Kampf um die magische Rekordzahl

Baden-Baden (mi) – Serena Williams ist mit 23 Grand-Slam-Titeln die erfolgreichste Tennisspielerin der Welt. Die Rekordzahl 24 lässt aber auf sich warten – seit ihrer Mutterschaft.

Serena Williams hat noch ein letztes großes Ziel in ihrer erfolgreichen Karriere. Foto: Marco Vasin/AP

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Serena Williams hat noch ein letztes großes Ziel in ihrer erfolgreichen Karriere. Foto: Marco Vasin/AP

Besessenheit kann Blockaden auslösen, im schlimmsten Fall krank machen. Auch die Erfolgreichsten sind davor nicht gefeit. Die Familie Williams aus Amerika darf man dazu zählen, als wäre die TV-Serie „Eine schreckliche nette Familie“ nach ihnen benannt worden. Serena Williams ist die erfolgreichste und reichste Sportlerin auf diesem Planeten, und dennoch trägt die beste Tennisspielerin ein Makel, fast Stigma mit sich herum, das sie nicht loslässt, ein Fluch scheint sie zu verfolgen.
Fast schon makaber: Seit dem Augenblick, als sie die größten Glücksgefühle in sich trug, als sie erstmals Mutter wurde, gewinnt sie nicht mehr das letzte Match. Seit also ihre Tochter Alexis Olympia die Welt erblickte, hat ihre stolze Mama den Tennis-Olymp nicht mehr erklommen. Serena Williams, die bis zum heutigen Tag unglaubliche 23 Grand-Slam-Titel angehäuft hat, wartet schon quälend lange vier Jahre auf diesen verdammten Rekordtag: Noch ein weiterer, letzter Triumph bei einem Major-Turnier, und die 39-Jährige hätte die Australierin Margaret Court überholt und könnte am nächsten Tag ihren Rücktritt bekanntgeben. Unter Freudentränen. Sie wäre dann erlöst.

Selbst Fachexperten zweifeln mittlerweile, ob die frühere Seriensiegerin zu diesem letzten Kraftakt noch in der Lage ist. „Ich glaube, dass sie zum ersten Mal darüber nachdenkt: Wie lange geht’s noch“, vermutete Eurosport-Kommentator Boris Becker im Januar bei den Australian Open. Wie lange will sie ihrem Traum, der von Woche zu Woche mehr zu einem Alptraum wird, noch nachjagen? „Ich weiß es nicht“, stammelte die lange Zeit Unbesiegbare, ehe sie nach ihrer Halbfinal-Niederlage gegen die spätere Cupgewinnerin Naomi Osaka in Tränen ausbrach. Die 23-jährige Japanerin verkörpert die Zukunft des Frauen-Tennis, Serena Williams kommt da fast schon Retro daher.

Vier Mal erreichte sie als Mutter ein Grand-Slam-Finale, viermal verlor sie es. Und der Zahn der Zeit nagt unerbittlich. Zumal das wichtigste Kapital der Powerfrau schon lange nicht mehr mitspielt: Ihr sonst so makelloser Körper rebelliert regelmäßig. Schon vor 20 Jahren laborierte sie öfters an Knieverletzungen, nicht zuletzt Folgen ihres knüppelharten Trainings. Nicht umsonst hat sie Muskeln wie eine Gewichtheberin. Sie hadert gar mit ihrer Modellathletenfigur, wie sie einst offen bekannte: „Meine Arme sind nicht besonders schön, sie sind zu fit. Aber ich will mich nicht beschweren, schließlich zahlen sie meine Rechnungen.“

Vater trimmt die Töchter

Den Trainingseifer bekam sie von kleinauf eingebläut. Und an dieser Stelle kommt Papa Gnadenlos ins Spiel. Richard Williams trimmte seine zwei Töchter zu Rekordmenschen. Der Legende nach zappte der Disziplinfanatiker Ende der 70er Jahre durchs TV-Programm, verweilte bei einem Tennis-Match und staunte Bauklötze, als er hörte, wie viel Geld man mit dem „weißen Sport“ verdienen könne. Ihm kam die zündende Idee, dass sein Nachwuchs, der noch gar nicht geboren war, viel Kohle machen könne, um später ein Leben in Saus und Braus zu genießen.

Im Juni 1980 kam zunächst Tochter Venus zur Welt, ein Jahr später Serena. Schon bald übernahm der kühl kalkulierende Daddy selbst das Training, obwohl er nie zuvor ein Racket in der Hand gehalten hatte, und verpflichtete später Top-Coaches, um nichts dem Zufall zu überlassen. Richtig spleenig wurde sein Entschluss zum Familienumzug in Los Angeles: Er tauschte ein nettes Eigenheim in Long Beach, das er mit seiner gut laufenden Security-Firma finanzieren konnte, mit einer eher billigen Absteige in einem hochkriminellen Stadtteil der größten US-Stadt.

Seine bizarre Begründung lieferte er später in einem Interview: „Die größten Champions kamen alle aus Ghettos. Ich habe sie studiert wie Muhammad Ali oder Mike Tyson. Ich sah, woher sie kamen. Ich beschloss, dort sollten auch meine Mädchen aufwachsen. Das würde sie stark machen und ihnen eine Kämpfermentalität mitgeben.“

Die Töchter wurden also zu Kampfmaschinen herangezüchtet. Serena bekannte dies später: „Glück hat damit nichts zu tun. Ich habe unzählige Stunden auf dem Platz verbracht und auf meinen Durchbruch hingearbeitet, ohne zu wissen, wann er überhaupt eintritt.“ Die Ältere der Geschwister gab zunächst den Ton an und entschied alle Duelle für sich.

