Alkohol in der Schwangerschaft: Jeder Tropfen schadet

Rastatt (naf) – Rund 10.000 Kinder kommen bundesweit jährlich mit einer Form der Behinderung auf die Welt, die vermeidbar wäre.

Der Leber eines ungeborenen Kindes fehlen Enzyme zum Abbau von Alkohol. Das Zellgift kann in ihrem Körper einen großen Schaden anrichten. Foto: Felix Heyder/dpa

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Der Leber eines ungeborenen Kindes fehlen Enzyme zum Abbau von Alkohol. Das Zellgift kann in ihrem Körper einen großen Schaden anrichten. Foto: Felix Heyder/dpa

Wenn Kinder leiden, leiden ihre Eltern mit. Umso schmerzhafter kann der Gedanke sein, dass die Erwachsenen die Probleme ihrer Kleinen hätten verhindern können. Das Fetale Alkoholsyndrom (FASD) ist die einzige Form der Behinderung, die zu 100 Prozent vermeidbar wäre – es wird von Alkohol in der Schwangerschaft ausgelöst. Das schambehaftete Thema wird nun von der Arbeitsgruppe FASD in der Region in den Fokus gerückt.

„Wir wollen ein öffentliches Bewusstsein schaffen“, sagt Martina Rapp von der Fachstelle Sucht Rastatt/Baden-Baden, die unter anderen neben den kommunalen Suchtbeauftragten von Land- und Stadtkreis zu der Arbeitsgruppe FASD gehört. Sie will sowohl den Kontakt zu betroffenen Familien suchen sowie auch die breite Bevölkerung besser über Risiken und Krankheit aufklären. Der heutige Tag des alkoholgeschädigten Kindes bietet Gelegenheit.

„Jeder Tropfen Alkohol kann schaden“, erklärt die Kommunale Suchtbeauftragte des Landkreises, Gudrun Pelzer, und ergänzt: „Je nach Entwicklungsschritt der Kinder sind das massive Schäden.“ Alkohol ist ein Zellgift, das in alle Zellen des Körpers gelangt – bei Schwangeren über die Plazenta auch ungehindert zum Kind. Dabei sei neben der Menge auch unbedeutend, in welcher Phase die Schwangere trinkt. „Für einen Fötus gibt es keine ungefährliche Menge“, betont Pelzer.

Da der Leber eines ungeborenen Kindes außerdem Enzyme zum Abbau von Alkohol fehlen, bleibt er für einen viel längeren Zeitraum – laut Pelzer teilweise zehnmal länger als bei Erwachsenen – im Körper. Der entstandene Schaden ist davon abhängig, welche Zellen sich über diese Zeit teilen.

„Deswegen können die Schäden dermaßen vielfältig sein“, so Pelzer. Von körperlichen, kognitiven und sozialen Beeinträchtigungen bis hin zu psychischen Auffälligkeiten: Die Folgen sind nur schwer zu benennen. Bei einem ist ein bestimmter Bereich stärker betroffen, beim zweiten ein anderer.

Auch diffuse Probleme von Kindern seien teilweise auf die gesellschaftlich anerkannte Droge zurückzuführen. Diese würden zudem häufig nicht richtig von Ärzten erfasst oder falsch diagnostiziert. „Es gibt nur wenige Spezialisten, an die man sich wenden kann“, weiß Pelzer. Heilen können sie FASD ohnehin nicht, „aber versuchen, die Folgen für das Leben der Kinder abzumildern“, über Logopädie, Ergotherapie, eine Schul- oder Kitabegleitung oder auch mithilfe medikamentöser Ergänzungen.

Dafür muss die Krankheit jedoch zunächst erkannt werden. „Wie groß die Dunkelziffer ist, wissen wir nicht“, sagt Pelzer. Es heißt, dass eines von 100 Kindern an FASD leidet, 10.000 würden jährlich bundesweit damit auf die Welt kommen. Lediglich 2.000 davon hätten das Vollbild, bei dem die Krankheit leicht identifizierbar ist.

Nicht nur Suchtkranke betroffen


Bei einer solchen Anzahl handelt es sich nicht nur um alkoholkranke Mütter, die während ihrer Schwangerschaft zum Glas greifen. Das Problem fange bei Menschen an, die keine Sucht haben, sagt Pelzer. „Alkohol ist legal und das Thema nach wie vor viel zu wenig bekannt.“ Es wäre schon viel getan, wenn alle, die sich den Kinderwunsch erfüllen wollen, vorsichtshalber auch auf Alkohol verzichten, findet die Suchtbeauftragte. Die Verantwortung liege allerdings nicht nur bei der Frau, auch ihr Partner und „das ganze Umfeld gehört dazu“. Bei ungeplanten Schwangerschaften könne der Appell nur der sein, genau hinzuschauen. Sobald mit einer Schwangerschaft gerechnet wird, muss auch der Verzicht auf Alkohol ein Thema sein.

Mit ihrer präventiven Arbeit wollen die Suchtbeauftragten genau dort ansetzen. Und sie wollen Kinder, die an FASD leiden, sowie auch ihre Eltern unter anderem mit speziellen Sprechstunden unterstützen. „Das war schon immer unsere Klientel, wir weisen es nun nur als Sprechstunde aus, da viele Betroffene nicht direkt an die Suchtberatungsstelle denken“, sagt Rapp.

Die Anliegen der Kinder und Eltern, die sich an sie wenden, seien dabei sehr individuell. Bei den Erkrankten ginge es zunächst einmal darum, ihre Ressourcen und Resilienzen zu stärken, erklärt Rapp. „Wir können dabei helfen, die Angst vor Kontakt zu überwinden und ihre sozialen Kompetenzen zu verbessern, auch in kleinen Schritten.“ Je nach Bedürfnis gebe es verschiedene Angebote – für Jugendliche auch im Bereich der Suchtprävention. Viele von ihnen sind gefährdet, selbst in eine Suchterkrankung zu rutschen.

Hilfe ohne Stigmatisierung


Auch der eigene Umgang mit und die Akzeptanz der Krankheit würden sich stark unterscheiden, berichtet Rapp. „Je nachdem, wie die Erkrankten aufwachsen, wie viele Einschränkungen sie haben und wie gut sie informiert sind.“ Vor allem wenn sie an ihre Grenzen stoßen, können Frustration und andere Emotionen hochkochen. Einige Kinder mit FASD und suchtkranken Eltern leben mittlerweile bei Pflege- oder Adoptiveltern, die Schuldfrage kann Familien belasten.

Doch Rapp betont auch, dass es sich bei der Sucht um eine psychische Erkrankung handelt. Einer Betroffenen sei „nicht bewusst, wie viel sie trinkt und dass sie ihr Kind gefährdet“. Sie brauche fremde Hilfe „ohne Stigmatisierung“, wie Rapp betont. Auch Schuldgefühle sollten nicht daran hindern, sich Hilfe zu suchen – egal ob noch in der Schwangerschaft oder wenn viel später der Verdacht auf FASD aufkommt.

Ihr Autor

BT-Redakteurin Nadine Fissl

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Erstellt:
9. September 2021, 10:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 30sec

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