KSC-Präsident Siegmund-Schultze im Interview

Karlsruhe (ket) – Seit einem Jahr ist Holger Siegmund-Schultze Präsident des Fußball-Zweitligisten Karlsruher SC. Im BT-Interview blickt er auf die ersten zwölf Monate seiner Amtszeit zurück.

Gibt seit einem Jahr beim KSC die Richtung vor: Holger Siegmund-Schultze. Foto: Markus Gilliar/GES

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Gibt seit einem Jahr beim KSC die Richtung vor: Holger Siegmund-Schultze. Foto: Markus Gilliar/GES

Seit ziemlich genau einem Jahr ist Holger Siegmund-Schultze Präsident des Karlsruher SC und damit Nachfolger des am Ende immer mehr umstrittenen Ingo Wellenreuther, in dessen Amtszeit der 54-jährige Immobilienunternehmer freilich schon als Vize-Präsident fungiert hatte. BT-Redakteur Frank Ketterer und Christoph Ruf ließen das Jahr im Interview mit Siegmund-Schultze Revue passieren.

BT: Herr Siegmund-Schultze, Sie sind nun seit einem Jahr KSC-Präsident. Was für ein Zeugnis stellen Sie sich aus?
Holger Siegmund-Schultze: Am liebsten gar keines. Es ist schließlich nicht möglich, sich selbst fair zu bewerten. Ich glaube aber, dass wir insgesamt wirklich gute Fortschritte bei unserem Veränderungsprozess gemacht haben. Der Zusammenhalt im Verein ist in den zurückliegenden 18 Monaten gestiegen, genauso wie der Wille, gemeinsam erfolgreich zu sein.

BT: Welche Ihrer Ziele konnten bereits erreicht werden?
Siegmund-Schultze: Es sind ja nicht nur meine Ziele, sondern wir haben uns nach den Wahlen innerhalb der Gremien auf gemeinsame Ziele verständigt. Dazu gehört unter anderem, dass wir die Finanzen des Vereins in Ordnung bringen und budgettreu bleiben wollen. Das haben wir geschafft. Zudem wollten wir die Organisation strukturell weiterentwickeln, was auch stark damit zusammenhängt, dass wir den Mitarbeitern mehr Verantwortung lassen wollen und die Verantwortung dahin geben wollen, wo die Kompetenz ist. Das war allein schon deshalb nötig, weil wir sehr viele junge Leute im Club haben, die eigenverantwortlich arbeiten wollen. Strukturelle Veränderungen gab es auch im sportlichen Bereich, im Scouting und in der Grenke Akademie, die auch dann bleiben, wenn es mal personelle Veränderungen geben sollte. Außerdem hatten wir uns vorgenommen, den KSC wieder mehr in die Mitte der Karlsruher Gesellschaft zu bringen. Das ist uns zumindest weitestgehend gelungen, unter anderem dadurch, dass wir mit der Stadt besser über das Stadionprojekt kommunizieren.

„Das ist ein Rollenkonflikt, in der Tat“

BT: Wie wichtig war der sportliche Erfolg für die Umsetzung all dieser Dinge?
Siegmund-Schultze: Uns war klar, dass unsere Maßnahmen mit sportlichem Erfolg im Rücken schneller und verstärkt greifen. Wenn’s mal nicht gut läuft, trägt eine gute Kultur in einem Profiverein aber auch dazu bei, dass man diese Zeit besser übersteht.

BT: Sie sagten unlängst „der Verein war ausgetrocknet“. Was meinen Sie damit?
Siegmund-Schultze: Wir haben die Erwartungshaltung der Fans nicht erfüllt, die Menschen haben nicht bekommen, was sie sich erhofft haben. Heute sind wir auch da professioneller geworden. Wir haben mittlerweile besser verstanden, dass es um Interaktion geht, um mehr Teilhabe – und deshalb werden wir heute mehr dem gerecht, was an einen Fußballverein herangetragen wird, und zwar in allen Bereichen. Wir nehmen das, was um die erste Mannschaft herum passiert, ernster, aber auch zum Beispiel der Frauenfußball hat einen viel höheren Stellenwert bekommen.

