Jede Woche eine volle Gemüsekiste

Murgtal (ham) – „Im Murgtäler Gemüsegarten kannst du dem Traum vom eigenen Garten näherkommen. Die Herkunft des eigenen Essens wird greifbar“, wirbt Michael Buchholtz für seine Mikrolandwirtschaft.

Prall gefüllt: Michael Buchholtz, ehemaliger Gärtner der Bühlerhöhe, will ökologisch orientierte Teilnehmer mit selbst angebautem Gemüse begeistern. Foto: David Urban

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Prall gefüllt: Michael Buchholtz, ehemaliger Gärtner der Bühlerhöhe, will ökologisch orientierte Teilnehmer mit selbst angebautem Gemüse begeistern. Foto: David Urban

Sein Projekt dürfte zu Zeiten des Krisen-Dreigestirns Corona, Ukraine-Krieg und Klimaveränderung bessere Chancen denn je haben, verwirklicht zu werden. Schließlich fürchten viele Versorgungsengpässe und steigende Preise. Überdies sind regionale Produkte angesagt.

Der 45-jährige Reichentaler erläutert im BT-Gespräch das Prinzip der Mikrolandwirtschaft, die Funktionsweise und die Vorteile für die „Teilnehmer“, wie er die Unterstützer selbst nennt.

Was bedeutet Mikrolandwirtschaft?
Diese ist professionelle Landwirtschaft auf kleiner Fläche. „Mehr noch: Die Kleinheit ist der Schlüssel zum Erfolg“, erläutert der gebürtige Magdeburger und schwärmt von „schmalen Beeten statt endloser Äcker“. Im Einsatz seien „hocheffiziente Handgeräte statt schwerer Traktoren“.

Michael Buchholtz, Foto: David Urban

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Michael Buchholtz, Foto: David Urban

Wie groß müssen die Anbauflächen sein und wo kommen sie her?
Buchholtz hält Randlagen an den Städten Gaggenau und Gernsbach für ideal. Von der Rathausverwaltung in Gernsbach erhielt er schon „positive Signale“, dass man seine Idee unterstützen wolle. Aber auch Äcker von Privatleuten kommen als Anbaugebiet in Betracht. Sie sollten mindestens einen halben bis ganzen Hektar (rund 5.000 bis 10.000 Quadratmeter) groß sein. „Das genügt für den Start“, weiß Buchholtz, will hernach „sanft wachsen“ und sich im Rahmen der Mikrolandwirtschaft nicht „unermesslich ausdehnen“. Das würde ja die Idee konterkarieren, weshalb der ehemalige Gärtner des Schlosshotels Bühlerhöhe, der durch die Schließung seinen „schönen“ Job verlor und sich selbstständig machte, eine Größe von „maximal zwei bis drei Hektar“ anstrebt.

Wie wird das Projekt wirtschaftlich organisiert?
Buchholtz steht der Organisationsform „offen gegenüber“. Er will diese von den „Präferenzen“ der Teilnehmer abhängig machen, ob sie lieber einen gemeinnützigen Verein gründen wollen und ihn als verantwortlichen Gärtner verpflichten oder eine Non-Profit-Gesellschaft bevorzugen und nur Kunde sein wollen. „Dass das Prinzip funktioniert, zeigen vielfache Beispiele bundesweit“, verweist der Reichentaler auf eine mehr als dreistellige Zahl an Projekten.

Kann ich bei der Mikrolandwirtschaft mitarbeiten?
Jede Mitarbeit ist willkommen, es besteht aber keine Pflicht dazu. „Wenn die Leute sagen, wir wollen nur jede Woche Gemüse abholen, ist das auch in Ordnung, dann machen wir das so“, betont Buchholtz und findet, „durch den monatlichen Beitrag unterstützen sie das Projekt schon genug.“

Wie hoch wird der monatliche Beitrag sein?
Das hängt von der Teilnehmerzahl ab. Mehrere Dutzend müssten es schon sein, stellt Buchholtz klar. Gibt es viele Unterstützer, zahlen alle weniger – bekommen aber auch weniger Gemüse, weil sich der Ertrag auf mehr Personen verteilt. Sicher ist nur eines: „In den Wintermonaten Januar bis März, vielleicht – je nach Wetter – auch bis April können wir nichts anbauen und ernten, dann müssen die Teilnehmer natürlich fairerweise auch nichts bezahlen“, betont der Reichentaler. Bei anderen Mikrolandwirtschafts-Projekten schwanken die Preise. Die unterste Schwelle liegt, forscht man im Web dazu, wohl bei rund 50 Euro pro Monat.

Von Aubergine bis Zuckersalat

Welches Gemüse wird angebaut?
Von A wie Aubergine bis Z wie Zuckerhutsalat sind mehr als 30 Gemüsearten denkbar, erläutert Buchholtz und will sich nach den Wünschen der Teilnehmer richten, wenn die sich mehr Tomaten als Endiviensalat wünschen. Nur Lagergemüse sei ausgeschlossen. „Kartoffeln, Zwiebeln und Möhren bauen Bauern auf großen Flächen aus logistischen Gründen effektiver an“, erklärt der ehemalige Erfurter und ergänzt, „jede Woche soll ein anderes Gemüse im Sortiment sein. Einige der Gemüsearten wird es in ungewöhnlichen Sorten geben, also nicht nur eine Sorte Salat, sondern einmal vielleicht Salat ,Maikönig‘, in der Woche darauf die alte Sorte ,Forellenschluss‘ und danach ,Rubinette‘. Die besondere Breite des Angebots ist mir wichtig.“ Mittelfristig sollen Kräuter und Schnittblumen dazukommen. Langfristig seien auch heimische Obstsorten oder Speisepilze denkbar.

