto: Frank Vetter

© fuv

Nächstes Gebot: Die Versteigerung im Badischen gilt als eine der bedeutendsten für Jährlinge in ganz Europa. Foto: Frank Vetter

Es ist ein lauter Schrei, der die Menschen in der Auktionshalle still werden lässt. Gespräche verstummen zu einem leisen Raunen. Der Schrei, fast ein Urschrei, ist der Kehle eines sogenannten Spotters entfahren und signalisiert, dass der Bieter auf der rechten Seite soeben seinen Kontrahenten um 25.000 überboten hat. 475.000 Euro lautet das neue Gebot.
Auktionator und Pferdeexperte Daniel Delius blickt in die Mitte, dorthin, wo der zweite Bieter für den britischen Hengst Cracksking in der Iffezheimer Auktionshalle sitzt. „475.000, 475.000 sind geboten“, unterstreicht Delius. Doch aus der Mitte kommt keine Reaktion.

Der Auktionator lehnt sich nach vorne, stützt die Unterarme auf das Pult, so als wollte er in einem Festzelt eine launige Rede halten: „475.000. Ach kommen Sie, einmal noch. Es schreibt sich auch viel besser. Einmal noch. Ein Bild von Pferd, was ganz Besonderes.“ Wieder keine Reaktion. Wieder hebt Delius an: „475.000... Zum Ersten, zum Zweiten. Letzte Chance...“ Doch es kommt nichts mehr vom Bieter in der Mitte. Delius richtet sich auf, staatsmännisch, greift zum Hammer. Ein kurzer Knall auf das Pult besiegelt um 12.48 Uhr den Kauf: „475.000 zum Dritten, Dankeschön. Der Bieter auf der rechten Seite, 475.000.“

Was jenen Bieter am Rande der Tribüne dazu bewogen hat, bei der Iffezheimer Jährlingsauktion den Gegenwert eines Hauses für den knapp eineinhalb Jahre alten Fuchshengst auszugeben, bleibt im Dunkeln. Für die Käufer beim Bieterwettstreit der Baden-Badener-Auktionsgesellschaft (BBAG) spielen viele Dinge eine Rolle. Da ist zum einen die Abstammung. Im Auktionskatalog, in dem alle Galopper aufgelistet sind, werden sowohl die Väter als auch die Mütter und Geschwister sowie weiter zurückreichende Generationen und deren Erfolge im Galoppsport (sofern vorhanden) festgehalten. Motto: Wenn Vater und Mutter schon gute Galopper waren, könnte das Fohlen ja auch ziemlich gut sein.

Röntgenaufnahmen vorrätig


Und dann sind da natürlich Aussehen und Gang der Tiere; überhaupt der gesamte Bewegungsablauf. Auf ihn achten Trainer und Käufer im Vorfeld der Auktion ganz genau. Tagelang beobachten sie oft die Pferde, die in vielen Fällen schon ab Mittwoch auf dem BBAG-Gelände untergebracht sind.
Die Gestüte wiederum betreiben einen erheblichen Aufwand, um ihre Pferde entsprechend zu präsentieren und potenzielle Käufer zu überzeugen. So hält etwa das Großgestüt Fährhof, das dem früheren Baden-Racing-Präsidenten und Kaffeeerben Andreas Jacobs gehört, sowohl Röntgenaufnahmen der Pferde als auch Untersuchungsberichte und Bilder des Kehlkopfs parat. Letzteres sei wichtig, damit Käufer Erkrankungen oder Verengungen, die später zu Luftnot führen könnten, auszuschließen vermögen, erklärt Jacobs im BT-Gespräch. „Und dann kommt es auch auf die Schönheit an“, fügt er hinzu. Damit die stimmt, bekommen die Pferde am Morgen der Auktion, quasi vor dem Gang auf den Laufsteg, eine Beauty-Kur verpasst.

Schönheitskur vor der Auktion: Mitarbeiterinnen des Gestüts Fährhof bepinseln die Hufe mit Fett. Foto: Florian Krekel

© fk

Schönheitskur vor der Auktion: Mitarbeiterinnen des Gestüts Fährhof bepinseln die Hufe mit Fett. Foto: Florian Krekel

So kann, wer früh genug auf dem Auktionsgelände der BBAG an der Iffezheimer Rennbahn ist, um kurz vor 8 beobachten, wie das Personal der Gestüte hier wie dort damit beschäftigt ist, Pferde zu striegeln, Stroh aus der Mähne zu kämmen und die Hufe mit einem dunkeln Fett einzuschmieren, damit sie schwarz glänzen. Augenpartie und Nüstern werden ebenfalls mit einem durch ein spezielles Öl hervorgerufenen Glanz hervorgehoben. „Das ist wie ein Highlighter beim Make-up“, schmunzelt eine der Angestellten vom Fährhof-Gestüt.

Doch das, was für die erfahrenen Käufer letztlich wirklich zählt, bleibt der Gang der Tiere. Das weiß auch Jacobs. Möglichst gerade müssten die Beine sein, die Bewegung so symmetrisch wie möglich, der Gang elastisch. „Ein Fußballklub würde ja auch keinen Spieler verpflichten, der krumme Beine hat und nicht richtig laufen kann“, unterstreicht Jacobs, der dabei mit seinen Beinen ein O formt und die Füße zum Entengang nach außen dreht.