BT: Die Branche befindet sich mitten in der Corona-Depression, der KSC aber – das ist auffallend – weiht ein, stellt ein, eröffnet. Was ist da los?
Siegmund-Schultze: Wir erklären es uns intern damit, dass wir aus einer inneren Krise gekommen sind, die weit vor Corona vorlag. Wir waren also aufgrund der eigenen Verfassung schon im Krisenmodus, so dass der Schock für uns nicht so groß war. Das ist in etwa so, wie wenn Sie leichtes Fieber haben, das dann steigt. Wir haben wie alle Vereine große Verluste gemacht, es hat uns aber nicht so hart getroffen, wie manch andere, weil wir aufgrund der Stadionbaustelle sowieso nicht mit vollen Einnahmen geplant hatten.

BT: Wie sehr hat der Einstieg der CG Elementum AG als Hauptsponsor dem Verein finanziellen Spielraum beschert?
Siegmund-Schultze: Da geht es weniger um eine bestimmte Summe, die ich ohnehin auch hier nicht nennen werde, als um Planbarkeit. Es ist etwas anderes, ob ein Sponsor sich festlegt, dass er sich mittelfristig engagieren will, oder ob er sagt: Ich schaue erst mal, wie es nächste Saison so läuft. Damit kriegt man zumindest auf Dauer keine Stabilität.

BT: Besteht auf der anderen Seite nicht auch ein Interessenkonflikt, wenn Martin Müller einerseits zur Führungsebene von CG Elementum gehört, andererseits als KSC-Vizepräsident fungiert?
Siegmund-Schultze: Das ist ein Rollenkonflikt, in der Tat. Aber wir können die Rollen unterscheiden. Wichtig ist dabei, dass aus dem Rollenkonflikt kein Interessenkonflikt wird. Wir sprechen das bei unseren Sitzungen ganz offen an und können das handhaben. Im Übrigen ist ja auch bekannt, dass Günter Pilarsky KSC-Aktionär ist. Daraus entsteht bei uns auch kein Problem.

Hofmann bleibt definitiv

BT: Was macht den KSC für CG Elementum so interessant?
Siegmund-Schultze: Diese Fragen müssten Sie eigentlich Christoph Gröner und Martin Müller stellen. Es ist ja offensichtlich, dass Profifußball aufgrund der großen Popularität schnell für Bekanntheit sorgt und CG ja auch Immobilienprojekte in Karlsruhe hat.

BT: Haben Sie Verständnis dafür, dass es Menschen gibt, die das Engagement von CG Elementum lediglich als eine Art Whitewashing eines Unternehmens werten, das wegen Luxussanierungen scharf kritisiert wird?
Siegmund-Schultze: Das sehe ich nicht. CG macht ganz konkret Werbung für ganz konkrete Projekte, auch in Karlsruhe.

BT: Herr Siegmund-Schultze, was hat sich für Sie im zurückliegenden Jahr geändert? Wo merken Sie am deutlichsten, dass Sie nicht mehr nur Vize sind, sondern Präsident?
Siegmund-Schultze: Ach, die Veränderungen sind gar nicht so gravierend. Der größte Unterschied ist, dass ich jetzt immer ausgleichend wirke und versuche, alle Interessen im Blick zu haben. Ich habe als Präsident das Selbstverständnis, für alle zuständig zu sein und mich von niemandem vereinnahmen zu lassen.

BT: Eines Ihrer Vorhaben bei Amtsantritt war die Erhöhung der sportlichen Kompetenz im Verein, nicht zuletzt, weil Geschäftsführer Spot Oliver Kreuzer vermehrt in der Kritik stand...
Siegmund-Schultze: Oliver Kreuzer stand damals in der Kritik, da haben Sie recht. Aber man neigt, wenn es nicht läuft, gerne mal dazu, das an einer Person festzumachen. Wir haben darauf geachtet, dass es zwischen den handelnden Personen besser funktioniert. Keiner entscheidet etwas alleine, weder Christian Eichner noch Oliver Kreuzer.

