Justinus Kerner: Eine Dichterliebe zu Lichtenthal

Baden-Baden (red) – Schlicht und innig ist seine romantische Lyrik: Der dichtende Arzt Justinus Kerner aus Ludwigsburg war gerne zu Gast in Baden, vor allem liebte er das „stille Lichtenthal“.

„Klecksbilder“ des dichtenden Mediziners Justinus Kerner waren 2013 im Wallraf-Richartz-Museum in Köln zu sehen: Er hatte Freude am Grotesken.  Foto: Rolf Vennenbernd/dpa

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„Klecksbilder“ des dichtenden Mediziners Justinus Kerner waren 2013 im Wallraf-Richartz-Museum in Köln zu sehen: Er hatte Freude am Grotesken. Foto: Rolf Vennenbernd/dpa

„Frag‘ nicht, warum war deine Wahl / Das ferngelegne Lichtenthal, / Statt Badens stolzer Quelle?“, schreibt Justinus Kerner und fährt fort: „Doch du, mein stilles Lichtenthal, / Du bist des Mondes milder Strahl, / Mit frommen Klosterfrauen, / Mit tausend Wassern frisch und rein, / Melodisch rieselnd aus dem Stein, / Den Moos und Sinngrün decket, / Mit Wäldern, drin die Nachtigall / Statt der Musiken lautem Schall, / Den müden Schläfer wecket.“ Mit gleich drei Gedichten hat der schwäbische Romantiker und Arzt Lichtenthal gepriesen, Baden-Baden war ihm zu laut und zu mondän.
1786 in Ludwigsburg geboren, war Justinus Kerner Schüler in Maulbronn und Knittlingen, dann sollte er nach dem Willen seines Vaters in Ludwigsburg Kaufmann werden. Stattdessen schrieb er Gedichte und spielte auf der Maultrommel, auch für die Insassen des örtlichen Irrenhauses. Um 1820 inspirierte sogar Kerner einen der Virtuosen seiner Zeit, Karl Eulenstein, einen österreichischer Musiktheoretiker und Komponisten. Die Maultrommel war damals ein ernstgenommenes Instrument, Johann Georg Albrechtsberger schrieb mehrere Konzerte dafür.
In Tübingen studierte Kerner Medizin und Naturwissenschaften, 1808 promovierte er. Schon damals war seine Wohnung ein beliebter Treffpunkt schwäbischer Dichter: Ludwig Uhland, Karl Mayer, Gustav Schwab, Nikolaus Lenau und Karl August Varnhagen von Ense wurden enge Freunde. Viele seiner romantischen Gedichte, die meisten schlicht und innig, humorvoll und auch ein bisschen melancholisch, wurden vertont, unter anderem von Robert Schumann.

Schon früh Hypnose angewandt

Wie viele seiner Dichterfreunde war auch Kerner ein Unterstützer der progressiven Kräfte, der Turn- und der Sängerbewegung, die zeitweise verboten waren. 1846, kurz vor der Revolution, pilgerten zweitausend Teilnehmer des Heilbronner Turnfests zu seinem Haus, sangen sein Lied „Wohlauf noch getrunken“ und defilierten an ihm, mit dem Hut in der Hand, vorbei. „Der alte Mann wurde völlig überwältigt von Rührung“, erinnert sich der spätere amerikanische Architekt Adolf Cluss.
Im Hauptberuf aber war Kerner ab 1810 Arzt. Vor allem in kleineren Ort wie (Bad) Wildbad, bis er 1819 nach Weinsberg bei Heilbronn kam, wo er bis 1851 praktizierte. Wegweisend für die Medizin wurde seine klinische Beschreibung der bakteriellen Lebensmittelvergiftung Botulismus. Berühmt aber wurde er durch die Behandlung einer jungen Frau, Friederike Hauffe (1801-1829), über die er 1829 das Buch „Die Seherin von Prevorst“ schrieb. Ab 1825 hörte sie Stimmen, sah geisterhafte Lichterscheinungen und sagte Ereignisse voraus. Der Oberamtsarzt Kerner behandelte sie ab 1826 vor allem mit einer neuen Technik, dem Mesmerismus (nach Franz Anton Mesmer), einem Vorläufer der klinischen Hypnose.
Die letzten beiden Jahre ihres Lebens lebte sie in seinem Haus, geheilt wurde sie nicht. Später begann Kerner selbst an Erscheinungen zu glauben und bat seine Patientin, ihm den Zugang zur Geisterwelt zu verschaffen. Das Maultrommelspiel gab er übrigens zeitlebens nicht auf, auch seiner Patientin spielte er darauf vor.

Abschiedsgedicht auf dem Cäcilienberg

Und er hatte Freude am Grotesken: Beim Schreiben seiner Briefe und Gedichte kleckste er oft auf das Papier und benutzte diese „Dintensäue“ zu Kunstwerken: Er faltete das Papier und machte aus den jetzt symmetrischen Klecksen abstrakte Zeichnungen, die er mit kleinen Strichen verfeinerte und poetisch und humorvoll kommentierte: „Aus Dintenfleken ganz gering / Entstand der schöne Schmetterling. / Zu solcher Wandlung ich empfehle / Gott meine flekenvolle Seele.“
1862 starb Kerner in Weinsberg. Aber zuvor war er noch zweimal zur Kur in Lichtenthal, durch grauen Star schon halb erblindet. Auf dem Cäcilienberg schrieb er 1846: „Und wieder hier! – Ist es zum letztenmal? / Der kranken Augen bald erloschner Strahl / Sieht kaum noch deinen blauen Himmel blinken, / O du mir einst so licht gewesnes Tal. / So laß nur, um zu stillen meine Qual, / Mich in die Waldnacht deiner Berge sinken!“

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Erstellt:
6. August 2020, 07:30 Uhr
Lesedauer:
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