Kaltenbronn: 20 Millionen für Moorrenaturierung

Gernsbach (stj) – Daniel Raddatz, Leiter des Referats Naturschutz und Landschaftspflege beim Regierungspräsidium Karlsruhe, hat am Dienstag das Projekt „Moorrenaturierung am Kaltenbronn“ vorgestellt.

Das Hochmoor am Kaltenbronn ist besonders wertvoll. Das Regierungspräsidium Karlsruhe möchte einen Beitrag zum Erhalt leisten. Foto: Markus Mack (Archiv)

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Das Hochmoor am Kaltenbronn ist besonders wertvoll. Das Regierungspräsidium Karlsruhe möchte einen Beitrag zum Erhalt leisten. Foto: Markus Mack (Archiv)

In der Sitzung des Ausschusses für Umwelt, Bau und Planung des Rastatter Kreistags informierte Raddatz darüber, dass in Kürze ein entsprechender Antrag im Rahmen des Förderprogramms „Life Natur“ bei der EU gestellt werden soll. Alle Fraktionen begrüßten das Projekt. Die Gesamtkosten belaufen sich auf 20 Millionen Euro, 75 Prozent davon übernehme voraussichtlich die EU; die Landkreise Rastatt und Calw steuern je 80.000 Euro bei. Projektstart werde frühestens 2023 sein, erste Baumaßnahmen seien für 2024 avisiert. Im Rahmen der Moorrenaturierung soll der beliebte Bohlenweg über das Hochmoor verlegt werden, „aber nichts an Attraktivität einbüßen“ und eher noch breiter und besser werden, wie der Referatsleiter auf Anfrage von Andreas Merkel (CDU) betonte.

Selbstheilung des Moores hat bisher kaum stattgefunden

Aus Sicht der Unteren Naturschutzbehörde sei das Projekt unbedingt zu befürworten. Aktuelle Untersuchungen haben gezeigt, dass eine Selbstheilung des Moores bisher kaum stattgefunden habe, obwohl der Kaltenbronn schon seit 1939 Naturschutzgebiet ist. Durch die andauernde Entwässerung in Kombination mit dem Klimawandel bestehe die Gefahr, dass das Moor seine Funktion im Naturhaushalt zukünftig nicht mehr erfüllen könne und sich dauerhaft in einen Wald umwandele.

Moore sind Ökosysteme, bei denen der Boden permanent wassergesättigt ist. Dadurch kann abgestorbenes organisches Material nicht abgebaut werden und aus den Pflanzenresten entsteht eine Torfschicht. Diese wächst im Verlauf der Zeit und baut so das Moor auf. Durch das zunehmende Wachstum des Torfs wird der Atmosphäre Kohlenstoffdioxid (CO2) entzogen. Dieser Prozess ist sehr effizient, sodass Moore zu den effektivsten Kohlenstoffspeichern unter den Landökosystemen gehören. Ein intaktes und wachsendes Moor bildet eine natürliche CO2-Senke, in der andauernd CO2 aus der Luft entnommen wird.

In der Vergangenheit wurden die meisten Moore in Europa zerstört oder zumindest stark beeinträchtigt. In Deutschland sind intakte, torfakkumulierende Hochmoore nur noch auf circa einem Prozent ihrer ehemaligen Ausdehnung vorhanden. Hauptursachen sind Torfabbau und Entwässerung zur Umwandlung in land- oder forstwirtschaftlich genutzte Flächen. Dabei wurde das ehemals gespeicherte Kohlenstoffdioxid (CO2) wieder freigesetzt und so der Klimawandel begünstigt. Heute kann deshalb durch den Schutz und vor allem durch die Renaturierung von Moorflächen ein hochwirksamer Beitrag gegen den Klimawandel geleistet werden.

Hoch spezialisierte Pflanzen- und Tiergemeinschaft

Moore sind zudem Sonderstandorte, da der Torf nass, sauer und gleichzeitig sehr nährstoffarm ist. In Anpassung an diese besonderen Bedingungen gibt es in den Mooren eine hoch spezialisierte Pflanzen- und Tiergemeinschaft, die nur dort überleben kann, wie zum Beispiel fleischfressende Pflanzen. Diese gleichen die extreme Nährstoffknappheit durch die Aufnahme von Insekten aus. Aufgrund des starken Rückgangs der Moore sind, nach der Roten Liste der gefährdeten Biotoptypen Deutschlands, alle Moorbiotoptypen stark gefährdet und teils von vollständiger Vernichtung bedroht. Die meisten Moorlebensraumtypen stehen deshalb unter besonderem Schutz.

