Kammertheater-Chef Gnann: Offen wie es weitergeht

Karlsruhe (cl) – „Wenn wir aufmachen würden, wären wir bankrott“, sagt der Karlsruher Kammertheater-Chef Bernd Gnann. Corona-Einschränkungen und viele Gutscheine machen der Erfolgsbühne zu schaffen.

Spielplan auf Sparflamme: Bernd Gnann gibt momentan vor allem seinen Solo-Abend „Die Made“. Mit ihr hat er das Karlsruher Kammertheater anfangs aufgebaut, in der Corona-Zeit hält er es mithilfe dieses Kabarettprogramms über Wasser. Foto: Christoph Goeckel/Kammertheater

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Spielplan auf Sparflamme: Bernd Gnann gibt momentan vor allem seinen Solo-Abend „Die Made“. Mit ihr hat er das Karlsruher Kammertheater anfangs aufgebaut, in der Corona-Zeit hält er es mithilfe dieses Kabarettprogramms über Wasser. Foto: Christoph Goeckel/Kammertheater

Während die Staats- und Stadttheater ihre Spielzeiten eröffnet haben – zwar wegen Corona mit knappem Platzangebot, aber mit vergleichsweise üppigen Spielplänen und finanziell getragen von der öffentlichen Hand –, stehen die deutschen Privattheater finanziell am Abgrund: Sie können die Gehälter für ihre Schauspieler und die Büro- wie technischen Angestellten kaum bezahlen und schieben einen Berg an Gutscheinen aus dem Vorverkauf vor sich her. Für die bereits bezahlten Karten erwarten die Zuschauer Leistungen – mit diesem vorgestreckten Geld haben die Theater aber die Corona-Zeit bis dato überbrücken müssen und teils auch die Kosten für im Lockdown ausgefallene Produktionen finanziert.
Das Karlsruher Kammertheater, erfolgreich spezialisiert auf flotte Komödien, Revuen und moderne Unterhaltungstücke mit Schauspielstars aus Film und Fernsehen, ist durch Corona hart getroffen. „Wenn wir aufmachen und in den normalen Spielbetrieb gehen würden, wären wir bankrott“, sagt Geschäftsführer Bernd Gnann. Gespielt wird am Kammertheater und seiner Dependance K2 nur eingeschränkt, ein regulärer Spielbetrieb ist nicht möglich, vereinzelt gibt es Vorstellungen, vor allem spielt der Chef selbst. Ganz aufgegeben hat man die für den 4. Dezember geplante Premiere der Komödie „Die Weihnachtsfeier“ von Intendant Ingmar Otto aber nicht.
Theaterchef Gnann schildert im BT-Gespräch das Ausmaß der Misere: „Die Krux ist, dass wir lauter Mini-Kredite bei unseren Zuschauern haben, die für bereits gekaufte Karten Gutscheine bekommen haben. Gott sei dank, ohne das würde gar nichts mehr gehen. Mit diesem Geld arbeiten wir gerade. Sobald wir richtig starten – und die Leute haben berechtigterweise ihre Gutscheine und wollen dafür eine Leistung – haben wir erst mal keine Liquidität mehr, um die Kosten für die Inszenierung, die Schauspieler sowie den ganzen Theaterbetrieb zu decken“, erklärt er. „Wir haben über 500 000 Euro Gutscheine draußen. Da muss man jetzt ganz schlau und kontinuierlich die Arbeit anbieten“, konkretisiert der Geschäftsführer weiter.

