Jugendlicher Sittenverfall in Gernsbach

Gernsbach (stj) – Böllerschüsse, Saufgelage, Corona-Verstöße: Untragbare Zustände herrschen seit Wochen im Bereich Stadtbahn-Haltestelle Mitte – Sozialstation – Nahkauf.

Der Bereich Stadtbahn-Haltestelle Gernsbach Mitte, Sozialstation, Nahkauf, Scheffelstraße, Tennisplätze ist seit Monaten Schauplatz jugendlicher Partygelage. Trotz offensichtlicher Corona-Verstöße und anderer Vergehen können die Beteiligten bislang offenbar ungehindert ihren Vorlieben frönen. Foto: Veronika Gareus-Kugel

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Der Bereich Stadtbahn-Haltestelle Gernsbach Mitte, Sozialstation, Nahkauf, Scheffelstraße, Tennisplätze ist seit Monaten Schauplatz jugendlicher Partygelage. Trotz offensichtlicher Corona-Verstöße und anderer Vergehen können die Beteiligten bislang offenbar ungehindert ihren Vorlieben frönen. Foto: Veronika Gareus-Kugel

„Schrecklich, dass es in einer Demokratie so weit gekommen ist und in einer Kleinstadt immer die gleichen Jugendlichen massiven Terror ausüben.“ Diese drakonischen Worte leiten einen Brief ein, der jüngst an Bürgermeister Julian Christ, Vertreter der Gemeinderatsfraktionen und an das BT geschickt worden ist. Darin prangert der „anonyme Briefeschreiber“, hinter dem sich wohl mehrere Verfasser verstecken (zumindest ist darin mehrfach von „wir“ die Rede), die untragbaren Zustände in Teilen der Innenstadt an, wo es offenbar regelmäßig zu abendlichen Saufgelagen, Corona-Verstößen, Böllerschüssen und anderen Verfehlungen kommt.

Umfangreiche BT-Recherchen haben ergeben, dass die Vorwürfe größtenteils zutreffen. Besonders darunter leidet der Bereich Stadtbahn-Haltestelle Mitte – Blumenweg – Sozialstation – Nahkauf – Scheffelstraße – Tennisplätze; aber auch im Kurpark, in der Weinau, auf der Murginsel und dem Salmenplatz sowie in der Eisenlohr- und der Austraße „terrorisieren Kinder und Jugendliche die Bevölkerung“. Seit mehreren Wochen „werden täglich – vor allem nächtlich – meist bis gegen Mitternacht oder später Schnaps, Bier und Mixgetränke gesoffen“, berichtet ein betroffener Anlieger: „Allmorgendlich zeugen Müllberge vom nächtlichen Treiben.“ Zuletzt seien verstärkt auch sogenannte „Polenböller“ der Marke Bum gezündet worden. Das bestätigen zahlreiche Anwohner. Das Material gibt es per Post ins Haus. „Eigentlich ist das alles verboten“, verweisen Betroffene auf die seit Kalenderwoche 51/2020 geltende Corona-Verordnung (Alkohol, Böller und Ausgangssperre ab 20 Uhr): „Bestraft gehören hier eigentlich die Eltern!“

Stadt sieht „nur sehr wenige Verstöße“

Auch in dem anonymen Brief wird auf die Corona-Verordnung hingewiesen, die zwar im Stadtanzeiger auf über sechs Seiten eins zu eins abgedruckt wurde, deren Überwachung aber zu wünschen übrig, beziehungsweise gänzlich unterlassen werde. Die Stadt Gernsbach weist dies auf BT-Anfrage zurück und betont: „In Einzelfällen kommt es zu Beschwerden und Störungen. Es ist dennoch keine massive Zunahme an Störungen zu verzeichnen – auch im Vergleich zu Nachbargemeinden ist in Gernsbach keine überdurchschnittliche Zunahme zu verzeichnen. Gleichwohl appellieren wir an die Eigenverantwortung der Jugend, sich an die Verordnungen zu halten. Der Kommunale Ordnungsdienst (KOD) ist derzeit mit der Überwachung der Einhaltung von Corona-Verordnungen ausgelastet.“ Zur Einhaltung derselben und der Quarantäne-Anweisungen im Allgemeinen könne man als Stadtverwaltung sagen, „dass unsere Bürger sehr verantwortungsvoll mit der Situation umgehen und es nur zu sehr wenigen Verstößen kommt. Für diese Umsicht und Rücksichtnahme möchten wir uns ausdrücklich bedanken.“

