KSC-„Hans“ verabschiedet sich in Ruhestand

Karlsruhe (ket) – Nach 46 Jahren verabschiedet sich KSC-Zeugwart Hüseyin Cayoglu in den Ruhestand.

Treue Seele: 46 Jahre war Hüseyin Cayoglu KSC-Zeugwart, heute bestreitet er sein letztes Spiel. Fotos: Markus Gilliar/GES

© GES/Helge Prang

Treue Seele: 46 Jahre war Hüseyin Cayoglu KSC-Zeugwart, heute bestreitet er sein letztes Spiel. Fotos: Markus Gilliar/GES

Noch ein Spiel. Noch einmal 90 Minuten. Hüseyin Cayoglu, der einem ausdrücklich erlaubt hat, ihn in dieser Geschichte Hans zu nennen, weil alle beim KSC das so tun, freut sich darauf. Und er hat doch auch ein bisschen Bammel davor, weil die heutige Partie gegen den SC Paderborn weiß Gott kein normales Spiel für ihn werden wird, sondern sein letztes als Zeugwart des Karlsruher SC.

„Ich werde wohl die ein oder andere Träne verdrücken“, ahnt Hans. Er ist sich da sogar ziemlich sicher. Eigentlich kann es ja auch gar nicht anders sein, nach so langer Zeit. 46 Jahre hat er den Job gemacht, fast drei Viertel seines Lebens. Wobei der KSC nie nur ein Job für ihn war, sondern mehr, viel mehr. „Der Verein ist ein Stück Familie, ein Stück Heimat“, sagt Hans.

Das ist nicht nur so dahingeplappert, die Eckpfeiler seines Lebens untermauern dies: 1962 kam Hüseyins Vater als Gastarbeiter aus der Türkei nach Deutschland, acht Jahre später holte er, wie damals üblich, seine Familie nach. 13 war Hans damals. Vier Jahre später sollte der junge Metallbauer bei Bosch anfangen. Weil der Konzern in einer Krise steckte, kam der 17-Jährige über eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme zur Stadt Karlsruhe – und über sie zum KSC. Hans wurde zunächst Hilfskraft des damaligen Zeugwarts Seppl Klimesch, selbst ein KSC-Original, bald dessen wichtigster Mitarbeiter. „Damals war rund um den Stadion- und Spielbetrieb noch Vieles in städtischer Hand“, erinnert sich Cayoglu. 1993, mit der Fertigstellung der Haupttribüne, sollte sich dies ändern. Der KSC musste sich ab sofort selbst um die Nebenplätze und Zeugwartaufgaben kümmern –und warb ihn dafür in einer Art freundlichen Übernahme von der Stadt ab.

„Ich war damals Mädchen für alles“, sagt Hans heute im Rückblick. Und präzisiert: „Ich war Hausmeister, Platzwart und Zeugwart in einer Person.“ Im Alltag hieß das: Schuhe putzen, Rasen mähen, Bälle aufpumpen, Glühbirnen wechseln, Trikots, Hosen und Stutzen herrichten. Sonderlich viel hat sich daran bis heute gar nicht verändert, bestenfalls ein bisschen weniger ist es geworden. „Die aktuelle Mannschaft putzt ihre Schuhe selber“, erzählt Hans mit einem Grinsen im Gesicht. Er findet das gut – und das nicht nur, weil es ihm weniger Arbeit bereitet. Anders möglich wäre es ohnehin kaum mehr. „Früher habe ich jedem die Schuhe gerichtet, aber da hatte jeder auch nur ein Paar“, sagt Hans. Heute besitze jeder vier, fünf, sechs Paar Fußballschuhe – „und jedes Modell muss anders gepflegt werden.“

Hans' hunderte „Söhne“


Das heißt nicht, dass er nicht auch heute noch alles für die Spieler tun würde, so wie es schon immer war. „Meine Söhne“, nennt er sie. Hunderte hat er im Laufe der Jahre kommen sehen – und auch wieder gehen. Für alle hatte er ein offenes Ohr. Hans kümmerte sich nicht nur um die Schuhe, Stollen, Trikots, Stutzen und Hosen der KSC-Profis, sondern auch um alle anderen Belange. Wer zu Hause einen Handwerker brauchte – kam zu Hans, der einen besorgte oder selbst antanzte und reparierte. Wen es im Winter nach dem Training fror –konnte sich in Hans Büro einen heißen türkischen Tee abholen. Wer Zoff mit der Freundin hatte – bekam bei Hans ein kaltes Bier, um den Frust mal runterzuspülen – und tröstende Worte.

„Das sind und waren alles gute Jungs“, sagt Hans. Und selbst wenn es nicht so gewesen sein sollte, würde er es nie und nimmer verraten, schon gar nicht an die Presse und für Geld. „Man verkauft doch seine Familie nicht“, sagt er diesbezüglich nur. Angebote dieser Art habe es freilich schon deshalb nie gegeben, weil ohnehin jeder gewusst habe, dass er sie nicht annehmen würde.

Fahrten im Porsche


Anekdoten und Geschichten kann er dennoch eine Menge erzählen, nach 46 Jahren KSC bleibt das nicht aus. Jene von Rolf Dohmen ist fast schon ein Klassiker. Der sei als junger Spieler hin und wieder zu spät zum Training gekommen und habe ihm in der Eile den Autoschlüssel zugeworfen, verbunden mit der Bitte, das Fahrzeug, damals ein Porsche, um die Ecke zu parken. „Ich bin dann immer noch eine Extra-Runde ums Stadion gefahren“, erzählt Hans sichtlich vergnügt.

Auch die Geschichte, wie er überhaupt zum Hans wurde, ist durch und durch erzählenswert. Weil der KSC in den 80er-Jahren zu Freundschaftsspielen öfter in der Schweiz weilte und für Hüseyin jedes Mal ein Visum notwendig war, kam man zu dem Entschluss, der Einfachheit halber einen deutschen Pass für den türkischen Zeugwart zu beantragen. „Als ich den Pass hatte, kam dann Winnie Schäfer zu mir und fragte: ‚Und, wie heißt du jetzt?‘ Natürlich hatte ich meinen Namen behalten, aber er meinte: ‚Du brauchst einen neuen Namen.‘ Ich sagte dann einfach so: ‚Okay, dann bin ich jetzt der Hans.‘“

Der damals noch erdbeerblonde Winnie hat Cayoglu freilich nicht nur einen neuen Vornamen beschert, sondern auch die schönsten Momente, jene im UEFA-Cup. „Mit dem KSC durch Europa zu fahren, das war großartig“, sagt Hans – und die Begeisterung leuchtet noch heute in seinen Augen. Die Kehrseite dieser Abenteuer waren die Abstiege, acht davon hat er miterleben müssen. Jedes Mal hat er gelitten wie ein Hund, auch gesundheitlich. Zumindest das bleibt dem 63-Jährigen künftig erspart.

Noch ein letztes Spiel. Noch einmal 90 Minuten. Und dann? Endlich mehr um seine Familie will sich Hüseyin kümmern, seine Frau, seine Kinder, seinen Enkel. Auch Reisen wäre nicht schlecht. Privat war dafür nie Zeit. Und überhaupt, er ist ja nicht weg. „Wenn der KSC mich braucht, bin ich immer da“, sagt Hans. Typen wie er, gehen niemals ganz.

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Erstellt:
28. November 2020, 10:04 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 58sec

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