„Wir haben sonst 100 000 Zuschauer pro Jahr“


Zwar hätten die staatlich oder städtisch subventionierten Theater ebenfalls Gutscheine einzulösen, aber ihre Gehälter und Etats würden von den Trägern bereitgestellt. „Ein Intendant im Staatstheater schläft gut, weil er keine finanziellen Sorgen hat, wir schlafen nicht so gut, weil wir nicht einmal einen Cent aus der Kasse für Neuinszenierungen nehmen können, und wir wissen auch nicht, wie es weitergeht. So geht es allen freien Theatern“, betont Gnann. Die Einnahmemöglichkeiten sehen wegen der Abstandsregeln mau aus.
Fürs Kammertheater Karlsruhe bedeutet das: Statt 280 Zuschauer darf der Geschäftsführer momentan höchstens 70 ins Theater reinlassen, in die Dependance K2 statt 250 nur 60. „Wir haben zwar eine super Klimaanlage und super Lüftung, aber die Leute haben generell Angst.“ Zu befürchten sei aber, dass nicht einmal die Mindestanzahl der erlaubten Besucher komme. So sei jedenfalls kein regulärer Spielbetrieb möglich. Normalerweise sind beide Spielstätten zu 90 Prozent ausgelastet. „Wir haben sonst insgesamt 100 000 Zuschauer, knapp drei Millionen Euro Umsatz im Jahr.“
Dabei war das Kammertheater Karlsruhe – Geschäftsführer und Schauspieler Bernd Gnann sowie der künstlerische Intendant, Regisseur und Autor Ingmar Otto – seit März so aktiv wie wenige im Kulturbetrieb. Das Autokino-Projekt „Heart Rock“ mit Schauspielern und den Artisten von „Flic Flac“ haben reihenweise für ausverkaufte Vorstellungen auf dem Karlsruher Messplatz gesorgt; rund 1 000 Autos kamen pro Abend.
Der Erfolg, so Gnann, ginge finanziell aber null auf null auf. „Immerhin haben wir es geschafft, das Projekt ohne Zuschüsse durchzusetzen. Wir konnten Künstler unterstützen, alle Rechnungen bezahlen und darauf sind wir stolz“, erzählt er rückblickend – Max Giesinger, Oliver Pocher, Bülent Ceylan hatte er als Live-Events ins Autokino geholt. Auch das Kammertheater-Ensemble konnte weiterbeschäftigt werden, während die Büroangestellten in Kurzarbeit gegangen sind. Bis 2. November bleibt die Theaterkasse mindestens noch unbesetzt.

Gnanns animiertes Video zur „Zukunft der Kulturbetriebe“

„Wir haben bewiesen, dass wir mutig sind.“ Jetzt seien die anderen, die tatsächlich immer Geld bekämen, verpflichtet, wie das Badische Staatstheater, zu spielen, und die Leute zu animieren: „Kommt doch mal ins Theater“, findet Gnann.
Die Stadt Karlsruhe habe immerhin einen Fördertopf über ein paar Millionen Euro aufgelegt, die dann abgerufen werden könnten, wenn man drohe, in die Insolvenz zu rutschen. „Aber weil wir momentan nicht spielen, ist das Risiko noch nicht gegeben“, so Gnann. Zurzeit spiele nur er selbst seinen traditionellen musikalisch-kabarettistischen Solo-Abend „Die Made“. „Sie hat das Kammertheater vor zehn Jahren aufgebaut – und jetzt wird sie vielleicht wieder zum Heilsbringer und Retter des Theaters“, sagt Gnann. „Die Made“ läuft seit 15 Jahren, über 5 000 Auftritte hat er mit ihr schon gemacht.
Doch der Kammertheater-Geschäftsführer kämpft auch selbst für weitere Corona-Hilfen: Bernd Gnann hat eine Videoanimation produziert, die er bereits an die Bundesregierung und bundesweit an die Theaterschaffenden geschickt hat – mit der Bitte um finanzielle Unterstützung. In seinem Video zur „Zukunft der Kulturbetriebe“ macht er auch einen ganz konkreten Vorschlag, wie das Dilemma der privaten Theater aufgelöst werden könnte: „Wenn die Regierung, die die arbeitslosen Schauspieler momentan durchfüttert, uns, den privaten Theatern, das Geld gäbe, könnten wir mit dem gleichen Geld die Schauspieler beschäftigen – für ihre Arbeit“, erläutert Gnann: „Und dann wäre dem Theater geholfen, es hätte die Kosten der Darsteller nicht und könnte die Einnahmen weiter in die Plakatierung stecken und langsam aber sicher wieder auf eigenen Beinen stehen.“
Auch Corona-Soforthilfen des Landes Baden-Württemberg hat er beantragt wie jeder normale mittelständische Betrieb. Aber das Land Baden-Württemberg und auch der Bund ließen sich viel Zeit.
Der derzeitige rasante Anstieg der Corona-Zahlen macht die Programmplanung im Kammertheater noch unsicherer. Trotzdem will Gnann die Premiere der „Weihnachtsfeier“ (ab 4. Dezember) noch nicht absagen. „Wir proben noch nicht, halten momentan die Füße still und wissen nicht genau, wie es weitergeht.“ Die Produktion sei sehr ambitioniert. „Da wird uns der Vorverkauf sagen, ob wir das weiterbetreiben oder nicht.“ Alles sei momentan ein Herantasten an unbekanntes Terrain.
Bernd Gnanns Animations-Video zur „Zukunft der Kulturbetriebe“ können Sie hier aufrufen.

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Erstellt:
13. Oktober 2020, 21:00 Uhr
Lesedauer:
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