„Jetzt beginnt die Renaissance des Bausparens“

Karlsruhe (BNN) – Stefan Siebert, Chef der LBS Südwest ist sich sicher: In Krisenzeiten wird den Menschen Wohneigentum wieder wichtiger. Unter anderem darüber spricht er im Interview mit Dirk Neubauer.

Hat selbst noch zwei klassische Bausparverträge: Stefan Siebert, Chef der LBS Südwest. Foto: Andrea Fabry

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Hat selbst noch zwei klassische Bausparverträge: Stefan Siebert, Chef der LBS Südwest. Foto: Andrea Fabry

Stefan Siebert sieht eine Renaissance des Bausparens kommen – das wird einige Verbraucher überraschen, die jahrelang nur von Mini-Zinsen für Baufinanzierungen gehört haben. Im Gespräch mit unserem Mitarbeiter Dirk Neubauer erklärt der Chef von Deutschlands größter Landesbausparkasse und Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Baden-Württembergischer Bausparkassen auch, wie sich mehr Menschen ein eigenes Haus oder eine Eigentumswohnung leisten könnten.

BT: Hand aufs Herz, Herr Siebert. Haben Sie noch einen klassischen Bausparvertrag?
Stefan Siebert (lacht): Ja, sogar zwei. Auf dem einen ist schon ordentlich einbezahlt. Da finde ich Verwendung, wenn eine energetische Sanierung an meinem Haus in Kenzingen ansteht.

BT: Seit Beginn der Nullzinspolitik der EZB leidet das Bauspargeschäft, die Menschen kommen schließlich auch ohne Bausparvertrag an niedrig verzinste Darlehen.
Siebert: Die Bausparkassen haben gelitten. Die dramatische Phase liegt aber hinter uns. Bei Zehnjahreszinsen, die für uns Gradmesser sind, gab es in den vergangenen Monaten eine massive Steigerung. Damit kommt das Produkt Bausparen wieder in den wirtschaftlichen Bereich.

BT: Und die aktuelle Nachfrage?
Siebert: Die ist enorm. Ein Beispiel: Im Januar und Februar hatten wir im klassischen Bauspargeschäft die stärksten Monate, die die LBS Südwest je hatte. Die hohe Inflationsrate bewegt die Menschen. Sie merken, dass die längerfristigen Zinsen steigen und wollen sich mit einem Bausparvertrag absichern.

BT: Dennoch litt das Image des Bausparens – heute empfehlen nur relativ wenige Eltern ihren Kindern, beim Berufsstart einen Bausparvertrag abzuschließen.
Siebert: Sie haben recht. Wir durchdringen, gerade in den Städten, nicht mehr so die Bevölkerung wie früher. Das lag zuletzt nicht nur an den Zinsen, sondern auch an anderen Lebensentwürfen, weil die Menschen beispielsweise beruflich häufiger umziehen. Krisenzeiten bewirken aber ein Umdenken, Wohneigentum ist den Menschen wieder wichtiger. Deshalb bin ich überzeugt: Jetzt beginnt die Renaissance des Bausparens. Viele Leute, die sich bislang nicht festlegen wollten, sagen sich nun: „In zehn Jahren möchte ich ein Haus oder eine Eigentumswohnung, was kann ich heute dafür tun?“

BT: Während der Durststrecke haben die Vermittler der Bausparkassen viel Geschäft mit klassischer Wohnbaufinanzierung reingeholt. Wie lange funktioniert das noch bei den horrenden Baupreisen im Südwesten?
Siebert: Die enorme Preissteigerung führt dazu, dass sich viele Menschen, die vor 20 Jahren noch dafür prädestiniert waren, Wohneigentum nicht mehr leisten können. Das ist aus sozialer Sicht kritisch. Die Zinsen waren in den vergangenen Jahren nicht das Problem, es ist das geforderte Eigenkapital. Wenn man 15 bis 20 Prozent Eigenkapital fürs eigene Haus beisteuern muss und die Preise in die Höhe schießen, dann kann das beispielsweise auch für jemanden, der bei Mercedes-Benz in Rastatt oder in Gaggenau arbeitet, zur Hürde werden – von der noch dramatischeren Situation in Stuttgart brauche ich da gar nicht zu sprechen. Und der Staat langt kräftig zu. In Baden-Württemberg liegt die Grunderwerbssteuer mittlerweile bei fünf Prozent.

