Job-Suche wird zur Herausforderung

Rastatt (mak) – Die 16-jährige Hanna beendet nächstes Jahr die Schule. Doch für Menschen mit Handicap gibt es außerhalb des zweiten Arbeitsmarkts kaum Angebote.

Nach intensivem Training zuhause ist Hanna nun sicher mit dem Fahrrad unterwegs. Foto: Meike Duchac

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Nach intensivem Training zuhause ist Hanna nun sicher mit dem Fahrrad unterwegs. Foto: Meike Duchac

Hanna freut sich, dass sie nach der langen Zeit des Homeschoolings wieder in die Gemeinschaftsschule nach Bietigheim darf – „toll“ lautet ihr Kommentar. Der Lockdown bedeutete für die 16-jährige Rastatterin mit Downsyndrom aber auch, dass sie keine Therapien erhielt. „Sie hat dafür in dieser Zeit Radfahren gelernt“, berichtet ihre Mutter Meike Duchac stolz. Die neunte Klasse wird Hanna im nächsten Schuljahr wiederholen, danach steht die Jobsuche an. Das Homeschooling stellte sich für die Förderkinder etwas anders dar als für die anderen Schüler. Dreimal in der Woche gab es eine Videokonferenz, die 30 bis 45 Minuten dauerte. „Ich hatte aber den Eindruck, dass es für Hanna keinen Unterschied machte, dass sie ihre Mitschüler nicht direkt, sondern nur am Bildschirm sieht“, erzählt die Mutter im BT-Gespräch. Das Erledigen der Hausaufgaben sei kein Problem gewesen, Hanna habe zuhause an ihrem Schreibtisch konzentriert gearbeitet. Im vergangenen Jahr stand das Buch „Drachenzähmen leicht gemacht“ in leichter Sprache auf dem Stundenplan, in diesem Jahr „Ben liebt Anna“. In der Zeit von April bis August war Hanna zuhause, dann ging es von September bis Dezember wieder in die Schule. Anschließend war Hanna von Januar bis Ende Mai wieder daheim. Meike Duchac hat somit fast ein Jahr lang Homeschooling mit Hanna und ihrem Bruder Adrian gestemmt, bis auf einen Präsenztag in der Woche hat auch sie daheim gearbeitet. „Corona ist zwar eine Krise, aber keine Katastrophe“, meint sie im Hinblick auf Eltern, die bereits nach wenigen Wochen Homeschooling geklagt hatten.

Im Lockdown Fahrradfahren gelernt

Normalerweise geht Hanna einmal pro Woche in die Physiotherapie, Logopädie und in die Ergotherapie. Doch mit Beginn der Corona-Pandemie war damit Schluss. „Somit bot sich die Gelegenheit, Radfahren zu lernen“, berichtet Meike Duchac. Hanna habe zuerst Schwimmen gelernt, das sei ihr und ihrem Mann wichtiger gewesen. Beides gleichzeitig zu lernen hätte Hanna überfordert. Zuerst wurde Hannas Fahrrad in ein Laufrad umfunktioniert. Als dann die Pedale wieder rankamen, hatte sie große Schwierigkeiten mit der Koordination. Also übte sie zunächst auf dem Heimtrainer das Treten der Pedale und das Gleichgewicht halten. Danach klappte es mit dem Radfahren. Auch wenn im Homeschooling im Großen und Ganzen alles rund lief, so wird Hanna die neunte Klasse wiederholen, wie auch die anderen drei Förderkinder, mit denen sie in einer Klasse ist. „Kinder haben einen Anspruch auf Inklusion, bis sie 18 Jahre alt sind“, erklärt ihre Mutter. Doch wie geht es nach der neunten Klasse weiter? „Unser Ziel ist es, dass Hanna eines Tages im ersten Arbeitsmarkt eine inklusive Stelle findet“, verdeutlicht Meike Duchac: „Wenn Hanna in einer Werkstätte für Behinderte arbeitet, bekommt sie lediglich ein Taschengeld und wird dann eines Tages eine Sozialhilfeempfängerin sein. Das möchten wir vermeiden.“ Hanna könnte in einem Betrieb beispielsweise einen Teil von Arbeitsabläufen übernehmen und dadurch andere Mitarbeiter entlasten. Wenn ihr eine Sache Spaß mache, dann könne sie stundenlang dranbleiben. „In einer Klinik oder in einem Pflegeheim könnte Hanna zum Beispiel das Essen austeilen und abräumen sowie die Betten machen. Das würde das Pflegepersonal entlasten. Sie ist sehr einfühlsam und ich könnte sie mir toll in einem Pflegeheim für alte Menschen vorstellen“, führt die Mutter weiter aus.

Arbeitgeber erhalten Förderung

Eine andere Option wäre ein Job im Tierheim, weil Hanna Hunde besonders liebt: „Sie könnte die Tiere füttern und die Tiergehege säubern.“ Ein geplantes Praktikum im Rastatter Tierheim wurde vergangenes Jahr wegen Corona abgesagt, nun kam die Zusage, dass Hanna Anfang April nächsten Jahres eine Woche lang reinschnuppern darf. Erste Arbeitserfahrungen hat Hanna bereits gesammelt, und zwar im September 2019 bei der Rentenversicherung in Karlsruhe, wo Meike Duchac arbeitet. „Ich habe einfach bei der Kantinenleitung angerufen und diese hat gleich zugesagt“, freut sie sich. Hanna half mit beim Salate anrichten und portionieren, war bei der Essensausgabe eingeteilt, musste die Tische sauber machen und trocknete am Ende der Spülstraße Geschirr und Besteck ab. „Sie hat drei bis vier Stunden am Tag geholfen, das hat dann auch gereicht“, berichtet Meike Duchac. Die Suche nach einem geeigneten Job für Hanna wird nicht einfach. „Es gibt nur den ersten und den zweiten Arbeitsmarkt, dazwischen gibt es ganz wenig“, verdeutlicht Duchac. Im Zuge der Inklusion sollte es viel mehr solcher Arbeitsplätze geben, fordert sie: „Das müsste doch möglich sein, schließlich gibt es auch Förderungen für Arbeitgeber, wenn sie jemanden mit Handicap einstellen.“

Zum Thema

Im Rahmen einer losen Serie zeichnet die Rastatter Lokalredaktion des Badischen Tagblatts die Entwicklung der Rastatterin Hanna Boos nach, die ein Downsyndrom hat. Zum Auftakt berichtete das BT Ende März 2009 erstmals über Hanna, die damals noch in den Kindergarten Zwölf Apostel ging. Die Grundschulzeit verbrachte sie an der Hans-Thoma-Schule, derzeit besucht sie die Gemeinschaftsschule in Bietigheim.

Hanna bei ihrem Praktikum mit der Küchen-Mitarbeiterin Valleverdina Barassi. Foto: Meike Duchac

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Hanna bei ihrem Praktikum mit der Küchen-Mitarbeiterin Valleverdina Barassi. Foto: Meike Duchac

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Erstellt:
14. Juli 2021, 12:30 Uhr
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