Jörg Kräuter verwandelt Einkaufstüten

Bühl (fvo) – Die kuriosen Metamorphosen von banalem Altpapier: Der Bühler Kabarettist Jörg Kräuter verwandelt Einkaufstüten zu subtilen Kleinkunstwerken. Auf Youtube gibt es einen Film.

Und sie dreht sich doch: Jörg Kräuter mit seinem Welttheater-Karussell. Rechts Ziegenbock „Manni“, der das Geschehen als kritischer Beobachter verfolgt. Foto: Franz Vollmer

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Und sie dreht sich doch: Jörg Kräuter mit seinem Welttheater-Karussell. Rechts Ziegenbock „Manni“, der das Geschehen als kritischer Beobachter verfolgt. Foto: Franz Vollmer

Dass Tüten auslaufen können, ist bekannt. Dass sie manchmal aber auch Beine haben, weniger. Bei Jörg Kräuter, Bühler Kabarettist im Corona-Zwangsruhestand, haben sie sogar humane Qualität. Zu begutachten in einem kurzen Youtube-Einspieler, der quasi als Ersatz für die vorigen Oktober geplante Ausstellung dient.
„Wundertüten&Schachtelwerke“ heißt die Kunstkollektion, deren Entstehung man seit wenigen Tagen im Netz verfolgen kann (zu finden unter „Jörg Kräuter 2“). Acht kurzweilige Minuten über die kuriosen Metamorphosen von banalem Altpapier, aus dem bald ein Feuervogel, bald eine hippe Pharaoninnenfrisur oder einfach ein Weihnachtsstern entsteht oder was sonst noch so in die Tüte kommt (oder aus ihr heraus). An der Kamera die geballte Filmerfahrung von Bergsteigerguru Ralf Dujmovits.

„Ich hätte gerne vergangenes Jahr zur Ausstellung in mein Atelier eingeladen. Leider war dann lange Zeit Ruhe im Karton“, sagt Kräuter gewohnt wortspielreich. Bei den Arbeiten, die durchaus einen Hauch von Christo versprühen, geht es aber nicht um neue Macharten, sondern letztlich einfach darum, „alte Techniken wiederzubeleben, die wir ja alle in der Schule hatten“, so Kräuter. Pappmaschee und Scherenschnitt lassen grüßen.

Und die formale Aussage ist längst nicht alles. Selbst akustische Klangexperimente hat das Bühler Unikum im Portfolio. Beispiel hierfür sind etwa jene Trichter in Grammophon-Optik. Beim einen erklingt Musik aus einem buchstäblich eingetüteten Oldschool-Radio (kombiniert mit echtem Tonträger), beim andern geben Backpapierwicklungen an Nylonfäden von einer ollen Zentrifuge angetrieben krasse Töne von sich. Verfremdung von Alltagsgegenständen oder eben schöpferische Neudefinition.

Beim Filmen eigene Techniken ausgedacht

Auch die Physik wird stellenweise bemüht, etwa wenn ein Pärchen am langen Stab zur Radiomusik tanzt – oder das Welttheaterkarussell seine Kreise dreht: Oben die Reichen, drunter die arme Spezies und ganz unten wird’s dann völlig skelettös. Der Lebensreigen als mondäner Totentanz.

Als die Tüten laufen lernten: Mehr geistreich denn kopflos geben sich die Kräuterschen Schachtelwerke. Foto: Franz Vollmer

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Als die Tüten laufen lernten: Mehr geistreich denn kopflos geben sich die Kräuterschen Schachtelwerke. Foto: Franz Vollmer

Zur technischen Verwandlung genügt Kräuter eine Zinkwanne und ordentlich Kleister, der den Tüten neue Textur bis hin zur Faltenbildung verleiht. Wie auf dem Video zu sehen, werden die Tüten zunächst eingeweicht, dann mit ordentlich Pampe befüllt und schließlich am Hungerhaken hängend angepikst, um die Feuchtigkeit abzulassen.

