Jeder Moment hat Aufmerksamkeit verdient

Von Wolfram Frietsch

Baden-Baden (wofr) – In seiner Kolumne „Denk-Anstoß“ stellt Wolfram Frietsch philosophische Ansätze und Ideen vor. Thema diese Woche: Der Augenblick im Lauf des Lebens

Jeder Moment hat Aufmerksamkeit verdient

Die philosophische Kolumne im BT-Magazin gibt alle zwei Wochen einen Denk-Anstoß. Grafik: Fotogestoeber/stock.adobe.com

Die durchgedrückten Fingerspitzen liegen auf der weißen Markierung der Startbahn. Die Erwartung des einen Moments ist greifbar. Der Läufer kniet, nicht ehrfürchtig, sondern gespannt. Mit jeder Faser seines Körpers erwartet er den Startschuss. Das Gewicht seines Körpers ist nun ganz auf die Handspitzen verlagert. Der Kopf ist durchgedrückt, um das Ziel anzuvisieren. Doch zu sehen gibt es nur die Begrenzung der eigenen Bahn. Das Auge will nicht in die Ferne schweifen. Er bleibt fixiert geradeaus. Nichts Störendes mehr. Die Sehnen der Beine sind belastet durch die Erwartung der Kraft, die sie aufgenommen haben. In diesem einen Moment, ehe der Startschuss fällt, ist der Läufer bloße Energie, Erwartung, Anspannung und Hoffnung und vor allem: Augenblick.

Kein Gedanke ist mehr, nur noch die fiebrige Gereiztheit des Ausharrenden. Wenn der Startschuss fällt, entlädt sich eine erlösende Wucht, die den Läufer nach vorne schnellen lässt, eher er sich nach wenigen Sekunden aufrichtet, um seine Höchstgeschwindigkeit zu erreichen. Kein Blick für die anderen. Nur der Eine auf das Eine fixiert.

Was wird bleiben?

In diesen wenigen Sekunden des Laufs ist eine Zeit begraben, die als Fundamt Leichtigkeit und Eleganz, Schnelligkeit und Zielstrebigkeit verspricht. Doch nach dem Zieleinlauf, wenn die Anspannung weichen muss, wenn der letzte Schritt getan, wenn die Bahn verlassen ist und der Pulk der Sportler sich auf engerem Raum vermischt, was wird bleiben? Die Zeit ist im Lauf der Bahn Vollzug des Raumes geworden. Zeit und Raum sind wahrnehmbar als das, was sie sind, ein Zusammen. Nicht zu denken ist die gelaufene Bahn ohne die gemessene Zeit. Die Flüchtigkeit des Augenblicks, hier nimmt sie Gestalt an und bricht aus sich heraus. Ist ein solcher Moment zu bewahren? Sind diese Augenblicke gespeichert für die Ewigkeit?

Sportler werden in eine Hall of Fame aufgenommen. Die ewigen Götter wurden seit Langem schon vertrieben. Nun bevölkern die vergänglichen Halbgötter den leeren Himmel. Können wir uns an ihnen orientieren? Künden sie von etwas Ewigem? In gewisser Weise, denn ihre Leistung ließ sie aus der Masse herausragen. Aber nicht so wie wir meinen, indem sie Rekorde aufstellten oder Siege einfuhren, sondern anders. Sie müssen am Möglichen gemessen werden, an dem, was sie taten, und nicht an dem, was sie uns vorgaben zu tun. Sie stellten Bestmarken auf, sie verschoben Grenzen und sie erreichten Unerreichtes. Doch ist das nicht etwas, was sich als Vollzug des Möglichen definieren lässt? Und wäre es nicht zu wenig, nur das zu tun, was möglich ist?

Eine Strecke in der Zeit

Viel mehr verschmolzen sie Zukunft und Vergangenheit in der Gegenwart und machten den Raum zur Zeit, indem ihre Tat zeitlos und für immer an einen Ort gebunden wurde. Der Alltag ist nun das, was im Tag ewig ist. Sie machen uns bewusst, dass die Zeit sich anhalten lässt, dass der Raum dynamisch ist, dass die Welt ein Ganzes sein muss. In einem solchen Sinne ist der Läufer Augenblick. Der Augenblick ist das Besondere im Alltag, und er ist eine Strecke in der Zeit. Doch während dieses Laufes verliert sich diese Strecke als eingegrenzter Ort und wird zu einer ganzen Welt. Der Läufer untersteht dem Lauf und beide dem Augenblick in dem Ziel und Absicht, Beginn und Ende miteinander verschmelzen. Und dennoch ist jeder gelaufene Meter, so paradox das klingen mag, das Alltägliche. Jeder Moment ist ein namhafter. Nur versäumen wir es, ihm seine Deutung zu geben, um ihn bedeutend zu machen. Anders gesagt: kein Augenblick kann verweilen, doch er kann in seiner Bedeutung als das alltäglich Besondere wahrgenommen werden, wenn wir wieder gelernt haben, ihm Aufmerksamkeit zu schenken und daran erinnert uns die Konzentration des Läufers.

Laotse: Tao Te King: Das Buch vom Lauf des Lebens. München 2010.

Vor zwei Wochen schrieb Wolfram Frietsch darüber, wie sich aus der Musik Zuversicht schöpfen lässt.