BT: Welche Rolle spielt das neugegründete Sportkomitee, dem unter anderem Rolf Dohmen, Maik Franz und Rainer Schütterle angehören?
Siegmund-Schultze: Das Sportkomitee, nur um das klarzustellen, soll nicht dem Sportgeschäftsführer oder sonst jemandem auf die Finger schauen. Das ist kein Kontrollgremium, sondern eine Hilfe für den Beirat, in dem ja keine ehemaligen Profis sind. Im Kern geht es darum, die Diskussionen auf ein höheres Niveau zu heben und Entscheidungen mit mehr Sportkompetenz zu treffen.

BT: Von was für Entscheidungen sprechen Sie?
Siegmund-Schultze: Wir haben zum Beispiel unser Scouting erheblich ausgebaut, weil uns klar geworden ist, dass da Handlungsbedarf besteht. Und wir haben unsere Akademie wieder etwas mehr in den Fokus gestellt. Natürlich ist es wichtig, einen Cheftrainer zu haben, der junge Spieler spielen lässt. Aber genauso wichtig ist, dass du Entscheider hast, die verstehen, dass wenn das so bleiben soll, strukturelle und substanzielle Veränderungen notwendig sind, die manchmal auch mit Budgetentscheidungen zusammenhängen.

BT: Was man unter Umständen auch vor zehn Jahren hätte erkennen können...
Siegmund-Schultze: Es wäre zumindest nicht verboten gewesen. Jetzt müssen wir das eben nachholen – und genau dabei kann ein unabhängiges Sportkomitee hilfreich sein. Wenn beispielsweise einer wie Maik Franz, der in Berlin wohnt und keine eigenen Interessen verfolgt, sagt, dass er versteht, wie Oliver Kreuzer und Christian Eichner argumentieren, dann hilft das, bestimmte Entscheidungen mit mehr Kraft zu treffen.

„In Krisenzeiten zeigen sich die Sollbruchstellen“

BT: Eine Entscheidung, die Oliver Kreuzer kürzlich verkündet hat, ist der Verbleib von Philipp Hofmann. Ist Kreuzer da etwas übers Ziel hinausgeschossen?
Siegmund-Schultze: Nein! Oliver Kreuzer hat sich diesbezüglich über Wochen mit uns abgestimmt. Wenn er ein solches Machtwort spricht, kann er sich sicher sein, dass wir das mittragen, weil wir seit vielen Wochen über die Entwicklungen informiert waren.

BT: Das heißt: Hofmann bleibt, egal was für ein Angebot dem KSC noch ins Haus flattert?
Siegmund-Schultze: So ist es! Oliver Kreuzer hat uns das so vorgeschlagen, wir haben uns beraten – und am Ende entschieden, dass wir gemeinsam so vorgehen werden.

BT: Auch der Vertrag mit Christian Eichner wurde noch nicht verlängert. Wäre es nicht an der Zeit?
Siegmund-Schultze: Vielleicht war der Zeitpunkt ja schon oder ist zumindest in der Planung. Oliver Kreuzer und Christian Eichner werden das in aller Ruhe besprechen. Und vorher wird auch nichts kommuniziert.

BT: Der Fußball hat während der Corona-Krise deutlich an gesellschaftlichem Rückhalt verloren. Liegen die wirklichen Ursachen dafür aber nicht tiefer und dauern schon viel länger an?
Siegmund-Schultze: Doch, natürlich das ist so. In Krisenzeiten zeigen sich die Sollbruchstellen. Es ist nicht nur das viele Geld und die zu starke Kommerzialisierung auf der einen Seite, sondern es sind auf der anderen Seite auch Werte wie Fairness und Integrität abhandengekommen. Das ist ein längerfristiges Problem. Dazu kommt, dass der Profifußball genau dann, wenn es darauf angekommen wäre, beispielsweise während Corona, es versäumt hat, diese Werte in der Gesellschaft zu artikulieren. Was ist Solidarität? Was bedeut es, sich zu unterstützen? Wie können wir darstellen, dass wir keine Sonderrolle wollen? In diese Richtung habe ich von den lautesten Vertretern des Profifußballs nichts gehört.

