Jaguare und andere Schnurrkätzchen

Bühl (fvo) – Der gelernte Kfz-Meister Roland Schmidt hat sich auf die Reparatur von Oldtimern spezialisiert. Er bringt ganz besondere motorisierte Schätze auf Vordermann.

Klarer Fall für den Fachmann: Roland Schmidt inspiziert den zugänglichen, aber für Laien leicht unübersichtlichen Motor des Jaguar Daimler Double Six. Foto: Franz Vollmer

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Klarer Fall für den Fachmann: Roland Schmidt inspiziert den zugänglichen, aber für Laien leicht unübersichtlichen Motor des Jaguar Daimler Double Six. Foto: Franz Vollmer

Wo bitte geht’s hier nur zur Zündkerze? Die Frage ist berechtigt, aber irgendwo auch etwas fies für einen Laien – bei dem kleinen Dschungel aus Kabeln und Kolben, den so ein V12-Zylinder entfaltet. Doch spätestens, wenn Roland Schmidt eins seiner eigenen vierrädrigen Raubtierkätzchen schnurren lässt, wird einem klar: Hier ist ein echter Technikliebhaber am Werk.

„Den Traum, mich selbstständig zu machen, hatte ich schon lang“, erzählt Schmidt. Anfang 2019 setzte es der gelernte Kfz-Meister und ehemalige Werkstattleiter bei Jaguar Bühl um. Alte Autos waren nun mal schon immer die Leibspeise des 59-Jährigen aus Moos. Dabei deutet in der aufgepäppelten Doppelgarage erst mal wenig auf eine Oldtimer-Reparaturwerkstatt hin, sofern man das Schild „Zertifizierter Fachbetrieb für historische Fahrzeuge“ am Eingang übersieht. Drehbank, Presse, Bohrmaschine. So weit, so gewöhnlich. Die Hebebühne, der kleine Kran zum Motorausbau und so manches kuriose Testgerät verraten dann aber doch, dass der Kundendienst hier ein spezieller ist. Eine Instandhaltungsarbeit, die viel mit Zerlegen, Reinigen, Abdichten zu tun hat, aber auch mit Schaltplanstudium und komplizierter Fehlersuche. Bei konventioneller Zündung und Vergasertechnik kein Wunder. „Wenn was nicht läuft, muss man schon mal den Vergaser komplett zerlegen“, erzählt Schmidt mit Blick auf die geregelten Einspritzsysteme heute. So kam jüngst etwa ein Jaguar auf den OP-Tisch, bei dem (tagsüber kein Problem) das Abblendlicht einfach nicht mehr ging.

„Akustisch am Rande der Legalität“

„Ziel ist, aus technischer Sicht eine zuverlässige Grundlage zu schaffen, dass man mit ein bissel Wartung hinkommt und nicht viel investieren muss“, sagt Schmidt. Sorglos-Paket also. „Das Auto muss so dastehen, dass man sich reinsetzt und losfährt.“ Bibbern, ob die Kutsche anspringt, ist ein No-Go in Sachen Fahrgenuss.

Aktueller Patient ist ein Jaguar Daimler Double Six mit coolem Kühlergrill und schnuckligen Scheibenwischern auf den Scheinwerfern. Das Spitzenmodell des Nobelherstellers wird gerade auf sein 30. Wiegenfest vorbereitet und somit seinen Aufstieg in die Liga der H-Kennzeichen, sprich in den Oldtimerstatus (was dem Besitzer steuerlich günstiger kommt). Die vom Gutachter parallel erstellte Zustandsnote wiederum ist wichtig für die Versicherung.

Und was war der spektakulärste Gast bis dato in den heiligen Hallen? „Der steht hier“, sagt Schmidt, zieht eine weiße Decke weg und gibt den Blick frei auf einen heißen himmelblauen Boliden mit orangenem Mittelstreifen, der sein eigen ist und wohl jedes Herz mit Benzin im Blut höher schlagen lässt. Ein Ford GT 40 (Baujahr 63) in klassischem Gulf-Farbmix und mit spartanischer Ausrüstung. „Das ist ein reiner Rennwagen. Der hat nur das, was er zum Fahren braucht“, so Schmidt. Kein Aschenbecher, kein Radio, aber ganz viel Aura. Umso mehr, als die 250 PS starke Kiste nicht mal wasserdicht ist und bei über 200 Sachen so pfeift, dass man freiwillig langsam fährt.

