Jugendarbeit: Prozess bleibt ergebnisoffen

Gernsbach (stj) – Wie soll die künftige Jugendarbeit in der Stadt Gernsbach aussehen? Mit dieser Frage beschäftigte sich jüngst einmal mehr der Gemeinderat.

Die Stadt Gernsbach holt jetzt Angebote für die Trägerschaft und den Betrieb des Jugendhauses ein. Auch die Fortsetzung der städtischen Trägerschaft ist aber weiter möglich. Foto: Stephan Juch

© stj

Die Stadt Gernsbach holt jetzt Angebote für die Trägerschaft und den Betrieb des Jugendhauses ein. Auch die Fortsetzung der städtischen Trägerschaft ist aber weiter möglich. Foto: Stephan Juch

Seit zwei Jahren arbeitet die Stadt an einer Neuausrichtung des Kinder- und Jugendhauses in der Schwarzwaldstraße. Der Gemeinderat drückte damals mit großer Mehrheit den entsprechenden Wunsch nach Veränderung und Erneuerung aus. Wie dieser zu erfüllen ist, bleibt aber nach wie vor umstritten. Das wurde bei der intensiven Diskussion deutlich, die am Montag geführt wurde, als es darum ging, die Stadt zur Einholung von Angeboten für die Trägerschaft und den Betrieb des Jugendhauses zu ermächtigen.

Mit 13 Ja-Stimmen gab es dafür nur eine denkbar knappe Mehrheit. Uwe Meyer (Freie Bürger) wähnt die Stadt hier auf dem richtigen Weg, betont aber: „Uns muss klar sein: Wenn wir unser Angebot erweitern, müssen wir auch zusätzliche finanzielle Mittel in die Hand nehmen.“ Das sei aber in Ordnung, so Meyer: „Das ist ein wichtiges Thema.“ Der Fraktionschef findet es positiv, dass man den Prozess weiterhin ergebnisoffen gestalten wolle. Dabei baut man auf den Erkenntnissen einer Sozialraumanalyse sowie den Ergebnissen einer jüngst durchgeführten Beteiligungsrunde mit zwölf Jugendlichen auf. Beides wurde in Zusammenarbeit mit dem Institut Katz aus Pforzheim realisiert.

Jugendhaus „kein Drogenumschlagplatz“

Dass die Beteiligungsrunde – trotz kostenloser Pizza – so schlecht angenommen wurde, sei laut Thalib Ahmad keine Überraschung gewesen. Der junge CDU-Stadtrat hatte diesbezüglich empfohlen, im Vorfeld über die Schülermitverwaltungen (SMV) der Gernsbacher Schulen für die Veranstaltung zu werben; zudem sei der Vorlauf zu kurz gewesen, bemängelte Ahmad. Er verweist darauf, dass circa 30 bis 40 Jugendliche regelmäßig das Jugendhaus nutzen. Zudem weist er Gerüchte zurück, es handele sich dort um einen „Drogenumschlagplatz“.

Für das jüngste Gemeinderatsmitglied sei es unverständlich, dass die Frage der Trägerschaft erneut thematisiert werde, nachdem man sich darauf geeinigt hatte, dies erst mit dem Renteneintritt des städtischen Jugendpflegers Matthias Winter (Ende 2024) wieder zu tun. Für noch mehr Unverständnis sorgt bei Ahmad, dass ausgerechnet der städtische Mitarbeiter, der seit Jahrzehnten mit der Aufgabe des Jugendpflegers betraut ist, weder in der Sozialraumanalyse befragt, noch in die Workshop-Planung Jugendhaus mit einbezogen worden sei. Es gebe keinen anderen, dem die Jugendlichen so sehr vertrauen, kein anderer habe so einen guten Draht zu ihnen, betont Ahmad: „Er kennt die Sorgen und Nöte der Jugendlichen, und es ist für mich höchst fraglich, dass man ihn zur gegenwärtigen Situation nicht weiter angehört hat.“

Auch auf Ahmad selbst habe die Stadt nicht reagiert, als er vor seiner Wahl in den Gemeinderat eine Umfrage unter Jugendlichen organisiert hatte und die Resultate der Verwaltung zukommen ließ: „Unternommen wurde bisher nichts!“ Statt Angebote für die Trägerschaft einzuholen und darüber nachzudenken, das Thema Jugend „outzusourcen“, macht sich der CDU-Stadtrat dafür stark, der Gernsbacher Jugend die Priorität und Wertschätzung einzuräumen, die sie verdiene, und ihrer Forderung nach einer Aufwertung des Innen- und Außenbereichs des Jugendhauses endlich nachzukommen. Zudem sollte Jugendpfleger Winter regelmäßig im Gemeinderat über die aktuelle Situation Bericht erstatten.

Grüne: „Jetzt entscheiden die Erwachsenen wieder an den Jugendlichen vorbei“

Wie die CDU sprechen sich auch die Grünen dagegen aus, jetzt Angebote anderer Träger einzuholen, schließlich habe man jüngst im Rahmen der Haushaltsdiskussion 5.000 Euro für einen Jugendgipfel eingestellt, der nach den Sommerferien stattfinden soll. Das sollte man abwarten, meint Birgit Gerhard-Hentschel und kritisiert: „Jetzt entscheiden die Erwachsenen wieder an den Jugendlichen vorbei.“ Für sie komme der Antrag der Stadt „zur Unzeit“, zumal die Frage der Trägerschaft überhaupt nicht dringlich sei.