Der Kaltenbronn zwischen Gernsbach und Bad Wildbad ist aus naturschutzfachlicher Sicht ein besonders wertvolles Moor, denn es handelt sich um ein Hochmoor, bei dem der Torf soweit aufgewachsen ist, dass kaum noch Kontakt zum Grundwasser besteht. Hierdurch ist es besonders nährstoffarm und somit ökologisch sehr wertvoll. Außerdem sind die Moore dort besonders groß und deshalb im Nordschwarzwald einmalig. Es existiert eine besondere Fauna und Flora unter anderem mit den Arten Kreuzotter, Sonnentau und Auerhuhn. Bei den Insekten finden sich dort sogar sogenannte Eiszeitrelikte. Dies sind extrem seltene Arten mit starker Kälteanpassung, die am Kaltenbronn bis heute vorkommen. Sie wurden in den vergangenen Jahrhunderten jedoch durch ein engmaschiges Netz aus Gräben und Kanälen entwässert. Diese Gräben sind bis heute wirksam. In Kombination mit den durch den Klimawandel ansteigenden (Sommer-) Temperaturen trocknen die Moore zunehmend aus. Dies führt zum Abbau der Torfschicht und zu einer langsamen Wiederbewaldung der ursprünglich gehölzfreien Moorflächen. Dadurch gehen die für das Moor typischen Standortbedingungen verloren und die Moorlebensräume verschwinden. Inzwischen liegt der Anteil an offenen Moorflächen auf dem Kaltenbronn bei unter fünf Prozent der ehemals vorhandenen Gesamtfläche. Mehrere Gutachten namhafter Moorkundler bestätigen, dass der aufgrund des umfassenden Entwässerungssystems bestehende Wassermangel der Grund für den ungünstigen Zustand der Moore am Kaltenbronn ist.

LIFE-Projekt zur Wiedervernässung

Gemeinsam mit dem Flächeneigentümer Forst Baden-Württemberg (Forst BW), der Landesforstverwaltung Baden-Württemberg und den Fachbehörden der Landratsämter, der Forstlichen Versuchsanstalt (FVA) und der Landesanstalt für Umwelt (LUBW) hat die Naturschutzbehörde im Regierungspräsidium Karlsruhe ein Konzept zur Renaturierung der Moore am Kaltenbronn entwickelt. Das Regierungspräsidium Karlsruhe möchte einen Beitrag zum Erhalt der Moore am Kaltenbronn erbringen und dadurch das, auch für den Tourismus und die Naherholung (insbesondere Wander- und Wintersport) bedeutende Wildnisgebiet, erhalten. Die geplanten Maßnahmen bestehen hauptsächlich aus der Errichtung einer großen Anzahl von Sperren in den Entwässerungsgräben zur Wiedervernässung der Moorflächen. In diesem Zusammenhang müssen auch die Bohlenwege verlegt werden. Dabei werden auch Altlasten (belastete Bahnschwellen) aus den Gebieten entsorgt und die Bohlenwege attraktiver gestaltet. Zeitgleich werden die neuen Stege errichtet, bevor die alten Stege abgebaut werden, sodass das Gebiet dauerhaft zugänglich bleibt. Weiterhin ist der geplante Rückstau der Gräben eine geeignete und bereits bei anderen Projekten erfolgreich angewandte Methode, um das Ziel der Wiedervernässung von Mooren zu erreichen. Das Projekt hat einen Kostenumfang von circa 20 Millionen Euro über eine voraussichtlich achtjährige Laufzeit. Als Hauptkostenträger werden das Landesministerium für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft und das Landesministerium für Ernährung, Ländlichen Raum und Verbraucherschutz fungieren. Ziel ist jedoch eine Förderfinanzierung über das europäische Förderprogramm „Life Natur“. Da das Vorhaben auf prioritäre FFH-Lebensraumtypen fokussiert, stehen in diesem Rahmen bis zu 75 Prozent Förderanteil der Europäischen Union in Aussicht.

Wertvoller Beitrag zum Klimaschutz und zum Erhalt der Artenvielfalt

Es ist vorgesehen, dass die Höhere Naturschutzbehörde des Regierungspräsidiums Karlsruhe den entsprechenden Antrag am 30. November 2021 bei der EU einreicht. Eine erste Rückmeldung der EU zur Förderentscheidung wird im Frühsommer 2022 erwartet. Bei einem positiven Ergebnis kann das Vorhaben anschließend weiterentwickelt und umgesetzt werden. Geplanter Projektstart soll Anfang 2023 sein. Die noch ausstehende Zulassung des Projekts erfolgt voraussichtlich in einem wasserrechtlichen Verfahren unter Beteiligung der betroffenen Fachämter des Landratsamts Rastatt. Der Landkreis Rastatt fungiert – ebenso wie der Landkreis Calw – als Kofinanzierungspartner mit einer jährlichen Beteiligungssumme von 10.000 Euro über die achtjährige Laufzeit. Die Unterstützung wurde im März 2021 mit Schreiben des verstorbenen Landrats Toni Huber an Regierungspräsidentin Sylvia Felder zugesagt. Das Projekt kann einen wertvollen Beitrag zum Klimaschutz und zum Erhalt der Artenvielfalt am Kaltenbronn leisten und zugleich die hohe touristische Attraktivität für die Zukunft sicherstellen, heißt es in der Erläuterung des Projekts abschließend.


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