Jüdische Kinder aus Gernsbach und ihre Rettung

Gernsbach (BT) – Am 22. Oktober 1940 verschleppten die Nazis circa 6.500 badische, pfälzische und saarländische Jüdinnen und Juden nach Gurs am Fuße der Pyrenäen.

Alljährlich erinnert der Arbeitskreis für Stadtgeschichte am 22. Oktober an die Verschleppung der Gernsbacher Bürger jüdischen Glaubens. Foto: Irene Schneid-Horn

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Alljährlich erinnert der Arbeitskreis für Stadtgeschichte am 22. Oktober an die Verschleppung der Gernsbacher Bürger jüdischen Glaubens. Foto: Irene Schneid-Horn

Unter den nach Gurs Deportierten befanden sich 560 Kinder und Jugendliche. Dazu gehörten die Geschwister Liselotte Kahn (geboren am 14. September 1931) und Margit Kahn (geboren am 8. Mai 1935) sowie Heinz Lorsch (geboren am 12. August 1925) aus Gernsbach.

Arthur und Erna Kahn, die Eltern von Liselotte und Margit, besaßen in Gernsbach in der Bleichstraße 4 ein Geschäft für Stoffe, Bekleidung, Aussteuerwaren, Betten und Möbel. In der Bleichstraße 14 betrieb Eugen Lorsch, der Vater von Heinz Lorsch, ein Geschäft, in dem er Artikel für Metzgereibedarf verkaufte. Am 20. Oktober 1940 wurden beide Familien zusammen mit den anderen Gernsbacher Juden vom Rastatter Bahnhof in das Lager Gurs transportiert.

Lager in einem trostlosen Zustand

Bei der Ankunft im Camp de Gurs befand sich das Lager in einem trostlosen und schlammigen Zustand. Es umfasste circa 380 Holzbaracken – eine 24 mal sechs Meter große Baracke für je 60 Internierte: „Vom Regen durchnässt, frierend, von der langen beschwerlichen Bahnfahrt erschöpft, schauten sich die Menschen in den leeren Baracken nach einer Möglichkeit zum Sitzen oder zum Liegen um. Keinerlei Sitzgelegenheit bot sich ihnen. Am Boden Strohsäcke oder Stroh oder gar nichts. Auf ihrem Gepäck sitzend – soweit sie solches hatten – verbrachten viele, darunter über 70- und 80-jährige Männer und Frauen, diese erste Nacht im Camp, körperlich und seelisch zerrüttet“, heißt es in einer Schilderung von Flory (2010).

Die Familie Kahn wurde im März 1941 in das Lager Riversaltes verlegt, wo der Vater am 9. Juni 1941 starb. Die Nazis deportierten mithilfe der Vichy-Polizei die Mutter am 14. August 1942 von Drancy in das Vernichtungslager Auschwitz, wo sie auch ermordet wurde. Ab 1941 bemühten sich verschiedene Organisationen, Kinder und Jugendliche aus dem Lager Gurs und anderen Lagern herauszuholen, um sie vor dem Zugriff der Nazi-Schergen zu retten.

Durch eine kirchliche Organisation wurden Liselotte und Margit Kahn aus dem Lager in das OSE-Heim „Chateau Chabannes“ gerettet. Mit „Chateau“ wurde meist ein verlassenes und zum Teil marodes Herrenhaus bezeichnet, das billig anzumieten war oder zur Nutzung überlassen wurde.

Hilfswerk für jüdische Kinder

Bei der OSE handelte sich um ein Hilfswerk für jüdische Kinder, das ab 1940 jüdischen Kindern half, aus Internierungslagern wie Gurs und Rivesaltes herauszukommen und die Kinder in eigens dafür eingerichtete Kinderheime unterzubringen.

Das Kinderheim „Chateau Chabannes“ befand sich bei Saint-Pierre-de-Fursac, 60 Kilometer südlich von Limoges, wo 55 jüdische Kinder aus Baden, der Pfalz und dem Saarland untergebracht waren. Der Leiter war Félix Chevrier, ein Gewerkschaftssekretär und Sozialist, der 2001 posthum von Yad Vashem als „Gerechter unter den Völkern“ geehrt wurde.

Die geretteten Geschwister Liselotte und Margit Kahn kamen mit einem Kindertransport zu Verwandten in die USA. Heinz Lorsch wurde zusammen mit seinem Vater im März 1941 von Gurs in das Lager Riversaltes verlegt, wo Eugen Lorsch am 21. August 1941 starb. Heinz konnte aus diesem Lager gerettet werden und bei der französischen Résistance im Untergrund den Krieg überstehen. Danach kehrte er nach Deutschland zurück. 1983 fand er seine letzte Ruhestätte auf dem jüdischen Friedhof in Kuppenheim.

Heinz Lorsch, Liselotte und Margit Kahn verdanken ihre Rettung verschiedenen religiösen und politischen Organisationen, die ab 1941 in Frankreich zusammenarbeiteten. Die Rettungsaktionen waren teilweise erfolgreich, denn von 560 nach Gurs verschleppten jüdischen Kindern und Jugendlichen aus Baden, der Pfalz und aus dem Saarland konnten 409 (73 Prozent) in Familien, Bauernhöfe, Klöstern, Kinderheime und durch die Unterbringung über die Grenze in die Schweiz gerettet werden.

Lichtblick moralisch-humanitären Handelns

Die geretteten Kinder und Jugendlichen, die bereits Schreckliches während der Deportation und der Internierung in den Lagern erlebt hatten, mussten in ihren Rettungsstationen ihre wahre Identität verbergen und immer in der Angst leben, doch noch in die Fänge der Nazis zu geraten.

Auch nach über 80 Jahren ist es wichtig, sowohl den Geretteten als auch ihren Rettern ein Denkmal der Erinnerung zu setzen, denn speziell die Retter wurden zu einem beeindruckenden Lichtblick moralisch-humanitären Handelns in einer düsteren Zeit.

Gedenkfeier am Salmenplatz

Alljährlich erinnert der Arbeitskreis für Stadtgeschichte am 22. Oktober an die Verschleppung der Gernsbacher Bürger jüdischen Glaubens. Ihre Namen sind auf einem Gedenkstein nahe der Stadtbrücke festgehalten. Per unverzüglicher Anordnung hatten sich die neun Personen im Oktober 1940 mit wenig Gepäck und Geld an der Brücke einzufinden, um eine Fahrt – ohne Wiederkehr – in das südfranzösische Internierungslager Gurs anzutreten. Mit diesem Unrechtsakt endete im Herbst 1940 das jüdische Leben in Gernsbach. Nahezu 250 Jahre lebten Christen und Juden in Gernsbach friedlich miteinander, bevor die Nationalsozialisten die Juden ausgrenzten, vertrieben und viele von ihnen ermordeten. Die Gedenkfeier findet am Freitag, 22. Oktober, um 18 am Salmenplatz statt. Die Bevölkerung ist dazu eingeladen.


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