Kampf mit einem unsichtbaren Alltagsgegner

Rastatt (ema) – Elektrosensible Menschen führen einen noch ziemlich einsamen Kampf. Zwei von ihnen wollen nun eine Selbsthilfegruppe im Landkreis Rastatt gründen.

Moderne Technik: Auf dem Hochhaus neben dem Krankenhaus in Rastatt ragen Antennen in den Himmel. Foto: Frank Vetter

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Moderne Technik: Auf dem Hochhaus neben dem Krankenhaus in Rastatt ragen Antennen in den Himmel. Foto: Frank Vetter

Wenn Doris Müller einkaufen geht, dann schaut sie, „dass ich schnell wieder rauskomme“. Wenn Christel S. spazieren geht, „dann am liebsten bei Regenwetter, weil dann weniger Leute unterwegs sind, oder in funkarmen Waldgebieten“. Nein, die beiden Frauen aus Kuppenheim und Rastatt haben überhaupt nichts gegen Menschen. Aber sie haben etwas gegen einen Teil der modernen Technik. Doris Müller und Christel S. sind elektrosensible Menschen.

Und weil sie darunter leiden und mutmaßlich andere Menschen auch, ohne die Ursache zu kennen, wollen sie eine Selbsthilfegruppe gründen.

Leiden von vielen nicht anerkannt

Die Diagnose, die sie sich stellen, lautet „elektromagnetische Hypersensibilität“. Und damit fängt eines der Probleme schon mal an: Denn unter vielen Schulmedizinern ist dieses Leiden nicht anerkannt, so es die Ärzte überhaupt kennen, haben die beiden Frauen festgestellt.

Als Doris Müller schon vor 20 Jahren immer wieder über Übelkeit, Herzrasen, Erschöpfung und Schlafstörung klagte, vermochte ihr Hausarzt keine eindeutige Erklärung zu finden. „Ärzte stellen einen dann gerne in die Psycho-Ecke“, hat die 62-Jährige festgestellt.

Christel S. ging es ähnlich. Vor rund sieben Jahren stellte die 43-jährige Mutter zweier Kinder ähnliche Symptome fest. „Ich fühlte mich wie im Hamsterrad, kam gar nicht mehr zur Ruhe.“ Ihr Aha-Erlebnis hatte sie mit der Familie am Muggensturmer Badesee. Zum Spaß ließ sie sich im Sand einbuddeln. Der Körper entspannte sich schlagartig. Im Nachhinein, nach vielen Recherchen, führt die Hausfrau die Wirkung auf die abschirmende Wirkung des Sands zurück.

Gegner, den man nicht greifen kann

Doris Müller und Christel S. haben einen Alltagsgegner lokalisiert, den man nicht sehen und nicht greifen kann. Hinter ihm verbergen sich nach ihrer Überzeugung elektromagnetische Wellen – vor allem von Handys, aber auch von WLAN-Routern, Schnurlostelefonen und Strahlenmasten, die weiter wie Pilze aus der Erde schießen, weil die Menschheit immer und überall im weltweiten Netz aktiv sein will. Belastend seien auch niederfrequente elektromagnetische Felder wie Induktionsherd oder Trafos. Elektrosmog nennt man griffig, was da durch die Lüfte zieht.

Allein: Menschen wie Doris Müller und Christel S. führen einen ziemlich einsamen Kampf. Sie verweisen auf Studien, die belegen würden, dass die Mikrowellen im Körper Stress auslösen und zu oxidativen Zellschädigungen führen. In Schweden gilt Elektrosensibilität („Mikrowellenkrankheit“) seit 2002 als „körperliche Beeinträchtigung“ und ist eine anerkannte funktionelle Behinderung, ausgelöst durch die Umwelt. Im Gegensatz dazu stehen Untersuchungen, wonach die Gesamtproblematik der biologisch-medizinischen Wirkungen der Felder des Mobilfunks nicht endgültig geklärt werden könnten.

„Wir wollen ja nicht zurück ins Mittelalter“

Die Betroffenen versuchen, sich so gut wie möglich zu schützen. Nach einem Gespräch mit einem Umweltmediziner trägt Christel S. ein Schutztuch mit Abschirmgewebe um den Kopf. Seitdem sie unter einem speziellen Baldachin schläft, findet sie mehr Ruhe in der Nacht. Ebenso wie Doris Müller achtet sie auf gesunde Ernährung. Viele Vitamine und Mineralstoffe bestimmen den Speiseplan.

Neben der Vorbeugung gegen körperliche Beeinträchtigung ringen die Betroffenen auch um den sozialen Schutz. „Es ist verletzend, wenn man nicht auf Verständnis stößt“, sagt Christel S. „Man wird hingestellt, als sei man ein Spinner“, hat auch die gelernte Bürokauffrau Doris Müller einige Kränkungen erfahren. Nicht überall stoßen sie auf Empathie wie Christel S., deren Freunde ihre Handys auf Flugmodus stellen oder ausschalten, wenn man zusammen ist – ebenso wie Nachbarn, die das drahtlose Internet unterbrechen, sobald sie das Haus verlassen.

„Wir wollen ja nicht zurück ins Mittelalter“, weiß Doris Müller um die Bedeutung der Technik. Mobilfunk – das ist ein Milliardenmarkt, erst recht mit der neuen 5G-Generation. Aber Inseln des Rückzugs – das würden sie sich schon wünschen. Und es gibt Ansätze: Die Stadt Ravensburg zum Beispiel will Schutzzonen vor 5G-Strahlung für Elektrosensible schaffen. Als sie ihren mittlerweile verstorbenen Ehemann täglich im Krankenhaus besuchte, hätte sich Doris Müller in der Klinik Strahlenarmut gewünscht. Stattdessen ragen auf dem Hochhaus neben dem Rastatter Krankenhaus riesige Antennen in den Himmel.

Die beiden Frauen wissen: Man muss mit der Technik leben. Aber sie hoffen auch auf Sensibilität für den hohen Leidensdruck der Betroffenen. Wie sagt Christel S.: „Elektrosmog ist eine Art Körperverletzung, gegen die man sich nicht wehren kann.“

Kontakt für Selbsthilfegruppe

Wer an einer Selbsthilfegruppe für elektrosensible Menschen interessiert ist, kann sich wenden an: Monika Niedenführ, Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfe für den Landkreis Rastatt und Baden-Baden, Telefon (07221) 3024682375, oder E-Mail an m.niedenfuehr@landkreis-rastatt.de.

Ihr Autor

BT-Redakteur Egbert Mauderer

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Erstellt:
6. August 2021, 07:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 15sec

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