KSC: Zwei völlig verschiedene Halbzeiten

Karlsruhe (ket) – Die Euphorie nach dem Coup im DFB-Pokal gegen Bayer Leverkusen währte nur kurz: Am Sonntag verlor der Karlsruher SC sein Ligaspiel gegen den SC Paderborn mit 2:4.

Die Hoffnung kehrt zurück: Marc Lorenz (links) und Torschütze Fabian Schleusener nach dem 1:4. Foto: Helge Prang/GES

© GES/Helge Prang

Die Hoffnung kehrt zurück: Marc Lorenz (links) und Torschütze Fabian Schleusener nach dem 1:4. Foto: Helge Prang/GES

Lukas Kwasniok kennt sich aus mit Fußball, er hat das sogar schwarz auf weiß. Auf seinem Fußballlehrer-Diplom steht schließlich eine eins vor dem Komma, gleich dahinter prangt eine schöne runde null. Als Lehrgangsbester hat der 40-Jährige im März vor drei Jahren seinen Schein gemacht. Wenn man so will, ist er also ein Fußballtrainer summa cum laude.

Der Coach des SC Paderborn, im badischen Rastatt aufgewachsen, weiß also verdammt viel über das Spiel und hat so manches schon erlebt. Was ihm am Sonntagnachmittag auf der Karlsruher Wildparkbaustelle widerfahren ist, war freilich auch für ihn eine neue Erfahrung – und durchaus eine der besonderen Art, die Kwasniok denn auch mit einer besonderen Schlussnote versehen haben wollte: „Der Kopf ist wichtiger als die Beine“, stellte er am Ende seiner Spielanalyse fest.

Trainer sagen solches und ähnliches immer mal wieder gerne, wenn sie Dinge erklären müssen, die mit ihrem normalen Trainerhandwerkzeug nicht wirklich erklärbar scheinen – und vielleicht ist das auch der Grund, warum Christian Eichner, Kwasnioks Karlsruher Pendant, die Vorlage des Kollegen bei seinen Betrachtungen der Partie willig aufnahm und schnell weiterverarbeitete. „Meine Jungs haben in der ersten Halbzeit extrem lange vom Kopf in die Beine gebraucht“, sagte Eichner. Und fügte hinzu: „Bis unten ankam, was wir machen müssen, war der Gegner schon über alle Berge.“

Eichner: „Fast schon kleines Todesurteil“

Es war dies vor allem der Versuch, die erste Halbzeit zu erklären, zumindest aus Karlsruher Sicht. Die Badener waren am Sonntag ja mit einem unter der Woche errungenen 2:1-Sensationssieg im DFB-Pokal bei Bayer Leverkusen im Rücken angetreten. Just diesen Schwung samt der damit verbundenen Spielweise wollten sie auch im Ligaspiel gegen Paderborn an den Tag legen. Dass der Geist an diesem Tag willig, das Fleisch (zumindest zunächst) indes eher schwach sein würde, sollte sich dann bald schon zeigen. Der Rest ergab sich mehr oder weniger peu à peu von selbst. So war das 0:1 nach 20 Minuten durch Julian Justvan zwar eher der individuellen Klasse des Schützen samt einer Portion Glück als mannschaftlicher Unterlegenheit der Badener geschuldet, führte aber just und auf direktem Weg in eine solche. Als „Dosenöffner“ bezeichnete Kwasniok später den Führungstreffer der Seinen, „fast schon ein kleines Todesurteil“, nannte ihn Eichner in seinem Rückblick.

Beides traf zu – und zwar schnell. Nur vier Minuten nach dem 0:1 ließ Paderborns Torjäger Sven Michel nach einem Eckball das 0:2 (23.) folgen. „Auch da waren wir viel zu langsam im Kopf“, stellte Eichner später fest. Es sollte freilich noch schlimmer kommen für den KSC, vor allem die nächsten Minuten glichen einem totalen Systemausfall. Entsprechend waren es auch nicht einzelne Spieler, die versagten, sondern das Kollektiv in Gänze. Nutznießer war erneut Michel, der per Hattrick somit seine Saisontreffer zehn, elf (29.) und zwölf (32.) erzielte. Paderborn hatte sich in einen Rausch gespielt, der KSC in ein Debakel, das um ein Haar noch höher hätte ausfallen können, hätte KSC-Keeper Marius Gersbeck in Minute 40 nicht mit famoser Fußabwehr gegen Felix Platte geklärt.