Erhalten die Teilnehmer reines Bio-Gemüse?
Im Prinzip ja. „Den Aufwand einer Zertifizierung möchte ich mir aber am Anfang sparen“, räumt der Landschaftsgärtner unumwunden ein, betont aber, „auch wenn in der ersten Zeit keine Bio-Zertifizierung angestrebt wird, erfolgt der Anbau nach ökologischen Prinzipien.“ Buchholtz glaubt: „Durch das enge Verhältnis zu den Teilnehmern entsteht ein Vertrauensverhältnis, das mehr wert ist als das Bio-Siegel.“

Wie erhalte ich mein Gemüse?
Teilnehmer sollen einmal pro Woche innerhalb eines mehrstündigen Zeitrahmens zu einem „Abholpunkt“ kommen und dort ihre Gemüsekiste in Empfang nehmen. „Langfristig soll es aber mehr Abholpunkte geben“, hofft Buchholtz auf wachsendes Interesse.

Wie sieht der Zeitplan für das Projekt aus?
Buchholtz wirbt mit Flyern und einem Infostand, wie beim verkaufsoffenen Sonntag in Gernsbach, für das Projekt. Zudem plant der 45-Jährige eine Infoveranstaltung, um zu erkunden, ob das Interesse an dem Projekt groß genug ist im Murgtal. Falls dem so sein sollte, will er im „zweiten Schritt“ nach einer geeigneten Fläche Ausschau halten. Ist danach auch die Organisationsform durch die Teilnehmer entschieden, könnten sie dann 2023 ihre erste Gemüsekiste in eigenen Händen halten.

Welche Vorteile bietet die Mikrolandwirtschaft den Unterstützern?
Ein schonender Umgang mit den Ressourcen ist garantiert. Es werden keine spritsaufenden Traktoren etc. eingesetzt und vor allem werde auf „riesige Transportwege und beheizte Gewächshäuser“, die der Landschaftsgärtner für eine besondere Umweltsünde hält, verzichtet. Hinzu komme: „Durch die Direktvermarktung fliegt nichts weg.“ Neben der Nachhaltigkeit sieht Buchholtz sein Projekt auch als Lehrstunde für Verbraucher und Kinder. „Das Abomodell kann Orientierung über saisonale Produkte geben und zeigt, dass nicht alles wie im Supermarkt ganzjährig verfügbar ist.“ Zudem stelle die Gemüsekiste für viele „eine Erleichterung dar, weil sich die verzweifelte Frage ,Was koche ich heute?‘ erübrigt. Das gibt dann der eigene Garten vor!“

Über die Homepage von Buchholtz können Interessenten den Newsletter zum Projekt im Murgtal abonnieren und weitere Infos finden.

Projektabend: Lokale Ernährung

Im Gernsbacher Zukunftsraum findet am Donnerstag, 19. Mai, um 19 Uhr der erste Projektabend zum Thema „Lokale Ernährung“ statt. Wie sieht eine lokale Versorgung aus, die nicht nur durch gesundes Essen, sondern auch durch ein lebendiges soziales Miteinander nährt? Der Abend sei der Frage gewidmet, wie Bürger und Initiativen hier konkret zusammenwirken können, um ein gesundes und glückliches Gernsbach mitzugestalten. Der Zukunftsraum ist ein neues offenes Forum, in dem gemeinsam Initiativen für ein gutes regionales Leben unterstützt und entwickelt werden. Die Treffen finden 14-tägig am 1. und 3. Donnerstag im Monat um 19 Uhr im Kornhaus statt. Die Teilnahme ist kostenlos. Ansprechpartnerin ist Theresa Sing, Telefon (01 60) 90 52 05 73, E-Mail: theresa.sing@posteo.de.

Was bietet unsere Heimat?

„Die Chancen und Grenzen von regionalen Lebensmitteln – was bietet unsere Heimat?“. So lautet das Thema einer einstündigen Online-Infoveranstaltung am Donnerstag, 19. Mai, um 17 Uhr. Eine unabhängige Versorgung mit regionalen Produkten gewinnt laut Alicia Görig vom Landwirtschaftsamt Rastatt zunehmend an Bedeutung. Immer häufiger komme es in Krisenzeiten zu Engpässen in der Lebensmittelversorgung, wie zuletzt beim Sonnenblumenöl. Der Vortrag gibt einen Überblick über die regionalen Erzeugnisse und zeigt, wie einheimische Lebensmittel zu einem nachhaltigen, zukunftsorientierten und gesundheitsfördernden Lebensstil beitragen können. Anmeldung unter: https://rastatt.landwirtschaft-bw.de.

Ihr Autor

BT-Redakteur Hartmut Metz

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Erstellt:
9. Mai 2022, 18:12 Uhr
Lesedauer:
ca. 4min 27sec

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Jessica Kottler 10.05.202220:23 Uhr

Ich freue mich auf die Gemüsekiste Projekt.


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