KSC: Bischof sportlicher NLZ-Leiter

Karlsruhe (rap) – Seit dem 1. Juli ist Michael Bischof sportlicher Leiter des Nachwuchsleistungszentrums des Fußball-Zweitligisten Karlsruher SC. Seine Aufgabe: Talente entdecken und fördern.

Wollen das NLZ auf das nächste Level hieven: Pascal Huber und Michael Bischof (rechts). Foto: Christian Rapp

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Wollen das NLZ auf das nächste Level hieven: Pascal Huber und Michael Bischof (rechts). Foto: Christian Rapp

Michael Bischof sitzt in seinem Büro und strahlt – trotz sommerlichen Temperaturen, stickiger Luft im Geschäftszimmer und der einen oder anderen Schweißperle auf der Stirn. Während der 29-Jährige beginnt, über seine neue Aufgabe im Karlsruher Nachwuchsleistungszentrum (NLZ) zu reden, rollt nur wenige Meter entfernt der Ball. Ein Jugendteam befindet sich mitten im Training: Passübungen, Flankenläufe, Torschusstraining. Wo früher Oliver Kahn Richtung Weltkarriere hechtete, Mehmet Scholl sich in die Herzen der Fans dribbelte und Hakan Calhanoglu an seiner fast einzigartigen Schusstechnik feilte, basteln nun, Anfang Juli 2020, die nächsten (verheißungsvollen) Talente des Fußball-Zweitligisten – im besten Fall – eifrig an einer ähnlichen Karriere.

Michael Bischof begleitet die Jugendlichen auf dem Weg dorthin. Mehr noch: Er ist verantwortlich für ihren Werdegang. Schließlich soll er dafür sorgen, dass die Nachwuchsarbeit im Wildpark im harten Talentewettstreit, bei dem auch schon mit beträchtlichen (Geld-)Bandagen gekämpft wird, auf das nächste Level gehoben wird. Seit dem 1. Juli ist der gebürtige Unterfranke sportlicher Leiter der KSC Grenke-Akademie, dem Talentschuppen der Badener.

„Es ist schön, wieder hier zu sein“, sagt der 29-Jährige. „Es war eher ein Gefühl des Heimkommens, statt irgendwo neu anzufangen.“ Wirklich weg war Bischof ja auch nie aus dem Wildpark, auch wenn er die vergangenen zwölf Monate als Videoanalyst bei der TSG Hoffenheim II tätig war. „Der Kontakt“, sagt Bischof, „zu Ede und Pascal ist nie abgebrochen in dieser Zeit. Ich war in den vergangenen Jahren hier im Wildpark bereits in den verschiedensten Funktionen aktiv, etwa als Co-Trainer bei der U 19, U-17-Chefcoach sowie für die Zertifizierung des Nachwuchsleistungszentrums zuständig. Als sie mir die Perspektive aufzeigten, als sportlicher Leiter im NLZ zu arbeiten, musste ich nicht lange überlegen. Die Aussicht, hier gemeinsam mit den Trainern und Mitarbeitern wirklich etwas bewegen zu können, ist einfach spannend.“

Ede, das ist Edmund Becker, seines Zeichens NLZ-Leiter und – natürlich – KSC-Urgestein. Unter Becker schaffte die Generation um den jetzigen KSC-Cheftrainer Christian Eichner – also Sebastian Freis, Timo Staffeldt, Florian Dick – den Sprung in die Profimannschaft, garniert mit dem Höhepunkt Bundesliga-Aufstieg 2007. Der andere, Pascal Huber, verantwortet die organisatorische Leitung der Talentschmiede. „Für uns war es nicht leicht, als Michael nach Hoffenheim gegangen ist, aber deswegen haben wir uns gleich wieder drangesetzt, um ihn zurückzuholen“, sagt Huber und lacht: „Mit Erfolg“.

„Wir verstehen uns fast blind“

Bischof und Huber kennen sich schon ewig, vor zehn Jahren holte Dietmar Blicker den Unterfranken zum Verbandsligisten 1. SV Mörsch, Hubers Heimatverein. Bischof war Anfang des Jahrzehnts Student von Blicker am Sportinstitut des KIT. „Wir haben uns auf Anhieb gut verstanden“, sagt Huber über Bischof. „Wir kennen uns zehn Jahre und haben schon viele gemeinsame Projekte für den KSC angeleiert. Wir verstehen uns fast blind, das Vertrauen in den anderen ist riesig“, fügt Bischof an. Fast wie ein altes Ehepaar? „So extrem ist es noch nicht“, schmunzelt Bischof, „wir sind aber total stimmig, in dem was wir machen.“ Gemeinsam hielten sie die Knochen für Mörsch auf dem Platz hin, gemeinsam tüfteln sie nun an einer erfolgreichen Zukunft für die KSC-Talente. „Uns beide beschäftigt einzig und allein, wie wir hier mit allen Mitarbeitern die Ausbildung unserer Talente weiter nach vorne bringen“, erklärt der sportliche Leiter.

