Auch in Neusatz wohnt man im Denkmal

Bühl/Baden-Baden (BNN) – Wohnen in leerstehenden Denkmälern – das ist die Devise bei einem neuen Sonderprogramm des Landes. Das Bauministerium will damit nicht zuletzt die Wohnungsnot bekämpfen.

Beispielhaft: Das denkmalgeschützte Rathaus in Neusatz, das heute Sitz der Ortsverwaltung ist, wurde von der Stadt zu Wohnzwecken umgestaltet. Neben den Verwaltungsräumen sind insgesamt fünf Wohnungen entstanden. Foto: Ulrich Coenen

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Beispielhaft: Das denkmalgeschützte Rathaus in Neusatz, das heute Sitz der Ortsverwaltung ist, wurde von der Stadt zu Wohnzwecken umgestaltet. Neben den Verwaltungsräumen sind insgesamt fünf Wohnungen entstanden. Foto: Ulrich Coenen

Wohnraum ist Mangelware. Aus diesem Grund legt das baden-württembergische Ministerium für Landesentwicklung und Wohnen das Sonderprogramm „Wohnen im Kulturdenkmal“ auf. Zwei Millionen Euro Fördermittel stehen in den beiden nächsten Jahren bereit.
Ministerin Nicole Razavi (CDU) denkt dabei an leerstehende Gasthöfe, an Bauernhöfe mit ungenutzten Scheunen, an alte Bahnhöfe, ehemalige Rathäuser oder Schulen. „Aber auch Gebäude, die früher gewerblich genutzt wurden, gehören für mich dazu wie etwa ehemalige Lagerhäuser oder ehemalige Fabriken oder Werkstätten, die denkmalgeschützt sind“, sagt sie.

Ein Inventar von leerstehenden Kulturdenkmälern in Baden-Württemberg als Grundlage für dieses Programm ist allerdings nicht geplant. Das betont Rainer Wehaus, Pressesprecher des Ministeriums, auf Anfrage dieser Zeitung. Die Eigentümer sollen vielmehr über die Medien und das Landesamt für Denkmalpflege auf die mögliche Förderung aufmerksam gemacht werden.

Außerdem setzt Wehaus auf die Unterstützung der Kommunen. „Die Gemeinden und Landkreise sind eingeladen, sich für das Sonderprogramm und damit das Wohnen im Kulturdenkmal zu engagieren“, sagt er. „Für entsprechende Maßnahmen gibt es bis zu 10.000 Euro vom Land, den sogenannten Multiplikatorenbonus.“ Zwang wird nicht ausgeübt. Die Entscheidung, welche Objekte für das Sonderprogramm und letztlich für Wohnnutzungen vorgeschlagen werden, liegt ausschließlich bei den Eigentümern.

„Denkmaleigentümer sollen auch in unsicheren Zeiten wie heute unterstützt werden, sich beraten zu lassen, Konzepte zu beauftragen und Maßnahmen umzusetzen, um Wohnen im Kulturdenkmal zu ermöglichen“, sagt der Pressesprecher. „Das Sonderprogramm ist vor allem dort interessant, wo es leerstehende oder vom Leerstand bedrohte Kulturdenkmale gibt.“ Der Ministerin sei eine Verbindung der beiden Anliegen, Wohnraum zu schaffen und Kulturdenkmale zu erhalten wichtig.

Die Mitarbeiter des Landesamtes für Denkmalpflege sollen nach den Vorstellungen des Ministeriums die Denkmaleigentümer beratend mit ihrem Fachwissen begleiten. „Diese Beratung ist kostenfrei“, betont Wehaus. In Bühl wird das Programm allerdings zumindest auf Anhieb nicht erfolgreich sein. „Objekte, mit denen wir uns beteiligen könnten, haben wir derzeit nicht zur Hand“, bedauert der städtische Pressesprecher Matthias Buschert. „Es ist ein attraktives Programm, das Eigentümer, aber auch Vereine und Gruppierungen, die sich um denkmalgeschützte Gebäude bemühen, dazu ermutigen kann, dringend benötigten Wohnraum zu schaffen.“

Stadt verweist aktiv auf Programm

Die Stadt werde regelmäßig von Eigentümern oder Kaufinteressenten gefragt, ob es Zuschüsse gebe. „Wir werden künftig auf dieses neue Programm aktiv verweisen“, sagt Buschert. „Denkmalgeschützte Gebäude werden am besten erhalten und gepflegt, indem sie bewohnt werden. Besonderen Charme hat das Sonderprogramm durch seinen nachhaltigen Charakter, bestehenden historischen Gebäuden Leben einzuhauchen. Wir selbst haben erst kürzlich mit dem Rathaus Neusatz in einem Denkmal Wohnungen geschaffen.“

Die Baden-Badener Stadtkonservatorin Nicole Schreiber begrüßt das neue Programm ebenfalls. „Baden-Baden hat eine Fülle an Kulturdenkmalen zu bieten“, sagt sie. „In täglichen Beratungsgesprächen mit Bürgerinnen und Bürgern verweist die Untere Denkmalschutzbehörde auch immer auf Förderungen vom Land oder die Möglichkeit zur Inanspruchnahme von indirekten Förderungen.“ Schreiber bezieht sich auf die erhöhten steuerlichen Abschreibungsmöglichkeiten für Denkmäler. Das neue Programm stellt aus Sicht der Stadtkonservatorin eine weitere finanzielle Unterstützung für Denkmaleigentümer dar und hilft dabei, Wohnraum zu generieren.

