KSC-Spiel gegen Darmstadt: Beim Geisterball

Karlsruhe (ket) – Kein Stau bei der Anfahrt, Fieber messen, kein Bratwurstduft, leere Ränge im Wildpark: BT-Redakteur Frank Ketterer erlebt ein besonderes Fußballspiel.

Warten auf den Einsatz: Auch die KSC-Ersatzspieler tragen Masken. Nur wer eingewechselt wird, darf sie ablegen. Foto: Gilliar/GES

© Markus Gilliar/GES/POOL

Warten auf den Einsatz: Auch die KSC-Ersatzspieler tragen Masken. Nur wer eingewechselt wird, darf sie ablegen. Foto: Gilliar/GES

Der 26. Spieltag dieser Zweitliga-Saison und mit ihm mein erstes Geisterspiel beginnt an einer Karlsruher „Tanke“. Das hat nichts damit zu tun, dass ich mir dort noch schnell Mut antrinken müsste fürs Spiel und all die auf mich wartenden Geister, sondern vielmehr damit, dass mein Eintrittsticket dort hinterlegt ist. Weiter schlimm ist das nicht. Zum einen liegt besagte Tankstelle eh auf dem Weg zum Wildpark. Zum anderen ist dieser so frei wie nie zuvor. Kein Stau bei der Anfahrt weit und breit. So schnell war ich noch nie im Stadion.

Um dieses betreten zu dürfen muss ich nicht nur das abgeholte Ticket vorweisen, sondern auch einen im Vorfeld ausgefüllten Gesundheitsfragebogen der DFL mit allerlei Fragen zum Thema Corona. Zudem wird mit einem Infrarot-Thermometer meine Körpertemperatur gemessen. Wahrscheinlich wollen die wissen, wie heiß ich darauf bin, dass der Ball endlich wieder rollt. Als auch der dritte Messversuch misslingt, winkt mich der freundliche Ordner allerdings so durch. „Fahr halt“, raunt er mir nach.

Also fahre ich Richtung Presseparkplatz, um auf dem Weg dorthin Trostloses zu sehen, nämlich: Kein Bierstand, kein Bratwurststand, kein Mensch – bis auf all die in neongelb leuchtende Westen gesteckten Ordner. Wo sonst von Bratwurstduft umwehtes dichtes Gedränge herrscht, herrscht diesmal gähnende Leere.

Von den neongelben Ordnern freilich gibt es reichlich. Gegen halb zwölf gesellen sich auch die ersten KSC-Spieler dazu. In ihren Privat-PKW rollen sie ausnahmsweise an, also jeder für sich. Mundschutz und Kulturbeutelchen tragend schreiten sie Richtung Stadionbauch, wo sie auf mehrere Kabinen verteilt werden, um sich umzuziehen. Kurz darauf treffen auch die Gäste aus Darmstadt ein – und zwar in zwei großen Bussen. Selbst von Außen kann man erkennen, dass in jeder Reihe nur ein Spieler sitzt.

Badner Lied ertönt trotz Geisterkulisse

Der Presseraum ist am Samstag geschlossen. Also mache ich mich gleich auf zu meinem Platz auf der Haupttribüne. Normalerweise sitzt dort Reporter neben Reporter. Diesmal liegen von einem zum anderen mindestens drei freie Plätze. Nur rund zehn schreibende Journalisten sind zugelassen, dazu kommen ein paar vom Radio – und natürlich jene vom Fernsehen, für die das ganze Theater mehr oder weniger aufgeführt wird.

Das Stadion ist also leer, so gut wie zumindest. Wenigstens dröhnt Musik aus den Boxen. An einer der beiden Seitentribünen haben Fans vorab ein Spruchband angebracht: „Der Ball rollt, doch das System bleibt krank“, steht darauf zu lesen. Was zudem auffällt: Der Rasen ist wunderbar grün, wohl weil schon lange nicht mehr auf ihm gespielt wurde.

Gegen viertel Eins kommt wenigstens ein bisschen Leben in die leere Bude. Die beiden Mannschaften beginnen ihr Aufwärmprogramm. Eine halbe Stunde später trällert Sabine Wittwer ihr „KSC Olé, olé“, natürlich per Konserve. Kurz danach verliest Stadionsprecher Martin Wacker für die zahlreich erschienenen Geister die Aufstellungen. Nie und nimmer fehlen darf natürlich auch das Badnerlied.

Fragen per Whatsapp

Dann ist es endlich so weit: Schiedsrichter Matthias Möllenbeck pfeift das Spiel an. Just mit seinem Pfiff beginnt auch ein ziemliches Geschrei auf dem Platz. Fast durchgehend brüllen die Spieler dort unten oder feuern sich klatschend gegenseitig an. Oben sind davon meist nur Wort- und Brüllfetzen zu vernehmen – und Vogelgezwitscher.

Ob das Spiel besser oder schlechter sei als sonst, fragt mich mein Nachbar über drei Sitze hinweg. Ich weiß es nicht. Ohne die gewöhnliche Stadionatmosphäre lässt sich das schwer beurteilen. Auffallend hingegen ist, dass es bei Fouls keinerlei Bodenwälzen oder Rudelbildung gibt. Auch der Schri wird nicht einmal angegangen oder gar beschimpft. Selbst beim Torjubel zeigen sich die Spieler zurückhaltend, so wie vorgeschrieben eben.

Es sind seltsame 90 Minuten. Geisterhafte eben. Danach kann die Presse Fragen per „Whatsapp“ an die Trainer stellen. Dann ist mein erstes Geisterspiel zu Ende und ich fahre nach Hause. So schnell wie.

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Erstellt:
17. Mai 2020, 20:30 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 59sec

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