BT: Was tun?
Siebert: Ein sehr wirksames Instrument wäre, wenn es für den Ersterwerb einen Freibetrag bei der Grunderwerbssteuer gäbe.

BT: Wie hoch?
Siebert: Es muss ja nicht um eine Villa gehen. Ein Freibetrag von einer halben Million Euro wäre sicher schon hilfreich. So machen es auch andere Länder.

BT: In Baden-Württemberg haben nur 56 Prozent der Haushalte Haus- und Grundbesitz. Oft scheitert das Bauprojekt schon am fehlenden Grundstück. Mehr Bauland ausweisen, da machen die Grünen aber nicht mit.
Siebert: Mir fällt auf, dass es oft die Neubürger der vergangenen 15 Jahre sind, die die größte Gegnerschaft von neuen Baugebieten in ihren Kommunen ausmachen. Natürlich gibt es auch den Zielkonflikt mit der Umwelt, den sehe ich auch. Aber Neubaugebiete kategorisch abzulehnen, bringt die Gesellschaft nicht weiter.

BT: Und wenn Lücken im Bestand geschlossen werden?
Siebert: Ich meine, das reicht bei der enormen Nachfrage bei Weitem nicht aus.

Energie einsparenals riesige Chance

BT: Eine Steilvorlage für die Bausparkassen ist die Solarpflicht. Auch Putins Krieg verdeutlicht vielen Menschen, wie wichtig es ist, Energie einzusparen. Eine Chance für die Bausparkassen?
Siebert: Eine riesige, riesige Chance, denn das ist eine Jahrhundert-Herausforderung in Deutschland. Zur Finanzierung energetischer Sanierungen ist unser Produkt wie maßgeschneidert. Damit ist man flexibel mit dem Zeitpunkt, zu dem man etwa das Dach dämmen oder die Heizung erneuern möchte. Auch Photovoltaik und Solarthermie sind bei Hausbesitzern enorm gefragt.

BT: Kommen wir zu den Landesbausparkassen: Die LBS’en West und Nord reden über eine Fusion. Dann wäre die LBS Südwest bundesweit nicht mehr die Nummer eins...
Siebert: ... Stand heute ja, aber wir wachsen sehr stark im Südwesten. Das ist ein sportlich-kollegialer Wettkampf.

BT: Vielleicht hilft ja Sparkassenpräsident Peter Schneider. Er sagte, es lohne sich, eine Fusion der LBS Südwest mit der LBS Bayern „anzufassen“. Gibt es Gespräche?
Siebert (hebt beide Hände in die Höhe): Das ist Sache der Präsidenten der betroffenen Sparkassenverbände.

BT: Dann spielen wir es nur gedanklich durch: Die jüngste Fusion Ihrer LBS reicht ins Jahr 2016 zurück. Hätten Sie keine Sorge vor Unruhe bei einer neuen Fusion?
Siebert: Also, nur abstrakt gesprochen: Fusionen bringen immer Unruhe mit sich. Aber es stünde kein Standort – selbstverständlich auch nicht Karlsruhe – zur Disposition. Und die Möglichkeit zum Homeoffice erleichtert generell neue Zuständigkeiten.

Zur Person

Stefan Siebert (60), Vorstandschef der Landesbausparkasse Südwest, ist derzeit auch Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Baden-Württembergischer Bausparkassen. Ihr gehören neben der LBS Südwest die Bausparkasse Schwäbisch-Hall, Wüstenrot und die Deutsche Bausparkasse Badenia (Karlsruhe) an. Vor seiner LBS-Zeit war Siebert Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Baden-Baden Gaggenau. Er stammt aus Kenzingen und hat in Freiburg Volkswirtschaft studiert. Er ist verheiratet und hat drei erwachsene Kinder. In seiner Freizeit hält er sich mit Rennrad- und Mountainbike-Touren fit. Die LBS Südwest ist die größte von acht Bausparkassen. In Stuttgart beschäftigt sie 580 Mitarbeiter, in Karlsruhe 174, in Mainz 156.

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