Vom KSC-Talentschuppen zum AC Milan: Hakan Calhanoglu (rechts). Foto: Hans Punz/dpa

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Vom KSC-Talentschuppen zum AC Milan: Hakan Calhanoglu (rechts). Foto: Hans Punz/dpa

An diesem herrlichen Sommertag sitzen sie gemeinsam im Büro und sinnieren über die zukünftige Ausbildung der Talente: Die Ausrichtung, die Verzahnung mit der Profiabteilung, die angestrebte Professionalisierung im Scouting und in der Spielanalyse. Auch die Entwicklung einer eigenen Spielidee, einer Identität, die die KSC-Talente auf dem Platz prägen soll, steht auf der Agenda. Von „Leitlinien“ ist da die Rede, „permanent aktiv sein, auch wenn der Gegner den Ball hat“, schwebt Bischof als Idealvorstellung vor. Natürlich fällt auch das Wort „Umschaltaktionen“, gefolgt von „Zielstrebigkeit im letzten Angriffsdrittel.“ Erfolgreiche Vorbilder gibt es ja: La Masia, die Talentschmiede vom ruhmreichen FC Barcelona, aus der einst Lionel Messi hervorgegangen ist, oder die klassische Ajax-Schule, wo den Kids das 4-3-3-System quasi in die fußballerische DNA eingeimpft wird.

Infrastruktur wird erweitert und erneuert

So weit will Bischof aber nicht gehen. „Innerhalb der Leitplanken kann sich der jeweilige Trainer total system- und grundformationsunabhängig entfalten“, veranschaulicht Bischof. Freigeister sollen auf dem Fußballplatz also auch weiterhin Raum zur Entfaltung bekommen. Die Spielidee soll ab der U 10 implementiert werden, damit die Spieler sie dann in der U 17 oder U 19 „im Optimalfall verinnerlicht“ haben und „unter höchsten Wettkampfbedingungen“ an den Tag legen können.

Es ist freilich eine lange Liste, die Bischof und Huber angehen wollen, um das NLZ auf das nächste Level zu hieven, damit irgendwann mal wieder der nächste Nowotny, der nächste Sternkopf oder der nächste Scholl aus der Talentschmiede hervorgeht. Das Duo ist immer auf der Suche nach Optimierungsmöglichkeiten, um gegen die finanziell stärker aufgestellte Konkurrenz aus Hoffenheim, Stuttgart und Freiburg zu bestehen. Mittlerweile mischt auch Eintracht Frankfurt in diesem Dunstkreis mit, selbst Bayer Leverkusen und auch die Münchner Titelhamster haben in letzter Zeit die Angel nach Karlsruher Talenten ausgeworfen. „Das Finanzielle spielt natürlich immer eine Rolle, daher müssen wir den Eltern und Jungs aufzeigen, dass sie hier alles haben, was sie brauchen, um es irgendwann in die Profimannschaft zu schaffen: Wir haben eine tolle Infrastruktur, die in den nächsten eineinhalb Jahren erneuert und extrem erweitert wird, mit neuen Plätzen und einem neuen Funktionsgebäude“, zählt Huber die Entwicklungsmöglichkeiten in naher Zukunft auf. Jedoch ist auch dem 30-Jährigen bewusst: „Da müssen wir nicht um den heißen Brei reden: Wenn ein Verein kommt und die Euros, die wir durch die Ausbildungsentschädigung verdienen, auf den Tisch legt, dann können wir die Spieler nicht immer halten.“

Intensiver Austausch mit Eichner

Dass der KSC aber in diesem Talente-Haifischbecken durchaus bestehen kann, ja sogar auf Augenhöhe agiert, belegt allein die Tatsache, dass alle KSC-Jugendteams in der höchsten Liga spielen. Die U 17 und U 19 sind seit Jahren schon fester Bestandteil der Junioren-Bundesliga. „Die Konkurrenz ist zwar groß, aber wir haben ein richtig gutes Produkt. Die Ausbildung bei uns ist auf einem sehr hohen Niveau“, findet Bischof, der in der Außendarstellung noch Luft nach oben sieht: „Vielleicht muss man es an der einen oder anderen Stelle noch etwas besser verkaufen, andere Vereine haben etwa für die Jugendabteilung eine Presseabteilung, da wird dann eben vieles ausgeschmückt, größer gemacht, als es in Wahrheit ist.“