„Daher schätzen wir solche Initiativen vom Land und werden die Eigentümer in den Beratungsgesprächen auf die Fördermöglichkeiten hinweisen“, erklärt sie. „Wir sind froh über jeden Beitrag, der zum Erhalt von Kulturdenkmälern beiträgt.“

Zuschüssen können gezahlt werden

Wer profitiert: Das Programm richtet sich an Eigentümer, Besitzer und Bauunterhaltungspflichtige von Kulturdenkmalen oder von ihnen Beauftragte. So kann sich nach Auskunft von Ministeriumssprecher Rainer Wehaus auch ein Verein um ein leerstehendes Kulturdenkmal bemühen und ein Wohnnutzungskonzept erstellen lassen.
Wie viel Geld gibt es: Eigentümer von Denkmälern können nach Auskunft von Wehaus Zuschüsse für das Wohnen in Kulturdenkmalen beantragen. Bis zu 20.000 Euro an Förderung ist möglich. Vorgesehen sind sogenannte Konzeptgutscheine in Höhe von 5.000, 10.000. 15.000 oder 20.000 Euro je nach Höhe der zuwendungsfähigen Ausgaben.
Wofür gibt es Geld: Gefördert wird die Erstellung von Konzepten zur denkmalverträglichen Wohnnutzung von Kulturdenkmalen (Instandsetzung, Umnutzung, aber auch Ausbau von bereits bestehendem Wohnraum) mit dazu gehörigen Untersuchungen. Das Sonderprogramm zielt auf die Förderung von vorbildlichen Konzepten zur Umsetzung und Aktivierung von Kulturdenkmalen für Wohnzwecke. Außerdem ist mit dem Sonderprogramm die Förderung von Leuchtturmprojekten mit bis zu 300.000 Euro pro Kulturdenkmal vorgesehen.
Wo gibt es Geld: Anträge können ab sofort beim Landesamt für Denkmalpflege für gestellt werden: www.denkmalpflege-bw.de

„Tropfen auf den heißen Stein“

BNN-Redakteur Ulrich Coenen kommentiert: Die Idee ist gut. Das Sonderprogramm „Wohnen im Kulturdenkmal“ des baden-württembergische Ministeriums für Landesentwicklung und Wohnen verbindet zwei wichtige Aspekte. Dringend notwendiger Wohnraum wird geschaffen, gleichzeitig werden wertvolle Kulturdenkmäler erhalten. Leer stehende Gaststätten gibt es inzwischen mehr als genug, auch in Bühl. Scheunen, die landwirtschaftlich nicht mehr genutzt werden, und Rathäuser in Ortsteilen, in denen die Ortsverwaltung nur noch ein Büro benötigt, sind im Mittelbaden ebenfalls nicht selten. Häufig stehen diese historischen Gebäude unter Denkmalschutz. Da muss doch was zu machen sein. Hier setzt das neue Programm an. Allerdings sind die zwei Millionen Euro, die das Land zur Förderung solcher Projekte in den beiden nächsten Jahren bereitstellt, nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Viel Wohnraum kann auf dieser Basis nicht neu geschaffen werden, viele leer stehende Denkmäler können nicht erhalten werden. Weil die Summe von zwei Millionen Euro nicht weit reicht, ist bisher kein Inventar der leer stehenden Kulturdenkmäler in Baden-Württemberg geplant. Deren Zahl – von der Werkstatt bis zur Schule – dürfte erheblich sein, das Potenzial an Wohnraum ebenfalls. Wenn das Land Ernst macht, müsste es alle leer stehenden Kulturdenkmäler zunächst auflisten und den Förderrahmen kräftig erhöhen. Dann könnte man alle Eigentümer gezielt ansprechen. Das Sonderprogramm schafft nicht nur Wohnraum und erhält wertvolle historische Bausubstanz. Es ist auch nachhaltig. Für die neuen Wohnungen wird weder grüne Wiese bebaut, noch werden Unmassen grauer Energie benötigt. Das Landesregierung sollte ihre ausgezeichnete Idee deshalb nachbessern.

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BNN-Redakteur Ulrich Coenen

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Erstellt:
13. Mai 2022, 17:30 Uhr
Lesedauer:
ca. 4min 12sec

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