Jahrhundertprojekt in Gernsbach startklar

Gernsbach (stj) – Die Entwicklung des Wörthgartens (ehemals Pfleiderer-Areal) nimmt Fahrt auf: Am Montag, 26. Juli, soll das Projekt vom Gemeinderat in die erneute Offenlage geschickt werden.

Willkommen in Gernsbach: Neben dem Bahnhof entsteht eingangs der Stadt ein Kreisel, der unter anderem zum neuen Fitterer-Edeka im Wörthgarten führt. Dieser erhält mit Klinkersteinen eine wertige Fassadengestaltung. Foto: Büro Müller und Huber

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Willkommen in Gernsbach: Neben dem Bahnhof entsteht eingangs der Stadt ein Kreisel, der unter anderem zum neuen Fitterer-Edeka im Wörthgarten führt. Dieser erhält mit Klinkersteinen eine wertige Fassadengestaltung. Foto: Büro Müller und Huber

Das Erscheinungsbild eingangs der Papiermacherstadt wird sich grundlegend verändern: Wo derzeit die letzten überirdischen Reste des alten Imprägnierwerks aus den Zeiten von Katz & Klumpp beseitigt werden, soll in den nächsten Jahren ein vielseitiger Nutzungsmix auf einem weitgehend altlastenfreien Gelände entstehen: Unter dem Namen Wörthgarten soll ein weiterer Anziehungsmagnet die zentrale Lage Gernsbachs spürbar aufwerten und beleben.

Bürgermeister Julian Christ und Bauamtsleiter Jürgen Zimmerlin sprachen beim Pressetermin vor der nächsten Gemeinderatssitzung am Montag, 26. Juli, bei der die Kommunalpolitiker das Vorhaben für die erneute Offenlage freigeben sollen, von einem „Jahrhundertprojekt“. Sie stellten die wesentlichen Planänderungen vor, die seit April 2019 eingearbeitet worden seien.

Zuletzt war es still, aber hinter den Kulissen wurde eifrig geschafft

Seither schien es still gewesen zu sein um die weitere Entwicklung des Areals am Stadteingang. Doch die Stadtverwaltung habe die verstrichene Zeit seit der ersten Offenlage genutzt und intensive Abstimmungsgespräche mit dem Regierungspräsidium Karlsruhe, dem Landratsamt Rastatt, der Krause-Gruppe als Projektträger sowie zahlreichen Fachbüros geführt.

Im Ergebnis stehe nun die Genehmigungsplanung für die erforderlichen Hochwasserschutzmaßnahmen sowie die weiteren Gutachten und Stellungnahmen für das Bebauungsplanverfahren. Zwei dicke Aktenordner mit fast 1.300 Seiten seien dabei zusammengekommen. Sie wurden kürzlich als Sitzungsvorlage an den Gemeinderat übergeben. Dort zeichne sich laut Christ eine „sehr klare Mehrheit“ für das Projekt ab, in das die Krause-Gruppe (Bayreuth) eigenen Angaben zufolge mehr als 60 Millionen Euro investiert und für das im September der Satzungsbeschluss erfolgen soll.

Für die Bebauung des Areals gebe es bereits einen detaillierten Zeitplan, aus dem hervorgeht, wann welche Baumaßnahme beginnt. Die Sanierung der Altlasten soll im Herbst dieses Jahres angegangen werden. Die Hochwasserschutzmaßnahmen sowie der Bau des Edeka und des Lidl starten dann voraussichtlich noch in der ersten Jahreshälfte 2022. Das Quartier für betreutes Wohnen geht 2023 in die Erstellung. Für eine erste kleinere Maßnahme, den Bau der Brücke im Nordbereich des Wörthgartens, liegt der Stadtverwaltung bereits ein Bauantrag vor. „Mit der weitgehenden Entfernung der Altlasten sowie einem vielseitigen Nutzungsmix haben wir einen überzeugenden Vorschlag für eine klimaneutrale Entwicklung des Areals“, meint der Bürgermeister und gibt sich optimistisch, dass sich die „Gernsbacher wünschen, dass hier endlich etwas entsteht“.

Kreisel am Bahnhof, Problem in Bleichstraße

Christ wertet es als großen Verhandlungserfolg, dass der Investor „ökologisch eine ganze Schippe draufgelegt“ habe. So investiere Krause jetzt mit 7,2 Millionen Euro deutlich mehr in die Altlastenentsorgung als zunächst angenommen (4,5 Millionen Euro waren verbindlich vereinbart). Das hat mit den Tiefgaragen unter dem Edeka und dem größeren Wohnkomplex auf der Anlage zu tun, die zunächst nicht eingeplant waren. Erfreulich sei zudem, dass die Gebäude (laut Christ erstmalig bei einem Großprojekt in Gernsbach) als Effizienzhaus-Standard 55 geplant, die Dächer begrünt und mit Photovoltaik ausgestattet werden. Circa 80 Wohnungen und weiteren 35 im betreuten Wohnen soll der Wörthgarten mal bieten. Alle Gebäude werden barrierefrei gestaltet, erläuterte Zimmerlin das Konzept.

