Jedem zweiten Einzelhändler droht das Aus

Berlin (bms) – Wegen des anhaltenden Lockdowns droht im Einzelhandel eine flächendeckende Pleitewelle.

Wegen des anhaltenden Lockdowns droht im Einzelhandel eine flächendeckende Pleitewelle. Foto: Dedert/dpa

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Wegen des anhaltenden Lockdowns droht im Einzelhandel eine flächendeckende Pleitewelle. Foto: Dedert/dpa

Nach einer aktuellen Umfrage des Branchenverbands HDE fürchtet mehr als jeder zweite Geschäftsinhaber um seine wirtschaftliche Existenz.

„Schließungsszenario“

Und die jüngste Bund-Länder-Runde war auch kein Trost. Statt eines Öffnungsszenarios sei dort ein „Schließungsszenario“ verabredet worden, kritisierte HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth gestern. Laut Genth entsteht den rund 200.000 vom Lockdown betroffenen Handelsunternehmen ein Umsatzverlust von rund 700 Millionen Euro pro geschlossenem Verkaufstag. Die Lage ist allerdings sehr differenziert. Während die Lebensmittelbranche und der Online-Verkauf deutliche Zuwächse verzeichnen, sieht es etwa bei Schuh-, Textil- oder Schmuckläden zappenduster aus. Hier prognostiziert der HDE für 2021 Umsatzeinbußen zwischen 15 und 29 Prozent im Vergleich zu 2019, dem Jahr vor Corona. Dabei ist unterstellt, dass die Geschäfte frühestens im März, spätestens aber im Mai öffnen dürfen.

Nach den jüngsten Beschlüssen sollen Einzelhändler unter verschärften Hygieneauflagen bei einer stabilen Sieben-Tage-Inzidenz von höchstens 35 aufmachen dürfen. Die Entscheidung obliegt den Ländern. Nach jetzigem Stand könnten manche das Ziel schon Ende Februar erreichen, andere erst im Mai.

250.000 Jobs stehen auf der Kippe

Schon vor der beschlossenen Verlängerung des Lockdowns hatte der Handelsverband mit 50.000 Insolvenzen gerechnet. Insgesamt 250.000 Jobs stehen damit auf der Kippe. Nun sei das die „untere Grenze“, betonte Genth. Vor allem die Innenstädte könnten schon bald kaum mehr wiederzuerkennen sein. Nach der aktuellen HDE-Umfrage werden 65 Prozent der dortigen Geschäfte ohne weitere Hilfen aufgeben. Daher müsse auch die staatliche Unterstützung neu überdacht werden, forderte Genth. Ein Problem sind zum Beispiel die unzureichenden Abschreibungsmöglichkeiten für unverkäuflich gewordene Ware. Laut Genth werden hier bislang nur Winterartikel berücksichtigt. „Aber jetzt kommt schon die Frühjahrsware und die kann auch nicht verkauft werden.“ Deshalb müsse die Abschreibung auf die komplette Saisonware bezogen werden.

Keine besonderen Auffälligkeiten

Bei den Überbrückungshilfen sieht der HDE auch Nachbesserungsbedarf. Dabei geht es vor allem um größere Unternehmen wie Bekleidungshersteller und Handelskettenbetreiber, die ebenfalls stark unter dem Lockdown leiden. Sie fallen bei den Überbrückungshilfen durchs Raster, obwohl ihre Fixkosten wie etwa Mieten weiterlaufen. Allerdings kann man auch dort zumindest auf das verbesserte Kurzarbeitergeld zurückgreifen.

Angesichts der unklaren Perspektiven für den Einzelhandel rechnet Genth mit zahlreichen Klagen von Geschäftsinhabern. Als Argument dürfte ihnen auch eine kürzlich veröffentlichte Untersuchung über das Infektionsgeschehen von Mitarbeitern der Branche dienen. Die unter Mitwirkung der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin entstandene Studie kommt zu dem Schluss, dass das Risiko, an Covid-19 zu erkranken, für die Beschäftigten sogar noch etwas geringer ist als in der Gesamtbevölkerung. Eine wesentliche Rolle spielten sehr wahrscheinlich die von Unternehmen ergriffenen Schutzmaßnahmen wie die Abtrennung an den Kassen, Mund-Nasen-Schutz oder verstärktes Lüften, heißt es. Auch im Lebensmitteleinzelhandel gab es keine besonderen Auffälligkeiten. Dabei ist der in der Pandemie immer geöffnet gewesen.


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