Ein paar Meter weiter schaut sich der Mannheimer Trainer Marco Klein währenddessen zum letzten Mal bei einem seiner Favoriten für die Auktion die Bewegungsabläufe an. Bedienstete des Gestüts führen das Pferd vor seinen Augen auf und ab. Auf dem Boden hat Fährhof Gummimatten ausgelegt, damit das Tier nicht so hart auftritt. Klein achtet auf die Schrittlänge, fühlt aber auch die Temperatur der Gelenke, um mögliche Entzündungen oder sonstige Probleme erkennen zu können. Kaufen will er den Hengst, den er begutachtet, nicht für sich. Er ist von einem Besitzer beauftragt, hat ein festes Budget. Bekommt er den Zuschlag, nimmt er das Tier direkt mit ins Training.

Blick in die Iffezheimer Auktionshalle der BBAG.  Foto: Frank Vetter

© fuv

Blick in die Iffezheimer Auktionshalle der BBAG. Foto: Frank Vetter

Ein paar Meter weiter tut es ihm Bruno Grizzetti gleich. Er ist vom Lago Maggiore nach Iffezheim gereist. „Es ist alles Gefühl“, sagt der Italiener, während auch vor ihm ein Pferd auf und ab geführt wird. „Entweder es passt, oder nicht.“

Was jedoch weder er noch Klein wissen ist, ob aus den Jährlingen, die bei der Auktion angeboten werden, überhaupt jemals erfolgreiche Rennpferde werden. Denn das Training für Galopper startet im Normalfall erst im Alter von etwa eineinhalb Jahren – oft direkt nach der Auktion. Erst als Zweijährige beginnt das eigentliche Renntraining. Dabei stehen zunächst ganz banal anmutende Dinge im Vordergrund: „Wichtig ist anfangs zum Beispiel, dass das Pferd immer geradeaus und nicht in leichten Schlangenlinien über die Bahn läuft. Ist das geschafft, beginnen wir in kleinen Gruppen zu üben, so dass sich die Tiere daran gewöhnen, mit anderen Konkurrenten zu laufen“, beschreibt der Iffezheimer Trainer Gerald Geisler den tierischen Werdegang vor einiger Zeit im BT. Erst dann geht es für die Tiere auch richtig in den Renntrimm mit Galoppeinheiten von bis zu 1.600 Metern.

Erfolge im Stammbaum bringen oft hohe Erlöse


Die richtig hohen Verkaufserlöse erzielen in Iffezheim am Freitag wohl auch deshalb vor allem Nachfahren bekannter und erfolgreicher Galopper. So wechselt die noch namenlose Schwester der Spitzenpferde Dschingis Secret, Destino und Deia aus dem Gestüt Park Wiedingen für nicht weniger als 700.000 Euro den Besitzer. Gleichzeitig kommt es aber auch nicht selten vor, dass das Auktionatorentrio um Delius, sprichwörtlich schon mit dem Hammer in der Hand, dem hoffnungsfrohen Bieter mit den Worten „dafür geht es leider nicht“ einen Strich durch die Rechnung machen muss. So geschehen etwa bei einer ebenfalls noch namenlosen Stute des Gestüts Fährhof. An 43. Stelle der Auktion gesetzt, hatte sie im Vorfeld einigen Experten zwischen den Zeilen noch als einer der „Topseller“ gegolten. 190.000 Euro stehen am Ende einer kurzen Bieter-Rallye, die schon bei 150.000 Euro als Startgebot begonnen hatte, am Ende auf der Anzeigetafel. Zu wenig für die Vorstellungen des Gestüts.

Die Mindestpreise sind im Vorfeld bestens gehütete Geheimnisse und werden auch schon mal auf zusammengefalteten Zetteln mit verdeckter Hand an BBAG-Geschäftsführer Klaus Eulenberger übergeben. Die Bieter indes lassen sich meist ebenso wenig in die Karten gucken. Die Spotter, die in der Auktionshalle nach Geboten Ausschau halten, bekommen oft kaum mehr als ein Nicken oder ein kleines Zucken zu sehen. Viele der Bieter wollen anonym bleiben. Am Freitag ist es zudem zum ersten Mal möglich, online Offerten für die bei der Auktion angebotene Pferde abzugeben. Ein extra Spotter behält dafür stets den Laptop im Auge. Die meisten Gebote kommen jedoch aus dem Saal selbst, manchmal schnell wie ein Trommelfeuer, manchmal zögerlich, gar erst im letzten Moment, dann wenn Delius und Kollegen schon mit dem Hammer ausholen und das „zum Dritten“ auf den Lippen haben. Sie kommen mit einem Nicken oder einem Fingerzeig, den die Kehle des Spotters zum Urschrei macht: „Jeap“. Zu jenem Schrei, der dann und wann das angespannte Murmeln der Halle durchbricht und die Menschen still werden lässt.

Ihr Autor

BT-Redakteur Florian Krekel

Zum Artikel

Erstellt:
4. September 2021, 11:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 4min 52sec

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Orte


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.