Um mit der Konkurrenz Schritt zu halten, wurde auch die Spielanalyse in der Jugend optimiert. Ab der U 14 werden zukünftig alle Spiele und auch einige Trainingseinheiten aufgenommen, analysiert und mit den Spielern besprochen. Als Kopf der Spielanalyse wurde Julian Schwarz, Co-Trainer der U 16, installiert. „Mit dem KIT durch Didi Blicker haben wir einen sehr guten Partner, der uns immer wieder Praktikanten stellt“, sagt Huber. Derzeit hat jede Mannschaft ab der U 14 einen Videoanalysten. „Die Individualisierung der Ausbildung ist ein großes Thema, da wird auch von den Eltern Wert draufgelegt“, erklärt Bischof. Die Eltern wieder verstärkt mitzunehmen, so Huber, sei das erklärte Ziel. Identifikation schaffen, Emotionen schüren, die Eltern auf den Weg der Ausbildung mitnehmen. „Unser Slogan ist ja ,Meine Heimat‘, der auch die Verbundenheit mit der Region aufzeigen soll. Wir müssen wieder dahinkommen, dass die Eltern sagen: ,Hey, der KSC ist mein Verein‘“, verdeutlicht Huber.

Sprung zu den KSC-Profis geschafft: Dominik Kother (schwarzes Trikot). Foto: Helge Prang/GES

© GES/Helge Prang

Sprung zu den KSC-Profis geschafft: Dominik Kother (schwarzes Trikot). Foto: Helge Prang/GES

Große Hoffnungen setzt Bischof auf den neuen KSC-Cheftrainer Christian Eichner und seinen Assistenten Zlatan Bajramovic. Beide haben selbst, wie mittlerweile viele andere Mitarbeiter im Profiteam, eine NLZ-Vergangenheit. Dementsprechend groß ist das Interesse an einem Austausch zwischen Profi- und Jugendabteilung. „Wir sehen mit Christian und Zlatan die Chance, dass wir jetzt noch viel mehr profitieren können, weil wir in einem ständigen Austausch sind. Die Verzahnung mit den Profis wird zunehmen“, prophezeit Bischof. Huber fügt an: „Die Zwei sind fast täglich da, suchen auch auf dem Flur den Austausch mit Trainern, Mitarbeitern und Spielern. Auch Athletiktrainer Florian Böckler und Torwarttrainer Markus Miller haben einen engen Austausch mit den Jugendtrainern runter bis zur U 10. Das ist der Wahnsinn.“

Bischof: „Wir sehen uns total als Zulieferer“

Ein Miteinander, das in der Vergangenheit nicht immer herrschte. Kein Wunder, war doch Ex-KSC-Trainer Alois Schwartz eher dafür bekannt, auf alte Hasen zu setzen, statt auf Talente. „Unter dem ehemaligen Trainerteam war das sicher nicht so extrem der Fall“, bestätigt Bischof. Dass es aber auch mit der eigenen Jugend geht, zeigte zuletzt Dominik Kother, den Eichner ins kalte Wasser bei den Profis warf, und der das Vertrauen prompt zurückzahlte – mit dem 1:1-Ausgleich am letzten Spieltag in Fürth. „Das ist der Weg, den der KSC in Zukunft gehen muss“, ist sich Bischof sicher, „und den Christian und Zlatan auch total vorleben.“ Pascal Huber erinnert gar an die Vergangenheit: „Die eigene Jugend hat den KSC schon immer stark gemacht.“

Der 29-jährige Bischof und der ein Jahr ältere Huber sind sich bewusst, dass noch viel Arbeit vor ihnen liegt, damit die Karlsruher Talentschmiede im harten Kampf um die besten Nachwuchskicker in Süddeutschland weiter ganz oben mitmischt. „Es ist nicht selbstverständlich, dass zwei so junge Leute in so verantwortungsvollen Positionen agieren dürfen“, sagt Huber. „Das ist ein Vertrauensbeweis der Vereinsführung, den wir mit harter Arbeit und ganz viel Herzblut und Leidenschaft zurückzahlen wollen“, erklärt Bischof, der sein Hauptziel gleich nachschiebt: „Wir sehen uns total als Zulieferer. Am Ende des Tages geht es darum, eigene Talente ins Wildparkstadion zu bekommen.“

Michael Bischof und Pascal Huber verlassen das heiße Bürozimmer. Der Weg führt sie an einen der Plätze. Die nächste Jugendmannschaft wartet bereits sehensüchtig auf den Trainingsbeginn, kein Wunder nach der langen Corona-Pause. Einige Spieler werden gerade von ihren Eltern abgeliefert. Der sportliche Leiter des NLZ grüßt die Eltern, ein kleiner Plausch mit jedem Spieler folgt.

Wer weiß, vielleicht hat sich Michael Bischof ja gerade mit dem nächsten Hakan Calhanoglu oder dem nächsten Torwart-Titan unterhalten ...


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