Jeder Achte hängt die Schürze an den Nagel

Rastatt/Baden-Baden (for/naf) – Rund 400 Beschäftigte aus dem Landkreis Rastatt haben ihren Job im Gastgewerbe gekündigt. Auch der Baden-Badener Kreisvorsitzende der Dehoga klagt über Personalmangel.

Leben nicht vom Lohn allein: Servicekräfte sind neben ihrem regulären Einkommen vor allem auch auf Trinkgelder angewiesen. Foto: Christoph Schmidt/dpa

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Leben nicht vom Lohn allein: Servicekräfte sind neben ihrem regulären Einkommen vor allem auch auf Trinkgelder angewiesen. Foto: Christoph Schmidt/dpa

Endlich geht es wieder aufwärts: Die Biergärten füllen sich langsam wieder, und auch in den Innenbereichen der Gastronomien sind die Tische meist gut besetzt. Die Nachwehen der Corona-Pandemie sind dennoch deutlich zu spüren – „ganz besonders bei der Personalsuche“, wie Robert Amos, Geschäftsführender Gesellschafter beim Lehners Wirtshaus in Rastatt, auf BT-Nachfrage berichtet. Wegen der Pandemie habe er einige Mitarbeiter verloren.

Normalerweise kann sich Amos in diesen Zeiten – kurz nach den Abiturprüfungen – kaum retten vor Bewerbungen. „Viele wollen nach dem Schulabschluss mithilfe eines Minijobs Geld verdienen, bevor es dann mit dem Studium weitergeht“, weiß er aus Erfahrung. Das Gastgewerbe sei dafür immer eine beliebte Anlaufstelle gewesen. In diesem Jahr sei aber alles anders, klagt Amos. Die Bewerbungen bleiben aus, seit Wochen sucht er händeringend nach Personal – besonders im 450-Euro-Segment. Die Leute seien zurückhaltend, nach wie vor seien viele der Ansicht, „dass die Gastronomie derzeit kein sicherer Arbeitsplatz ist“. Das sei durchaus verständlich, „schließlich weiß keiner, ob wir im Herbst wieder schließen müssen“, meint Amos.

Während seine Arbeitskräfte während des ersten Lockdowns noch hoffnungsvoll waren, hätten im zweiten Lockdown immer mehr Mitarbeiter das Handtuch geschmissen. „Der harte Kern ist zwar geblieben, aber rund 15 bis 20 Prozent des Personals, hauptsächlich Minijobber, sind in andere Branchen abgewandert“, blickt Amos zurück. Viele von ihnen würden nun in Testzentren aushelfen.

Einkommenseinbußen durch Kurzarbeit


Der Fachkräftemangel im Gastgewerbe ist kein Problem, das nur vereinzelt auftritt. Auch Toni Mimmo, Inhaber von Tonis Pizza in Baden-Baden, klagt über Personalmangel besonders im Servicebereich. „Die momentane Situation ist wirklich schwierig“, sagt er. Laut der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) haben Hotels und Gaststätten im Landkreis Rastatt im Zuge der Corona-Krise einen erheblichen Teil ihres Personals verloren.

Innerhalb des vergangenen Jahres haben im Landkreis rund 400 Köche, Servicekräfte und Hotelangestellte dem Gastgewerbe den Rücken gekehrt – das ist mehr als jeder achte Beschäftigte der Branche, wie die NGG unter Berufung auf jüngste Zahlen der Arbeitsagentur mitteilt. Angesichts weiterer Lockdowns bis in den Mai hinein dürfte sich der Personalschwund bis heute nochmals zugespitzt haben, befürchtet Elwis Capece, Geschäftsführer der NGG-Region Mittelbaden-Nordschwarzwald. Verantwortlich für das Problem seien insbesondere die Einkommenseinbußen durch die Kurzarbeit, die Hotel- und Gastro-Beschäftigte dazu gezwungen hätten, sich beruflich umzuorientieren. Viele Probleme hätten aber schon vor Corona bestanden – etwa die geringe Bezahlung und ungeregelte Arbeitszeiten. Nötig sei jetzt, die Branche durch Tarifverträge attraktiver zu machen.

Auch der Baden-Badener Kreisvorsitzende des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga), Hans Schindler, kann von ähnlichen Erfahrungen in der Kurstadt berichten. Vor allem der „wahnsinnig lange zweite Lockdown“ habe viele Mitarbeiter dazu gezwungen, sich anderweitig zu bewerben. Dafür verantwortlich seien jedoch weder Restaurant- noch Hotelbesitzer. „Ich wehre mich vehement gegen die Aussage, dass die Mitarbeiter zu schlecht bezahlt würden“, stellt Schindler klar. Was man wissen müsse, ist, dass etwa Servicekräfte nun mal nicht vom Lohn allein leben. Sowohl Trinkgeld als auch Zuschläge für Nachtarbeit oder Sonntagsdienste würden normalerweise viel vom Einkommen ausmachen – und seien in den vergangenen Monaten fast komplett ausgefallen.

Personelle Probleme schon vor der Pandemie

Den einen, die gegangen sind, habe schlicht und einfach Geld gefehlt, die anderen wollten nicht mehr auf eine „baldige Öffnung“ der Restaurants und Hotels warten, so Schindler. „Es liegt in der Natur der Menschen, die in der Gastro arbeiten, dass sie sehr gerne in Bewegung sind.“ Monatelanger Stillstand sei keine Option.

Nichtsdestotrotz, räumt Schindler ein, habe es bereits vor der Corona-Krise personelle Probleme in der Branche gegeben. Sein persönlicher Eindruck: „Junge Menschen gehen nicht mehr gerne in solche arbeitsintensiven Berufe.“ Der Nachwuchs bleibt aus. Das bestätigt auch die IHK (Industrie- und Handelskammer) Südlicher Oberrhein, wenn sie von den fehlenden Auszubildenden für den Ausbildungsstart im September berichtet. „Viele Lehrstellen sind derzeit noch Leerstellen“, heißt es da.

Dass höhere Löhne ein Anreiz für junge Menschen sein könnten, bestätigt Schindler. Doch kombiniert mit dem Kauf möglichst regionaler Produkte müssen Gäste dann auch mit höheren Preisen auf der Speisekarte rechnen. „Darüber muss man sich im Klaren sein.“ Viele der Gäste würden schon „zucken, wenn das gewohnte Schnitzel plötzlich ein paar Euro mehr kostet“, erzählt Schindler.

Doch selbst wenn es zu höheren Löhnen kommen sollte, betont er: „Das ist nicht der Ursprung unseres aktuellen Problems.“ Die Maßnahmen der Pandemie hätten dafür gesorgt, dass sich Mitarbeiter anderweitig umsehen – Optionen gebe es in der Region einige. Als Folge begleiten Schindler und seine Kollegen täglich Fragen wie: „Können wir überhaupt noch Mittagessen anbieten?“ oder „Müssen wir Ruhetage einführen?“


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