Kampf gegen PFC kostet weitere Millionen

Rastatt (sie) – Um das PFC-Problem zu lösen, haben die Stadtwerke Rastatt am Dienstag ihre neue Wasserleitung in Förch in Betrieb genommen. Die Rechnung zahlt am Ende der Verbraucher.

Die ersten Liter landen auf der Straße: Michael Koch von den Stadtwerken dreht die neue Leitung in Förch auf. Sie hat 3,8 Millionen Euro gekostet. Foto: Hans-Jürgen Collet

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Die ersten Liter landen auf der Straße: Michael Koch von den Stadtwerken dreht die neue Leitung in Förch auf. Sie hat 3,8 Millionen Euro gekostet. Foto: Hans-Jürgen Collet

Es war eine neue Dimension im PFC-Skandal. Kurz vor Weihnachten 2019 durften Kleinkinder und Schwangere in Förch, Kuppenheim, Gernsbach und Gaggenau-Selbach auf einmal kein Leitungswasser mehr trinken. Die Stadtwerke Rastatt gaben kostenlos Mineralwasser aus. Jetzt hat das Unternehmen eine neue Wasserleitung in Betrieb genommen, die das Problem dauerhaft lösen soll. Doch das bedeutet für Verbraucher in ganz Rastatt mal wieder: Der Wasserpreis wird steigen. Und das nächste kostspielige PFC-Großprojekt ist schon in Planung. Unser Mitarbeiter Holger Siebnich beantwortet die wichtigsten Fragen.

Warum war die neue Wasserleitung notwendig?
Bislang kam das Trinkwasser für den Stadtteil Förch aus dem Wasserwerk Förch. Doch dessen Brunnen sind mit PFC belastet. Am 19. Dezember 2019 sprach das Landratsamt Rastatt eine sogenannte Verwendungseinschränkung aus. Schwangere und Kinder bis drei Jahren durften das Wasser nicht mehr trinken. Der Rastatter Stadtwerke-Chef Olaf Kaspryk sagt: „So eine Situation will ich nie wieder erleben.“

Woher kommt das Wasser aus der neuen Leitung?
Die zweieinhalb Kilometer lange Leitung führt von Niederbühl nach Förch und liefert Trinkwasser aus Rastatt. Laut dem zuständigen Abteilungsleiter Michael Koch stammt es überwiegend aus dem Wasserwerk Rauental, wo eine Akivkohle-Anlage PFC aus dem Wasser filtert.

Neue Versorgungsleitung liefert unbedenkliches Wasser

Was passiert jetzt mit dem Wasserwerk in Förch?
Das Wasserwerk lief seit 2019 in eingeschränktem Betrieb weiter. Durch verschiedene Maßnahmen wie der Beimischung von unbelastetem Wasser war es Anfang 2020 gelungen, die PFC-Werte in einen unkritischen Bereich zu senken. Künftig dient das Wasserwerk als eine Art Schnittstelle. In der Vergangenheit versorgte es nicht nur Förch, sondern auch Kuppenheim. Die neue Versorgungsleitung liefert unbedenkliches Wasser ins Werk, von dort aus geht es weiter in die Nachbarstadt. Die Stadtwerke hoffen außerdem, dass die PFC-Belastung eines Tages verschwunden sein wird, weil die Chemikalien auf natürlichem Weg aus dem Boden gewaschen sind. Dann könnte das Wasserwerk wieder in Betrieb gehen. Deshalb soll es in seinen Grundfunktionen erhalten bleiben.

Was ist mit Gernsbach und Gaggenau-Selbach?
Der Wasserversorgungsverband Vorderes Murgtal, der das Wasserwerk Förch betreibt, versorgte auch die Bewohner von Gernsbach und Selbach. Das haben in der Zwischenzeit die Stadtwerke Gaggenau übernommen. Der Wasserversorgungsverband soll im Juni aufgelöst werden.

Was hat die neue Leitung gekostet?
Laut Stadtwerke-Chef Kaspryk liegen die Kosten bei 3,8 Millionen Euro. Bereits in den vergangenen Jahren hatte das Unternehmen in Folge der PFC-Belastung nach eigenen Angaben rund 6,5 Millionen Euro investiert, um die Trinkwasserversorgung in Rastatt zu sichern. Der größte Anteil entfiel auf den Ausbau des Wasserwerks Rauental mit der Filteranlage.

Ist das Trinkwasser in Rastatt jetzt sicher?
Leider nicht. Die PFC-Fahne verbreitet sich immer weiter im Grundwasser. Voraussichtlich 2025 oder 2026 erreicht sie das größte Wasserwerk der Stadt in Ottersdorf. Deshalb muss auch dort eine Filteranlage installiert werden. Die Vorbereitungen laufen bereits. Koch sieht Kosten in Höhe von zehn bis zwölf Millionen Euro auf die Stadtwerke zukommen.

„Wasserpreis wird weiter steigen“

Wer zahlt das am Ende?
Der Verbraucher über die Wasserrechnung. „Der Wasserpreis wird weiter steigen“, sagt Koch. Aktuell liegt er bei 2,08 Cent pro Kubikmeter. Durch die neue Leitung in Förch wird er sich voraussichtlich nur um wenige Cent erhöhen, das Wasserwerk in Ottersdorf wird stärker zu Buche schlagen. Da sich die Investition aber auf alle Haushalte verteilt, werde sich die Belastung für den Einzelnen in Grenzen halten, prognostiziert Koch. Steigt der Preis zum Beispiel auf 2,60 Cent, ergibt das für einen Haushalt mit einem Verbrauch von 100 Kubikmeter Zusatzkosten von 52 Euro im Jahr.

Muss nicht der Verursacher der PFC-Belastung haften?

Vielleicht. Die Stadtwerke versuchen aktuell, sich 6,5 Millionen Euro vor dem Landgericht zu erstreiten. Dort läuft ein Zivilprozess gegen die Firma Umweltpartner Vogel aus Bühl, die die Stadtwerke als Verursacher ansehen. Wann ein Urteil fällt, steht noch nicht fest.

Leistet das Land Hilfe?

Über den Umgang mit der PFC-Belastung in Mittelbaden ist seit ihrer Entdeckung vor zehn Jahren ein politischer Streit entbrannt. Die Kommunen und die örtlichen Wasserversorger fühlen sich mit einem der größten Umweltskandale der Nachkriegsgeschichte allein gelassen und bemängeln, dass die Kosten unverschuldet am Verbraucher hängenbleiben.

Das Land verweist auf eigene Investitionen in Millionenhöhe, etwa für Forschungsprojekte. Für die neue Wasserleitung in Förch schoss das Land 500.000 Euro zu.


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