James-Ensor-Ausstellung in Mannheim

Mannheim (sfe) – Die Kunsthalle Mannheim zeigt eine Retrospektive für den belgischen Künstler James Ensor. International bekannt wurde Ensor als Meister der Masken.

Das Werk von James Ensor ist tief in der Geschichte der Kunsthalle Mannheim verwurzelt: Das Gemälde „Der Tod und die Masken“ von 1897 gehörte einst zur Haussammlung, jetzt ist es nur ausgeliehen.  Foto: Uwe Anspach/dpa

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Das Werk von James Ensor ist tief in der Geschichte der Kunsthalle Mannheim verwurzelt: Das Gemälde „Der Tod und die Masken“ von 1897 gehörte einst zur Haussammlung, jetzt ist es nur ausgeliehen. Foto: Uwe Anspach/dpa

Der alte Maler posiert für den Fotografen. Segnend schwebt seine Rechte über den Tasten eines Harmoniums. Statt der Noten sind dicht an dicht Bilder und Bildchen aufgelegt. Über dem Instrument hängt der „Einzug Christi in Brüssel“, sein Hauptwerk. Noten lesen kann James Ensor nicht, musiziert wird trotzdem. Immer auf den schwarzen Tasten, die weißen hasst er. Stundenlange Improvisationen in einem zum Ersticken mit Bildern, Teppichen und Krimskrams gefüllten Zimmer.

Der Meister der Masken, Totenköpfe und Gerippe weiß, wie man sich inszeniert. Der Karneval von Ostende mit seinen skurrilen Verkleidungsritualen ist seine Leidenschaft von Kindesbeinen an, der Souvenirladen der Familie in der Rue Longue seine Kunst- und Wunderkammer. Dort haust er bis zum Umzug im Haus eines Onkels im Oberstübchen, von wo aus man die Dächer der Stadt und dahinter das Meer sieht. Hier bastelt er an der Legende vom ausgestoßenen und verkannten Künstler, denn die steil begonnene Karriere ist ins Stocken geraten. Selbst den Fortschrittlern der Künstlergruppe „Les XX“ ist Ensor zu wild, seine Originalität zu unkontrolliert. Dabei kann er doch so viel.

Aus gierig angesaugten Einflüssen gewinnt sein Werk Breite, Tiefe und Substanz. Courbets realistische Lektion ist bald abgetan. Der Impressionismus der einsamen „Austernesserin“ bleibt Episode. In vor Leidenschaft brodelnden Landschaften steigert er Turners Farbnebel zur Selbstfeier der eigenen Virtuosität. Hieronymus Boschs Welttheater fasziniert ihn und die dämonische Welt japanischer Masken. In graphischen Satiren nimmt er die Spur von Goyas „Caprichos“ und Callots Grotesken auf. Holt sich Regieanweisungen beim Lichtkünstler Rembrandt, träumt vom Bauern-Brueghel und sieht sich als Erbe der großen flämischen Malerei.

Ein unschlagbarer Kolorist

1887 sterben Vater und Großmutter, Ensor selbst erkrankt schwer. Auf einmal ist der Tod im Haus. Plötzlich steht ein Skelett malend an der Staffelei. Helle und kalte Farben illuminieren die zum immerwährenden Ausnahmezustand ausgebaute Kleinbürgerwelt. Nur keine Gefühlsduseleien! „Schließlich habe ich mich, von meinen Nachfolgern gejagt, heiteren Sinnes in jene Einsamkeit verbannt, in der – ganz Gewalt, Licht und Pracht – die Maske thront,“ schreibt er später. „Die Maske bedeutet mir Frische des Tons, überspitzter Ausdruck, prächtiger Dekor, große unvermutete Geste, ungehemmte Bewegung, erlesene Turbulenz.“

Großzügig lässt er das Erhabene ins Lächerliche, die Groteske ins Alltägliche sickern. Das schwere, dunkeltonige Frühwerk geht, das Makabre bleibt. Die böse Satire, die in zuckersüße Rokokofarben ausglitschende Blasphemie, der Hass auf alles, was Obrigkeit heißt. Ensor ist der Messias hoch über den Köpfen einer karnevalesk aufgebrezelten Menge und der Gehängte, um den sich zwei Skelette balgen. Muscheln, Masken und Meeresgetier versammelt sich auf chaotisch bestückten Bildbühnen, obszön stellt ein toter Rochen seine Fleischlichkeit aus. Aschiges Rosa quält die Augen, das Weiß der Maskenbilder ist fahl wie die Schminke von Clowns und billigen Komödianten. Ensor ist ein malender Kotzbrocken. Als Kolorist ist er unschlagbar.

Ausstellung läuft bis zum 3. Oktober

Drei Bilder stehen im Zentrum der akribisch nach den Themen Selbstbildnis, Maske, Tod und Stillleben sortierten Ausstellung in der Mannheimer Kunsthalle. Aus dem Museum der Schönen Künste Lüttich kam mit dem „Tod und die Masken“ ein nur ausnahmsweise ausgeliehenes Hauptwerk. Es gehörte bis zu seiner Beschlagnahmung 1937 der Kunsthalle Mannheim, die Ensor bereits 1928 ausgestellt hatte und den Verlust 1956 durch den Ankauf des „Toten Hahns“ etwas kompensieren konnte. Es ist das gleiche Bild, das auf Ensors „Malendem Skelett“ an der Wand hängt. Grund zur Freude ist das famose Trio allemal, zumal das gewaltige, seiner Zeit weit vorauseilende grafische Werk glänzend belegt ist, darunter die epochalen „Szenen aus dem Leben Christi“ und die seltsam bukolisch anmutenden Entwürfe zur Ballettpantomime „Die Liebestonleiter“. Ensors mithilfe von zwei Musikern dazu komponierte Musik kann man an einer Hörstation abrufen. Die Ausstellung läuft bis 3. Oktober in Mannheim.

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Erstellt:
11. Juni 2021, 14:00 Uhr
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