Volker Arntz (SPD) weist darauf hin, dass es durchaus ein Klientel gebe, dass das Jugendhaus in seiner aktuellen Form zu schätzen wisse. „Aber es ist kein Ort für alle.“ Genau dies strebe man allerdings an. Arntz empfiehlt diesbezüglich, das Jugendhaus auch in die Mitte des schulischen Handelns einzubeziehen, diese Aufgabe erfülle die Einrichtung derzeit nicht. Eine gänzlich andere Sichtweise vertritt Dr. Ernst-Dieter Voigt (parteilos), der das Jugendhaus für überflüssig hält. Dabei handele es sich um eine freiwillige Leistung der Stadt, die man einsparen könne. Deshalb lehnt Voigt jedes finanzielle Engagement in diese Richtung ab, zumal die geringe Beteiligung am jüngsten Workshop darauf schließen lasse, dass es die Jugendlichen selbst kaum interessiere, was aus dem Jugendhaus wird. Für sie gebe es in der Stadt andere Möglichkeiten, sich zu beschäftigen, etwa in den vielen Gernsbacher Vereinen.

Verwaltungsspitze zeigt sich irritiert

Bürgermeister Julian Christ und Hauptamtsleiter Thomas Lachnicht haben sich im Gemeinderat „irritiert“ darüber gezeigt, dass das Thema Jugendhaus so emotional diskutiert wird. Die Verwaltung habe schließlich nichts anderes gemacht, als den klaren Auftrag des Gemeinderats von April 2019 umzusetzen, der da lautet, die Neukonzeption des Kinder- und Jugendhauses anzugehen. „Das haben wir getan. Jetzt können wir den nächsten Schritt gehen“, erklärte Lachnicht. Und Bürgermeister Julian Christ stellte bei der Kritik von CDU-Stadtrat Thalib Ahmad Widersprüche fest: Auf der einen Seite sei seinen Ausführungen zufolge alles gut beim Jugendhaus, auf der anderen Seite soll bei der Jugendarbeit der Stadt viel mehr passieren. „Was denn jetzt?“, fragte Christ in Richtung des jungen CDU-Stadtrats.

„Irritiert“ sei man auch über die Aussagen zum Umgang mit Stadtjugendpfleger Matthias Winter. Wie der Rathaus-Chef versicherte, gebe es prinzipiell bei der Stadtverwaltung „kein Abspeisen von Mitarbeitern“, wie es Ahmad im Fall von Winter vermute. Und der Hauptamtsleiter ergänzte, in ständigem Austausch mit allen Mitarbeitern zu sein, auch mit Winter. Mit diesem hat es offenbar Gespräche über einen früheren Renteneintritt gegeben, wofür sich entsprechende Mittel (50.000 Euro) im Haushaltsplan finden. Die Summe sei eingestellt, um eine gewisse Handlungsfreiheit beim Thema Jugendhaus gewährleisten zu können, erklärte Christ. Sollte die Trägerschaft der Einrichtung wechseln, koste dies natürlich auch Geld. Sollte man sich dagegen entscheiden, stünden die Mittel für andere Aktivitäten in diesem Bereich zur Verfügung. „Wir sind immer noch offen für alle Entscheidungen“, versicherte Lachnicht, man hole schließlich erst mal nur Angebote ein.

Bauwagen als Vorbild

Walter Schmeiser, Ortsvorsteher von Obertsrot-Hilpertsau, nennt das Verhalten der Jugendlichen, die in ihren Ortsteilen einen Bauwagen als Treffpunkt unterhalten, beispielhaft. Er verweist auf ein gutes Verhältnis zur Nachbarschaft und auf Eigeninitiative, wenn es etwa darum gehe, die Bauwagen und ihre direkte Umgebung instandzuhalten oder aufzuwerten. Auch Spenden hätten die jungen Leute dafür schon selbst akquiriert. Dieses Thema sollte man auch für die Weiterentwicklung des Kinder- und Jugendhauses mit einbeziehen. Zudem müsse man sich laut Schmeiser dort die grundsätzliche Frage stellen: „Welches Alter will ich eigentlich ansprechen?“ Das sieht auch Birgit Gerhard-Hentschel (Grüne) so: „Wir werden es nie schaffen, ein Jugendhaus zu bieten, das alle Jugendlichen anspricht.“

Kompetenzen vor Ort nutzen: Ein Kommentar von Stephan Juch

Externe Expertisen einzuholen, macht für Städte und Gemeinden sicher in vielen Bereichen Sinn. In den personell meist knapp besetzten Verwaltungen fehlt es oft an genügend Fachpersonal, um für alle Bereiche kommunalen Handels optimal gerüstet zu sein. Da ist Hilfe von außen häufig erforderlich. Bevor man aber teure Büros, Institute oder Gutachter beauftragt, sollte man genau prüfen, ob es unbedingt nötig ist, dafür Geld auszugeben. Beispiel Jugendarbeit: Hat es wirklich das Institut Katz aus Pforzheim gebraucht, um die Sorgen, Nöte und Wünsche der jungen Gernsbacher herauszufinden und die ihrer Meinung nach vorhandenen Stärken und Schwächen des Jugendhauses zu artikulieren? Das, was in Folge der Sozialraumanalyse und jüngst nach einem Jugend-Workshop im Gemeinderat präsentiert worden ist, hätte Stadtjugendpfleger Matthias Winter wahrscheinlich aus der hohlen Hand heraus geschüttelt. Ihn hat man aber im gesamten Prozess bisher außen vor gelassen. Das ist erstaunlich, angesichts seiner jahrzehntelangen Erfahrung. Wenn man die Kompetenz in der Stadt hat, sollte man sie auch nutzen!


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.