Im Sandstrahlgerät werden schwer schleifbare Teile auf Hochglanz poliert. Foto: Franz Vollmer

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Im Sandstrahlgerät werden schwer schleifbare Teile auf Hochglanz poliert. Foto: Franz Vollmer

„Akustisch ist das schon hart am Rande der Legalität“, gesteht der Besitzer schmunzelnd, wobei der dumpfe Sound des 5- Liter-Motors vom TÜV abgenommen klingt, als würden zwölf verliebte Raubtierkatzen schnurren. Auch aus dem Leerlauf heraus im vierten Gang anfahren ist für den V8-Zylinder kein Problem. „Der ist alltagstauglich“, schwört Schmidt, „damit bin ich auch schon zur Arbeit gefahren“. Er hat damit aber auch, nebst dem Porsche 911 SC 3.0 (Baujahr 1981) und dem Opel GT (1972), die im Hof stehen, regelmäßig Oldtimerveranstaltungen wie die Schlossberg Historic oder Baden-Classic beehrt und erlebt, dass der Gegenverkehr umkehrt, nur um vom heißen Gefährt ein Foto zu machen.

In der Regel verbringen die edlen Karossen eine Woche in der Schmidtschen Garage. Kurzzeitgäste sind selten, einen Tag braucht es oft schon zur Fehlerdiagnose. Ganz zu schweigen von der Suche nach passenden Ersatzteilen im Internet. Technisch gescheitert ist Schmidt indes noch nie. „Irgendeine Lösung gibt es immer“, sagt er schmunzelnd. Auch Nachfrage ist da. Homepage – Fehlanzeige. Man lebt von Mund-zu-Mund-Propaganda, getreu dem Wahlspruch „eins nach dem andern“.

Antiquierte Spezialtestgeräte

Hierbei dienen einige antiquierte Spezialtestgeräte wie der Unterdruck- oder Abgasmesser, aber auch jene vorsintflutlich anmutende Zündlichtpistole, mit der man die komplexe Einstellung des Zündzeitpunkts vornimmt. Alles manuelle Arbeiten, die heute der Computer, sprich das Auslesegerät abnimmt und kaum ein Lehrling noch beherrscht, Gleiches gilt für Vergasereinstellen. „Es wird ja auch nicht praktiziert“, weiß Schmidt, der selbst bei der Innung Prüfungen abnimmt.

Auch beim GT 40 musste er sich auf seinen Sachverstand berufen: Die nicht ganz billige Sonderfertigung – eine Replika, sprich Nachbau des Originals, von denen es weltweit nur 120 Stück gibt („Das ist dann schon so fünf Mille wert“) – gab es nur ohne Probefahrt, aber mit Glück. Der aus NRW stammende Vorbesitzer hatte offenbar die Höhe des Autos falsch eingeschätzt, das – obwohl man gefühlt auf dem Asphalt sitzt – nur eben 40 Inch (1,02 Meter) misst. Ein bisschen wenig auf die Dauer, wenn man selbst 1,96 Meter groß ist.

Mit Glasperlen auf Hochglanz poliert

Über Spritverbrauch redet man ohnehin nicht. „Entweder man will so ein Auto fahren – oder nicht.“ Dass die Kiste schlappe 20 bis 25 Liter Superplus auf 100 Kilometern schluckt, kann man sich denken. So ist das eben, wenn elf Liter Öl durch den Motorblock rauschen. Karosserie ist übrigens nicht sein Thema, dafür bräuchte man eine Lackiererei. Mit durchgerosteten VW-Bussen kann man ihn auch jagen. Einzig eine Sandstrahlanlage hat er sich gegönnt. Ein futuristischer Apparat mit Gummihandschuhvorrichtung, die etwas von Hochsicherheitslabor hat: Mit Pressluft und ultrafeinen Glasperlen werden schwer schleifbare Teile wie die Rillen eines Motorrad-Zylinders auf Hochglanz poliert. „Die strahlen dann wie neu“, so Schmidt. Überhaupt dominiert als Philosophie das Prinzip Nachhaltigkeit, möglichst viele Originalteile wiederzuverwenden.

Und was macht nun den Meister aus? Salopp gesagt, selbst ein bisschen Oldtimer sein. „Erfahrung und Hintergrundwissen sollte man schon mitbringen“, weiß Schmidt. Sagt einer, der 25 Jahre Teilhaber einer auf Oldtimer spezialisierten Werkstatt war und dort vom Renault Alpine über Bentley, Rolls Royce bis hin zum 500er Fiat und Goggomobil schon alle möglichen Fabrikate zwischen den Fingern hatte. Demnächst kommt übrigens eine Isetta rein. Klar ist jedenfalls: Dieser Beruf ist nicht Beruf, sondern Liebhaberei. Der Übergang von Arbeit und Hobby ist fließend. Deswegen wird bei Schmidt wohl auch mit 65 noch lang nicht Schicht im Schacht sein und der Begeisterungsfunke zünden.

Ihr Autor

BT-Redakteur Franz Vollmer

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Erstellt:
25. Mai 2021, 18:00 Uhr
Lesedauer:
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