Ein Problem bleibt der Verkehr, der künftig verstärkt durch die Stadt fließen dürfte. Denn wer zum Wörthgarten will, der nutzt wohl weder auf dem Hin- noch auf dem Rückweg den Tunnel. Das belastet das Nadelöhr Bleich-/Igelbachstraße zusätzlich. Um dies zu verhindern, hatte man in Gernsbach gehofft, dass die B462 an der Essel einen weiteren Kreisverkehr bekommt, um so die Möglichkeit zu haben, das Blech unter die Erde zu leiten. Doch vom Land gab es dafür eine Absage. Jetzt werde es erforderlich sein, so Christ, politischen Druck (auch über die mittelbadischen Abgeordneten) aufzubauen, um eine gute Lösung für Gernsbach zu finden. Schließlich liege es auch im Interesse von Bund und Land, dass der Tunnel stärker genutzt werde – gerade angesichts der derzeit laufenden millionenschweren Nachrüstung der Röhre mit Rettungstreppenhäusern.

Ökologische Baubegleitung

Bei den derzeit laufenden Maßnahmen auf dem Pfleiderer-Areal handelt es sich ausschließlich um das Brechen von bestimmten Gesteinshaufen. Diese wurden im Vorfeld durch die ökologische Baubegleitung in Absprache mit der Unteren Naturschutzbehörde festgelegt. Das teilt Sébastien Oser, Leiter des Amts für Baurecht, Klima- und Naturschutz und öffentliche Ordnung im Landratsamt Rastatt, auf BT-Anfrage mit. Auf dem gesamten Plangebiet seien Mauereidechsen kartiert worden, die gemäß Bundesnaturschutzgesetz als streng geschützt eingestuft sind. Demnach ist es verboten, wild lebende Tiere der streng geschützten Arten während der Fortpflanzungs-, Aufzucht- und Überwinterungszeiten erheblich zu stören und die Fortpflanzungs- oder Ruhestätten der Tiere zu beschädigen oder zu zerstören. „Durch den Vorhabenträger wurde nachvollziehbar dargelegt, dass auf den Haufen, die derzeit gebrochen und aufbereitet werden, keine Eidechsen mehr nachgewiesen werden konnten“, erklärt Oser. Weiter sei durch geeignete Maßnahmen sichergestellt worden, dass durch die Arbeiten keine artenschutzrechtlichen Verbotstatbestände eintreten können. Zudem werden die Arbeiten in enger Abstimmung mit einer ökologischen Baubegleitung durchgeführt. Die Maßnahmen wurden per Verfügung durch die Untere Naturschutzbehörde geregelt, die deren Umsetzung auch kontrolliert, so Oser.

Unvernünftig: Ein Kommentar von Stephan Juch

Egal, was man von den Plänen „Im Wörthgarten“ hält, sie sind und bleiben unvernünftig. Das zeigt nicht zuletzt die jüngste Katastrophe in Rheinland-Pfalz, Nordrhein-Westfalen, Sachsen und Bayern. Während viele schnell den Klimawandel als Hauptschuldigen für die verheerenden Starkregen-Ereignisse und ihre Folgen ausfindig gemacht haben, ist die Ursache wohl eher in der beharrlichen Weigerung zu finden, endlich mal präventiv zu denken. Zum Beispiel bei der Frage, wie wir unseren direkten Lebensraum, unsere Städte und Gemeinden planen. Durch die schier unaufhaltsame Versiegelung von Flächen gehen ökologische Funktionen des Bodens im Naturhaushalt selbst sowie Lebensräume für Flora und Fauna immer mehr verloren; gleichzeitig steigt die Hochwassergefahr. Um die einzudämmen, gibt es das Wassergesetz, das aber Schlupflöcher gewährt. Durch ein solches versucht sich die Stadt Gernsbach als zuständige Planungsbehörde beim ehemaligen Pfleiderer-Areal zu zwängen. Denn dort dürfte man nach aktueller Gesetzeslage in Baden-Württemberg gar nicht bauen, weil der künftige „Wörthgarten“ statistisch einmal in hundert Jahren überflutet wird. Solche Bereiche sind per Gesetz als Überschwemmungsgebiete festgesetzt; für sie gilt ein „Verbot der Errichtung und Erweiterung von baulichen Anlagen“. Um das zu umgehen und circa 80 Prozent der rund 25.000 Quadratmeter großen, teils stark belasteten Nutzfläche eingangs der Stadt mit massiven Gebäuden und Parkflächen zu versiegeln, werden unter anderem umfangreiche Hochwasserschutzmaßnahmen ergriffen. Auf derlei Investitionen warten die Bewohner murgaufwärts in der Schloss- und in der Igelbachstraße schon ewig. Vorausschauend wäre es für die Stadt sinnvoller (und sicherer), man würde die bestehenden Siedlungsgebiete bis hin zur Stadtbrücke einem konsequenten Hochwasserschutz unterziehen und auf dem Pfleiderer-Areal die Chance ergreifen, es zu entgiften, zu renaturieren und als multifunktionalen urbanen Retentionsraum („City Polder“) zu gestalten. Dafür gibt es aber keine Investoren und keine Gewerbesteuer. Und auch neue Wohnungen entstehen dadurch nicht. Deshalb wird vielerorts lieber weiter fleißig versiegelt. Und wenn die nächste Katastrophe, die auch uns ereilen kann, da ist, dann fragt man sich: Wie konnte das passieren?


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