Venus ist fürwahr kein Lieschen Müller, auch sie heimste nicht weniger als sieben Grand-Slam-Titel ein, leidet aber bis heute an einer Autoimmunerkrankung, was Gelenkschmerzen, Entzündungen und zeitweise gar Depressionen während ihrer Karriere verursachte. Wohl deshalb, weil sie in jeglicher Hinsicht Leidensgenossinnen sind, verbindet die Beiden eine innige Beziehung, die auch sportlich mit Erfolgen wie Olympia-Gold im Doppel in London ihren Ausdruck fand. „Wir haben gemerkt, dass unsere Liebe tiefer geht als irgendein Tennisspiel“, sagte Serena.

Im zarten Alter von 14 startete sie ihre Profikarriere, mit 16 wurde sie in die Top 100 der Weltrangliste aufgenommen, als 19-Jährige verbuchte sie den ersten Grand-Slam-Sieg auf heimischem Boden in New York, 2002 war sie erstmals die Nummer eins, beim ersten Triumph in Wimbledon schlug sie im Finale Venus. Von da an waren die Familienverhältnisse für alle Zeiten geklärt.

Viele Operationen

Die vielen Verletzungen, Operationen und damit monatelangen Auszeiten waren für die lange chancenlose Konkurrenz ein Glücksfall. Mit 26 war Serena am Tiefpunkt angelangt, im Ranking fiel sie auf Rang 95 zurück, ehe sie 2008 wieder an der Spitze war.

Ihren unvergleichlichen Kampfgeist offenbart sie auch abseits des Courts. Mit ihrer Stiftung ist sie vorbildliche Vorkämpferin gegen Diskriminierung und für die Gleichheit in der Gesellschaft. Ihrer ebenso berühmten Freundin Meghan Markle, die dem britischen Königshaus unverhohlen Rassismus vorwarf, sprang sie verbal zur Seite. Nicht zuletzt verbindet eben die Hautfarbe. Williams: „Ich habe Sexismus und Rassismus von Medien und Institutionen gegenüber Frauen und dunkelhäutigen Menschen selbst erfahren. Die psychischen Folgen von systemischer Unterdrückung sind verheerend, isolierend und allzu oft tödlich.“

Man sollte Serena Williams generell nicht dumm kommen. Gibt sie auf der Erfolgswelle sich allzu gerne als anhängliche Siam-Schmusekatze, kann sie auch die Krallen ausfahren. Bei einer ihrer Finalniederlagen gegen Osaka unterstellte sie dem Schiedsrichter Rassismus und deckte ihn völlig ausrastend mit allen Verbalinjurien ein, die sie im verruchten LA-Ghetto gelernt hatte.

Der Sportmoderator Rob Lederman wurde entlassen, weil er einen Kommentar zu Serena und anderen dunkelhäutigen Prominenten abgegeben hatte, als er über Frauen sprach, die er attraktiv fand. Dummerweise assoziierte er die Ladies im Frühstücks-TV mit der jeweiligen Stufeneinstellung seines Toasters. Heiß, heißer, Serena. Man kann sich an ihr leicht verbrennen.

Sexyeste Outfits

Sie trägt auch mit Abstand die sexyesten Outfits, der Court ist für sie längst zum Laufsteg geworden. Speziell die Modestadt Paris, wo sie nächste Woche bei den French Open den nächsten Anlauf auf den Rekord nimmt, hat es ihr mit gewagten Kreationen angetan. Mit der bauchfreien Zebra-Kombi und einer von Chefdesigner Louis Vuitton kreierten schwarzen Jacke, bedruckt mit den Worten Mutter, Kämpferin, Königin, Göttin, machte sie die Rivalinnen und Zuschauer sprachlos. 2018 outete sie sich als Catwoman in den Farben schwarz, pink und rot.

Bei den Australian Open präsentierte sie ein Jahr später einen hautengen Einteiler mit Netzstrumpfhose oder zur Abwechslung das Modell Radlerhose. Bei den US Open darf es dann auch mal ein schwarzes, bauchfreies Top mit Jeansrock oder ein animalisches Kostüm im Leopardenmuster sein. Tierisch gut kommt das bei ihren Millionen Fans an.

Dass sie mit ihren extravaganten Outfits für die Veranstalter, speziell im erzkonservativen Wimbledon, dagegen ein rotes Tuch darstellt, macht Serena Williams nur noch kreativer und widerstandsfähiger. Sie ist die ultimative Tennis-Queen und will auch so behandelt werden. „Wenn ich mein bestes Outfit trage, dann denke ich mir: No way, mit diesem Look kann man nicht verlieren. Manchmal ist das wie eine Art Schlachtkostüm. Das gilt auch im täglichen Leben. Wenn du super aussiehst, kannst du die Welt erobern. Diese Energie schickt dich einfach auf eine ganz andere Umlaufbahn“, begründete sie einst, warum sie sich nicht um Konventionen schert.

Nur diesem Grand-Slam-Fluch kann sie sich nicht widersetzen. Nicht mit eiserner Disziplin, viel Training und jeder Menge Geld. Vielleicht reift in ihr bald die Erkenntnis, dass ihre Mutterrolle letztlich wichtiger ist als ein Rekord für die Ewigkeit. Die Familiendynastie könnte eh ihre Fortsetzung finden. Tochter Olympia steht schon auf dem Tennisplatz. Die Dreijährige hat die Gene und das Talent ihrer Mutter geerbt. Die Tennis-Welt wird die Familie Williams nicht los.

Ihr Autor

BT-Redakteur Michael Ihringer

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Erstellt:
27. Mai 2021, 06:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 5min 14sec

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