Wechsel nehmen Paderborn vom Netz

Wütend waren die Pfiffe zur Pause von den Rängen. Zerstörerisch und unerklärlich wirkte ja auch, was bis dahin geschehen war. Kaum leichter zu erklären ist freilich, was noch folgen sollte – und wer es versuchte, landete früher oder später immer wieder: im Kopf.

Mit Fabian Schleusener für den mit am meisten überforderten Lucas Cueto sowie mit Marc Lorenz an Stelle des ebenso indisponierten wie gelb-rot-gefährdeten Jerôme Gondorf startete der KSC in Halbzeit zwei – und mit der Anweisung des Trainers, nicht an irgendein Märchen zu glauben, dass es nach 20 Minuten 4:4 stehen wird, sondern einfach zu einem klaren Spiel zurückzufinden.

Zumindest dies gelang den Hausherren. Erst ein wenig, dann immer besser. Lorenz und Schleusener erwiesen sich durchaus als spielbelebende Elemente, auch Marvin Wanitzek hatte seinen Halbzeitschlaf beendet. In Verbindung mit sich mittlerweile leicht zurücknehmenden Paderbornern reichte das zumindest für eine Chance für Schleusener nach Lorenz-Flanke (54.), sechs Minuten später traf wiederum Kyoung-Rok Choi, auch er mittlerweile erwacht, nach einem Querpass von Lorenz den linken Pfosten.

Bereits drei Minuten zuvor hatte Kwasniok Thalhammer für Marcel Mehlem sowie Präger für den überragenden Platte gebracht, sieben Minuten später zudem Srbeny für Ofori sowie Stiepermann für Hattricker Michel. Zumindest im Nachhinein wirkte das so, als habe er seiner ganzen Mannschaft mit diesen Wechseln einen vorzeitigen Feierabend signalisiert. Die Folgen ließen nicht lange auf sich warten: In Minute 69 nutzte Schleusener erst einen missratenen Rückpass zum 1:4 (68.), nur zwei Minuten später ließ Philipp Hofmann volley aus zehn Metern das 2:4 (70.) folgen.

Schiri nimmt Elfmeter zurück

Es war der Moment, in dem die Hoffnung ihr Comeback feierte – zusammen mit dem Publikum, das so lautstark anfeuerte, als habe es Halbzeit eins nie gegeben. Zwei Tore in 20 Minuten – das mutete zumindest nicht mehr unmöglich an, schon gar nicht gegen Paderborner, die nun ihrerseits total von der Rolle waren.Oder platt. Oder beides. Beim KSC hingegen war, so sagte es Eichner später, „zwar immer noch der Kopf da, aber auf einmal auch wieder die Beine“. Vor allem war der Weg vom Kopf hinunter in die Beine nicht mehr so weit, wie sich zeigen sollte: Hofmann hatte mit einem Schuss aus der Drehung (75.) eine weitere Chance, kurz darauf verzog Breithaupt (78.) aus der Distanz. Am nahesten freilich schien Wanitzek dem Anschlusstreffer. Nach einem Strafraumduell mit Collins (81.) hatte Schiedsrichter Timo Gerach bereits auf den Elfmeterpunkt gezeigt, seine Entscheidung nach Videostudium allerdings wieder zurückgenommen.

„Wäre der gegeben worden und reingegangen, bin ich mir nicht sicher, ob wir als Sieger vom Platz gegangen wären“, gab Paderborns Trainer Lukas Kwasniok später zu. Auch Christian Eichner war der Meinung, dass ein 3:4 die Sache „noch wilder“ gemacht hätte. Noch wilder als dieses Spiel ohnehin schon war.

Ihr Autor

BT-Redakteur Frank Ketterer

Zum Artikel

Erstellt:
1. November 2021, 22:40 Uhr
Lesedauer:
ca. 4min 05sec

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Orte


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.