John Keats – einer der großen Romantiker

London/Rom (sr) – Der englische Dichter John Keats suchte in Rom Heilung von seiner Tuberkulose – doch er starb dort 1821 trotz der freundschaftlichen Fürsorge des Malers Joseph Severn.

Das Grab des englischen Poeten John Keats, der 1821 in Rom starb und dort auf dem „Friedhof der Ausländer“ seine letzte Ruhe fand.  Foto: Hanns-Jochen Kaffsack/dpa

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Das Grab des englischen Poeten John Keats, der 1821 in Rom starb und dort auf dem „Friedhof der Ausländer“ seine letzte Ruhe fand. Foto: Hanns-Jochen Kaffsack/dpa

Die Frage wurde ja immer wieder gestellt – welche Gipfel ihrer Kunst sie noch erstiegen hätten, wären sie länger am Leben geblieben, all die Frühvollendeten: Mozart, Schubert, Novalis, Hauff, Büchner oder eben John Keats, dessen Todestag sich am 23. Februar zum 200. Male jährt. Die Geschichte seines Lebens umfasst nur 25 Jahre, vier davon bleiben ihm für sein dichterisches Werk.

Am 31. Oktober 1795 wird John Keats in einem Mietstall in der Londoner City geboren. Der Vater, Stallmeister und Lohnkutscher, stirbt bereits 1803 nach einem Sturz von seinem Pferd. Die Mutter heiratet wenig später erneut, lässt sich indes bald wieder scheiden und zieht mit ihren vier Kindern – drei Brüdern und einer Schwester, John ist der älteste – zu den Großeltern. 1805 stirbt der Großvater; 1810, an Tuberkulose, die Mutter. Die Kinder verbleiben in der Obhut der Großmutter, die für ihren Enkel John zwei Vormünder bestellt. Seit 1802 hat er die Clarke’s School in Enfield besucht, wo der Schulleiter und dessen Sohn in ihm die Liebe zur Literatur erwecken. 1811 geben die Vormünder ihn bei einem Arzt in die Lehre, die er drei Jahre später abbricht; seine Ausbildung beendet er 1815 im Guy’s Hospital als „dresser“, was einem heutigen Arzthelfer entspricht.

Sein Lesehunger war unersättlich


Längst hat er erste Gedichte geschrieben. Auch sein Lesehunger ist unersättlich. Er vertieft sich in Homer, Dante, Shakespeare, Milton und natürlich in die zeitgenössischen, von der deutschen Romantik beeinflussten Dichter: Coleridge, Shelley und Lord Byron.

Es war wohl an einem späten Abend oder nachts im April 1819, als er sie singen hörte: „Im Dunkeln lausche ich […] Zum Tode warst Du nicht geboren, unsterblicher Vogel! […] Lebwohl! Lebwohl! Dein Klagelied verliert sich / Über nahe Wiesen…“ Die „Ode an eine Nachtigall“ ist bereits ein reifes Produkt von Keats‘ Kunst, romantische Naturempfindung mit der strengen Form des attischen Lieds zu verbinden. Schon zwei Jahre zuvor hatte er ein klassisches Sujet als Versepos präsentiert: „Endymion“, halb griechische, halb romantische Dichtung, ist ein Meisterwerk, das in seiner traumverlorenen Zartheit fast schon die Lyrik des späten 19. Jahrhunderts streift: „Drum winden wir an jedem Morgen / Ein blumig Band, das uns der Erde anverbindet.“

Ein Verriss für den ersten Gedichtband


1817 erscheint Keats‘ erster Gedichtband unter dem schlichten Titel „Poems“. Die Kritik reagiert gereizt: Ein Rezensent namens Lockhart bezeichnet die Gedichte als „Cockney Poetry“, als „Nesthäkchenlyrik“ – was Keats so sehr verbittert, dass er beschließt, sich auf einer längeren Wanderung Luft zu verschaffen. Zusammen mit seinem Freund Charles Brown bricht er zu Fuß in Richtung Schottland auf. In sechs Tagen legen die beiden 114 Meilen zurück und ersteigen den Ben Nevis, den höchsten Gipfel Großbritanniens. Die Strapaze der Fußmärsche bringt Keats‘ wohl schon länger keimende Tuberkulose zum Aufflackern.

Zurück in London, zieht Keats in Browns Haus und lernt dort Fanny Brawne kennen, mit der er eine Liebschaft beginnt. Weitere Gedichte entstehen, darunter seine berühmtesten: „Ode an Psyche“, „Ode an eine griechische Vase“, „La Belle Dame sans Merci“, „Hyperion“, „The Eve of St. Agnes“: „Das Schöne ist wahr, das Wahre schön – nur das / Brauchst Du zu wissen“, heißt es in der „Ode an eine griechische Vase“; es ist Keats‘ Lebensmotto.

Tuberkulose-Tod in Rom


Die fortschreitende Tuberkulose erweist sich als Triebfeder der Inspiration, andererseits drückt sie den Kranken immer mehr nieder: „Diese Hand, lebendig noch und warm, des festen / Greifens mächtig, sie würde, wär sie kalt / Und in des Grabes Eisesstille, / Dir Deinen Tag durchschauern, die Träume Deiner Nacht durchkälten, / So dass Du wünschtest, Dein Herz sei leer von Blut, / Damit in meinen Adern das rote Leben wieder strömte / Und Dein Gewissen wieder ruhig sei – hier ist sie, schau – / Ich halte sie Dir hin.“

„Diese lebendige Hand“ ist das letzte Gedicht, das Keats geschaffen hat, ein beklemmendes Zeugnis seiner Leiden. Am 17. September 1820 sticht er mit dem befreundeten Maler Joseph Severn in See und segelt, Heilung suchend, in Richtung Süden. Nach einem kürzeren Aufenthalt in Neapel reist man nach Rom und nimmt Quartier in einem Haus an der Piazza di Spagna, direkt an der Spanischen Treppe. Severn pflegt den Freund aufopfernd und spielt ihm gelegentlich Haydns Klaviersonaten vor. Aber es ist zu spät. Am 23. Februar stirbt John Keats einen einsamen Tod in Rom. Den Grabspruch hat er sich selbst geschrieben: „Hier ruht Einer, dessen Name in Wasser geschrieben ward.“ (Übersetzung der Gedichtzeilen: Hans Wolf)

Ihr Autor

Hans Wolf

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Erstellt:
23. Februar 2021, 07:30 Uhr
Lesedauer:
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