Diese Aussagen überraschen diejenigen, die regelmäßig an besagten Brennpunkten vorbeikommen und dort meist Zeugen des jugendlichen Sittenverfalls werden. Viele der vom BT befragten Personen bestätigen die in dem anonymen Schreiben formulierten Vorfälle von Sachbeschädigung, vorsätzlicher Gefährdung des Straßenverkehrs, Gefährdung der Fußgänger durch Fahrradfahrer auf den Bürgersteigen, Vermüllung und lauten Detonationen. Sogar von Gewalt ist vereinzelt die Rede. Und Corona-Verstöße sind bei den Treffen von teilweise weit mehr als 15 Jugendlichen naheliegend.

Diese „machen sich nicht mal die Mühe, sich zu verstecken“, betonen Spaziergänger, die sie des Öfteren angetroffen haben: „Die Personen sind hinlänglich bekannt, minderjährige Jugendliche mit kleinen Gürteltaschen.“ Die Polizei, die zuletzt diesbezüglich viele E-Mails und Anrufe von Anliegern bekommen hat, kennt die Probanten und verfügt sogar über Bildmaterial. „Sie sind sehr bemüht, bekommen die Lage aber nicht in den Griff“, analysiert ein Anwohner.

Sozialstation besonders betroffen

„Das Rechtssystem wird von Minderjährigen vorgeführt und Sie schauen im Rathaus hilflos oder resigniert zu. Hier muss sich was ändern“, heißt es in dem anonymen Brief in Richtung Stadtverwaltung: „Nicht durch kollektives Wegschauen, sondern durch das Hinschauen und den vollen Einsatz der rechtlichen Möglichkeiten löst man Probleme.“

Hilflos zeigt man sich bei der Sozialstation Gernsbach, die schon sehr lange unter den ungebetenen Gästen in ihrem direkten Umfeld leidet. „Wir wissen nicht, was wir noch tun sollen“, sagt Vorsitzender Jörg Lungwitz. Neben der regelmäßigen Vermüllung, die der 85-jährige Egon Selmayr nahezu täglich früh morgens ehrenamtlich wegräumt, sind es besonders die Sachbeschädigungen an den Fahrzeugen, unter denen die Sozialstation zu leiden habe. Lungwitz erzählt von geklauten Nummernschildern, die jedes Mal viel Zeit und Geld kosten – ganz zu schweigen davon, dass die Autos dann vorübergehend nicht zur Verfügung stehen. Eigentlich wollte sich die Sozialstation längst ein E-Auto und eine Ladestation anschaffen, aber sie traut sich nicht: „Die Ladestation wäre in wenigen Tagen Opfer von Vandalismus“, ist Lungwitz überzeugt. Die Sozialstation habe im Rahmen ihrer Möglichkeiten zwar schon einige Maßnahmen ergriffen, diese hätten aber jeweils nur kurzfristig für Entspannung gesorgt.

„Da wird viel kaputt gemacht“, bestätigen einige vom BT befragte Gemeinderäte aller Fraktionen. Sie haben größtenteils „nicht den Eindruck, hier wird irgendetwas bewacht“. Und wenn doch mal die Polizei oder das Ordnungsamt abends auftaucht, dann flüchten die Delinquenten flugs über den Felsenweg oder verschwinden in dunklen Gassen. Das Problem ist den Kommunalpolitikern bekannt; dass man dem nicht durch gezielte Einsätze des KOD Herr werden kann, verstehen die meisten indes nicht.


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