KSC: Präsident Wellenreuther zurückgetreten

Karlsruhe (ket) – Nach fast zehn Jahren im Amt ist Ingo Wellenreuther als KSC-Präsident zurückgetreten – nicht ganz freiwillig. Das „Bündnis KSC“ und fehlende Unterstützung in den Gremien machten dem 60-Jährigen das Leben zunehmend schwer.

Ingo Wellenreuther bei seiner Vereidigung am 17. November 2010. Foto: Hurst/GES

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Ingo Wellenreuther bei seiner Vereidigung am 17. November 2010. Foto: Hurst/GES

„Es sind gewaltige Ziele, die wir erreichen müssen. Wir sind im Abstiegskampf. Wir müssen aber gleichzeitig den Verein konsolidieren.“ Ingo Wellenreuther hat diese Worte gesagt. Zehn Jahre ist es jetzt her. Kurz zuvor, am 17. November 2010, hatten die Mitglieder des Karlsruher SC den CDU-Bundestagsabgeordneten zu ihrem neuen Präsidenten gewählt, in den Wochen zuvor hatte Wellenreuther bereits als Notpräsident für den zurückgetretenen Paul Metzger fungiert.

Am Donnerstag sagte Ingo Wellenreuther nichts. Was er mitzuteilen hatte, tat er stattdessen in schriftlicher Form kund. „Liebe Mitglieder des Karlsruher SC, hiermit möchte ich Ihnen mitteilen, dass ich mein Amt als Präsident des KSC mit sofortiger Wirkung niederlege“, beginnt Wellenreuther seine Erklärung. „Nicht leicht gefallen“ sei ihm dieser Schritt nach fast 50-jähriger Verbundenheit zum KSC. „Nachdem es trotz des durch die Corona-Krise unterbrochenen Aktienverkaufs nunmehr gelungen ist, die Insolvenz unseres Vereins zu verhindern, habe ich mich nach reiflicher Überlegung und auch mit Rücksicht auf meine Familie dazu entschlossen, mein Amt niederzulegen“, heißt es weiter. Und: „Mit der Errichtung und Fertigstellung eines komplett neuen Stadions, für das ich fast 15 Jahre leidenschaftlich gekämpft habe, wird der Grundstein für den sportlichen und wirtschaftlichen Erfolg des KSC gelegt sein. Am Tag der Eröffnung werden der KSC und die Menschen in Karlsruhe sowie der Region hoffentlich glücklich über das Erreichte sein.“ Dabei habe er, so Wellenreuther weiter, „es zu jeder Zeit als meine wichtigste Pflicht angesehen, mit allem, was in meiner Macht stand, das Beste für den Verein zu erreichen und Schaden für den KSC abzuwehren, oft unter Inkaufnahme persönlicher Belastungen“. Schließlich: „Insgesamt waren es zehn bewegende Jahre, in denen ich sicherlich auch einige falsche Entscheidungen getroffen habe. Zusammen mit den Kollegen im Präsidium und in den anderen Vereinsgremien habe ich aber immer nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt. Dem KSC als Verein werde ich immer von tiefstem Herzen verbunden bleiben und ich wünsche der Mannschaft, den Trainern und dem Sportdirektor vor allem nachhaltigen sportlichen Erfolg und in diesem Jahr den ersehnten Klassenerhalt.“

Es sind Worte von emotionaler Wucht, die Wellenreuther da gewählt hat, Abschiedsworte eben. Und so sehr dieser Abschied in den letzten Tagen in der Luft gelegen haben mag, so sehr hat er am Donnerstagvormittag allgemein überrascht, zumindest der Zeitpunkt seiner Bekanntgabe. Die meisten Beobachter waren jedenfalls davon ausgegangen, dass Wellenreuther die Mitgliederversammlung am Freitag, bei der über die im Raum stehende Planinsolvenz abgestimmt werden sollte, zu einem letzten großen Auftritt, vielleicht sogar zu einer Art letzter Abrechnung nutzen würde.

Selbst Pilarsky war auf Distanz gegangen

Freiwillig ist der Rücktritt des 60-Jährigen schließlich nicht erfolgt. Ein sich „Bündnis KSC“ nennender Zusammenschluss von neun regionalen Unternehmern und Privatpersonen hatte ihn Donnerstag vor einer Woche vielmehr gefordert (wir berichteten). Gegenleistung: Sechs Millionen Euro, mit denen der KSC vor der drohenden Insolvenz gerettet werden sollte. Pikanterie nicht nur am Rande: Bei einem der Bündnis-Mitglieder handelt es sich um Martin Müller, bei der Präsidentenwahl vergangenen Oktober knapp unterlegener Herausforderer Wellenreuthers.