Sonderlich eng fasst Kräuter den Interpretationsspielraum seiner beigen Machwerke nicht. „Ich mach einfach. Was die Leute drin sehen, ist oft mehr.“ Arbeit genug steckt jedenfalls drin, auch der Film war kein Pappenstiel, vor allem der Schnitt, bekanntlich die Hauptarbeit. „Wir saßen schon lange dran, haben letztlich drei Tage an reiner Filmzeit investiert.“ Dabei musste man sich in Ermangelung professionellen Equipments wie Schienen ganz eigene Techniken ausdenken. So wurden für Dreheffekte etwa Objekte kurzerhand auf einen Plattenspieler gestellt, um wackelfreie Bilder zu produzieren. Weniger erfolgreich war der Versuch, das kleine Opus Fernsehsendern (Arte, SWR) anzubieten, die Nachfrage nach Fremdformaten sei dort halt gering.

Gewinnbringend dagegen die augenzwinkernde Akkordeonmusik von Maetze Schulz (Baden-Baden) in bestem Amelie-Stil, die dem Ganzen den nötigen Esprit verleiht, das unwillkürlich ohnehin was von Sendung mit der Maus hat. „Es sollte bewusst einen leicht charmanten Charakter haben“, erzählt der Künstler.

Kräuters Schalk blitzt auch bei den auf Leisten geklebten Figurenensembles hervor, Szenen aus dem Alltagsleben im Scherenschnitt-Style mit Regionalbezug (Zwetschgenernte), lokalen Anspielungen (Sonnegässel) oder Volksradfahren. Trotz der Zweidimensionalität strahlen die Figuren eine ungemein subtile Lebendigkeit aus, wozu im Film auch die Zoomtechnik sorgt. Thematisch dominiert hier der Kontrast Gruppe kontra Individuum – nach dem Motto: „Einer schwimmt halt immer gegen den Strom“, wie Kräuter sagt.

„Jagdausflüge“ rund um die Grüne Tonne

Und auch an so mancher Männerfantasie oder erotisch-subtiler Anspielung im Stile Tomi Ungerers mangelt es nicht. Dazu zählt etwa die Büste eines Frauenkörpers, bei der der Edeka-Slogan („Wir lieben Lebensmittel“) einen ziemlich neuen Kontext bekommt.

Mit dem „Babbedeckel“ arbeitet Kräuter schon länger, etwa 2012, als er sich für die Ausstellung „Alles Pappe – von der Verpackung der Welt“ (Friedrichsbau) mit der Flüchtlingsproblematik befasste: Schutzwesten, Kopfverhüllungen für muslimische Frauen und ein sechs Meter langes Schiff waren die Kreationen.

Das Material selbst bezieht Kräuter quasi von der Straße – ein Blick in die Grüne-Tonne-Termine der Stadt genügt. „Dann starte ich meine kleinen Jagdausflüge“, so Kräuter schmunzelnd. Immerhin ist nach dem Try-and-Error-Prinzip auch viel Fehlversuch, sprich Ausschuss dabei.

„Die Vergänglichkeit gehört zum Konzept“

Dankbarerweise wird aber auch die Industrie designtechnisch immer findiger, das Rohmaterial kommt mal vorgeformt, mal wellig oder gelöchert daher. Was zu allerhand Assoziationen inspiriert. Wie man an den gekräuselten Masken im Ateliervorzimmer erkennt, die archaisch-afrikanische Züge tragen. Besonders materialintensiv war natürlich Ziegenbock „Manfred“, der nicht nur viel Kleister, sondern auch viel Zuwendung („Ja, guter Manni“) und noch mehr Papiertütle als Futter braucht, wie wir auf Youtube erfahren. Der Film macht jedenfalls Laune auf einen Atelierbesuch, den Kräuter auf Wunsch anbietet. Zumal solch Kleisterwerke nicht ewig halten („Die Vergänglichkeit gehört zum Konzept“). Und sollte sich in Bälde noch ein adäquater Ausstellungsraum auftun, könnten die Tüten sogar wirklich Beine bekommen.

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Erstellt:
15. Juni 2021, 07:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 30sec

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