BT: „Integrität“ und „Fairness“ sind Begriffe, über die Sie intensiv nachgedacht haben. Wie kann man dafür sorgen, dass daraus mehr wird als Lippenbekenntnisse?
Siegmund-Schultze: Natürlich gibt es viele Leute, die von Solidarität sprechen, aber bei denen unklar bleibt, was das überhaupt ist. Noch schlimmer ist, wenn man es nicht lebt. Dann ist man nicht glaubwürdig – und das merken die meisten Leute da draußen sofort. Deshalb haben wir uns vorgenommen, einfach das zu tun, was wir sagen. Das ist Integrität.

BT: Hat der Fußball das mittlerweile kapiert oder sind nicht in der Krise schon wieder die nächsten eklatanten Fehler gemacht worden – man denke da nur an die EM, für die die UEFA sogar Städte dazu gezwungen hat, ihre Stadien für 60.000 Menschen zu öffnen?
Siegmund-Schultze: Auch in der Krise wurden Dinge gemacht, die man nur als Fehler bezeichnen kann. Das ist bedauerlich, weil der Fußball eine übergeordnete Rolle spielt und nach wie vor eine unglaubliche Popularität genießt.

BT: Was kann ein kleiner Klub wie der KSC zur Veränderung beitragen, was kann er bewirken?
Siegmund-Schultze: Indem man Kleinigkeiten macht wie Essen ausgeben zum Beispiel. Oder in dem man mit seinen Spielern einen Gehaltsverzicht verabredet. Das schafft Identifikation und damit eine gesellschaftliche Wirkung. Für uns, das ist kein Geheimnis, ist das auch aus anderen Gründen wichtig: je höher die Identifikation, desto voller das Stadion.

„Bereit, uns solidarisch zu verhalten“

BT: Auch die Bundesliga plant wieder mit Zuschauern. Ist das verantwortbar?
Siegmund-Schultze: Ich bin kein Virologe, insofern kann ich das fachlich nicht beantworten. Ich denke aber, eingebettet in die staatlichen Regeln ist eine Zuschauerrückkehr auf jeden Fall vertretbar.

BT: KSC-Geschäftsführer Michael Becker hat gerade bekannt gegeben, der KSC lasse sogar bereits prüfen, ob und wie man gegen ein erneutes Zuschauerverbot rechtlich vorgehen könnte. Ist das in Ihrem Sinne?
Siegmund-Schultze: Als Geschäftsführer steht man sogar in der Verantwortung, das rechtlich prüfen zu lassen. Das heißt aber nicht, dass man letztendlich auch vor Gericht zieht.

BT: Zumal der Fußball zuletzt ja nicht klagen konnte. Im Gegensatz zur etwa der Kulturbranche schien er eher bevorteilt worden zu sein...
Siegmund-Schultze: So ist es. Und dessen sollte man sich bewusst sein. Aber wenn der Fußball zeigt, dass es unter strengen Auflagen mit Zuschauern funktioniert, kann das auf andere Branchen abstrahlen. Wichtig ist, dass der Fußball anderen gesellschaftlichen Bereichen nicht das Gefühl gibt, dass diese uns egal sind. Das sind sie uns nämlich nicht. Wir sind bereit, uns solidarisch zu verhalten.

BT: Herr Siegmund-Schultze, was wünschen Sie sich für Ihr zweites Jahr im Präsidentenamt?
Siegmund-Schultze: Dass der Veränderungsprozess fortdauert. Man könnte auch sagen: Dass es genauso weitergeht wie bisher.

Ihr Autor

BT-Redakteur Frank Ketterer

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Erstellt:
31. Juli 2021, 16:00 Uhr
Lesedauer:
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