Wellenreuther hat sich lange gegen das Rücktrittsszenario gewehrt, teils mit kämpferischen Tönen. „Diese Gruppe hat offenbar kein Interesse am KSC, sondern nur persönliche Interessen, eine demokratische Wahl rückabzuwickeln“, sagte er zu Wochenbeginn in dieser Zeitung. Noch am Mittwoch stellte er fest, das Bündnis verfolge nur ein Ziel: „Meine Person niederzumachen.“

Das klang eher kämpferisch denn nach aufgeben. Zurückgetreten ist Wellenreuther am Donnerstagvormittag dennoch. Vielleicht, weil das Bündnis am Vorabend bekannt gegeben hatte, die angebotenen sechs Millionen Euro auf ihr GbR-Konto einbezahlt zu haben. Vielleicht, weil der Rückhalt im Verein immer mehr zerbröselt war. Das Verhältnis zu Geschäftsführer Michael Becker galt schon seit ein paar Wochen als belastet, auch Aufsichts- und Vereinsrat waren zuletzt auf Konfrontationskurs zum Präsidenten gegangen und hatten ihn gar aufgefordert, das Angebot des Bündnisses anzunehmen, also zurückzutreten. Selbst im Präsidium erfuhr der 60-Jährige keine Unterstützung mehr. Was ihn dabei besonders getroffen haben dürfte: Sogar Günter Pilarsky, Vizepräsident und Geldgeber, aber auch Freund, war auf Distanz zu ihm gegangen. „Ich halte mich neutral. Es ist die Entscheidung des Präsidenten, ob er auf die Rücktrittsforderung eingeht oder nicht“, wurde Pilarsky letzte Woche zitiert. Wellenreuthers Kampf war so immer mehr zu einem „Allein gegen alle“ geworden, auch wenn er das bis zuletzt nicht wahrhaben wollte.

Zerrüttetes Verhältnis zur Stadt

Vielleicht war am Ende alles zusammen etwas zu viel – und so dann doch die Zeit für den Rücktritt gekommen. Zumal es ja abseits aller persönlichen Animositäten und Grabenkämpfen durchaus nachvollziehbare Gründe für sachliche Kritik am Präsidenten gab – und davon nicht ganz wenig, zumindest aus Sicht von Wellenreuthers Kritikern. Beispielhaft zu nennen: Die Prozessfreudigkeit des Präsidenten. Sein ständiges Einmischen. Sein zerrüttetes Verhältnis zur Stadt, namentlich zu Karlsruhes OB Frank Mentrup (SPD), dem er im OB-Wahlkampf 2012 unterlegen war. Die Abmeldung der U 23. Sein Festhalten an Sportdirektor Oliver Kreuzer sowie die Hire & Fire-Mentalität bei den Trainern. Sieben der acht Fußballlehrer in Wellenreuthers Ära mussten vorzeitig gehen, eine ganze Stange Geld an Abfindung hat das gekostet. Die von Wellenreuther zu Amtsantritt angekündigte Konstanz konnte so, die vier Jahre unter Markus Kauczinski ausgenommen, nie einkehren.

Dem gegenüberstehen, quasi auf Wellenreuthers Habenseite, die erfolgreich über die Bühne gebrachte Ausgliederung, die zumindest in der Zukunft noch Gold wert sein kann, und die Tatsache, dass trotz aller Animositäten mit der Stadt schon lange vor Wellenreuthers Amtszeit, endlich ein neues Stadion gebaut wird.

Die sportliche Bilanz von alledem: Zwei Abstiege in die 3. Liga (samt zwei Wiederaufstiegen) sowie eine Beinahe-Rückkehr in Liga eins, eben unter Markus Kauczinski. Die wirtschaftliche Lage: Verbindlichkeiten in Höhe von 20 Millionen Euro (nicht eingerechnet die Besserungsscheine in Höhe von rund zehn Millionen).

Schon bei seiner Wiederwahl vergangenen Oktober, der dritten insgesamt, wäre Wellenreuther das beinahe zum Verhängnis geworden. Sein Wahlsieg gegen Herausforderer Müller fiel mit 536:496 Stimmen jedenfalls denkbar knapp aus. Nun haben ihn diese Zahlen doch noch aus dem Amt gehoben.

Bündnis strebt keine Posten an

Wie es weiter geht, ist bis auf Weiteres offen, bereits am Freitagabend freilich könnte sich das zumindest ansatzweise ändern. Obwohl das Thema Insolvenz durch die sechs Millionen Euro vom Tisch sein dürfte, soll die virtuelle Mitgliederversammlung (18 Uhr) stattfinden. Die Geschäftsführer Michael Becker und Oliver Kreuzer sowie die beiden Vizepräsidenten Günter Pilarsky und Holger Siegmund-Schultze wollen dann über den Stand der Dinge informieren. Laut Vereinssatzung hat unverzüglich eine Nachwahl zu erfolgen, sollte ein Mitglied aus dem Präsidium im Laufe der Wahlperiode vorzeitig ausscheiden. Bis es so weit ist, führen Pilarsky und Siegmund-Schultze die Geschäfte. Letzterer wird durchaus auch als möglicher Kandidat fürs Präsidentenamt gehandelt. Martin Müller hat derweil bereits angekündigt, nicht erneut antreten zu wollen. Ohnehin zieht es das Bündnis nach eigenen Angaben in keines der Vereinsgremien. Just an dieser Aussage wird sich die Investoren-Gruppe in Zukunft messen lassen müssen, schon um ein neuerliches Aufflammen des „Heuschrecken“-Szenarios zu verhindern.

Wer auch immer die Nachfolge von Ingo Wellenreuther antreten wird: Er hat gewaltige Ziele vor sich. Der Verein steckt schließlich im Abstiegskampf und er muss gleichzeitig konsolidiert werden.


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