SHV-Präsident Alexander Klinkner im Interview

Baden-Baden (moe) – SHV-Präsident Alexander Klinkner spricht im Interview über die kontroverse Ankündigung des Verbands, Neustart-Szenarien und über Sorgen der Handball-Clubs.

SHV-Präsident Alexander Klinkner. Foto: Matthias Kaufhold/Archiv

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SHV-Präsident Alexander Klinkner. Foto: Matthias Kaufhold/Archiv

Für die Entscheidungen rund um die abgebrochene Vorsaison und die Organisation im Vorfeld der laufenden Runde wurde der Südbadische Handballverband (SHV) und vor allem Alexander Klinkner an dessen Spitze von Vereinen, Trainern und Spielern gelobt. Und das durchaus zurecht, schließlich wurde handlungsschnell, plausibel, transparent und – soweit möglich – auch basisdemokratisch agiert.

Mit der jüngsten Ankündigung, Mitte Dezember den Spielbetrieb wieder aufnehmen zu wollen, haben der SHV und dessen Präsident nun Kritik einstecken müssen. BT-Sportredakteur Moritz Hirn hat sich mit dem 49-jährigen Funktionär, der aus Rastatt stammt und beim SV Niederbühl handballerisch sozialisiert wurde, über diese kontrovers diskutierte Entscheidung, die Szenarien für den Restart und die Sorgen der Clubs unterhalten.

BT: Herr Klinkner, mit Spannung werden die Entscheidungen in Sachen Lockdown beim Bund-Länder-Gipfel am Mittwoch erwartet. Interna aus Beschlussvorlagen sind bereits durchgesickert, Lockerungen sind angesichts des Infektionsgeschehens nicht zu erwarten. Wie optimistisch sind Sie, dass vor dem Jahreswechsel tatsächlich noch einmal in den südbadischen Hallen Handball gespielt wird?

Alexander Klinkner: Ich würde die Wahrscheinlichkeit heute deutlich unter 50 Prozent sehen. Ausgehend von der Rotfärbung des RKI-Dashboards und den kursierenden Beschlussvorlagen muss man so realistisch sein, dass in diesem Jahr in Südbaden – und nicht nur dort – mit hoher Wahrscheinlichkeit kein Handball mehr gespielt werden wird.

BT: Vor rund zwei Wochen war die Pandemie-Lage kaum weniger schlimm, dennoch hat das SHV-Präsidium verkündet, den Betrieb für zwei Spieltage im Dezember wieder aufnehmen zu wollen. Am gleichen Tag, rund zweieinhalb Stunden früher, hat der Deutsche Handballbund (DHB) entschieden, in den dritten Ligen keine Spiele in diesem Jahr mehr auszutragen. Auf den ersten Blick passt das nicht wirklich zusammen...

Klinkner: Der DHB betrachtet natürlich alle Regelungen zwischen Flensburg und Garmisch-Partenkirchen, da gibt es natürlich Regionen und Inzidenzen, die weit, weit jenseits von dem liegen, was wir in Südbaden sehen. Wir sind natürlich bei den Mannschaften, die in DHB-Klassen spielen, an die Entscheidungen des DHB gebunden. Aber dass man durchaus differenziert vorgehen kann und dies ein legitimer Ansatz ist, sieht man ja bei Kaderspielern oder Bundesligavereinen, die trainieren dürfen, während der Breitensport – da zähle ich alle Klassen dazu, die der SHV verantwortet – nicht mannschaftlich trainieren darf.

Ich glaube, in diesem Kontext ist es zulässig zu unterstreichen, dass wir eine Region mit weniger hohen Inzidenzwerten sind, weshalb der Lösungsansatz kein bundesweit einheitlicher, sondern ein zumindest baden-württembergischer sein sollte. Insofern passen die unterschiedlichen Entscheidungen des DHB und des SHV schon in eine Welt. Wir hätten natürlich auch eine Entscheidung wie die badischen Kollegen treffen können, nämlich dass in diesem Jahr kein Handball mehr gespielt wird. Das hätte aber unserer Einschätzung nach dazu geführt, dass viel mehr Vereine komplett auf das Thema Training verzichtet hätten. Mit der Kommunikation, dass im Dezember nochmals gespielt werden soll, war es unsere an die Vereine gerichtete Motivation, sich fit zu halten und auch dafür zu sorgen, dass die Spieler, die Kinder und Jugendlichen bei der Stange bleiben.

„Wollten ein Zielbild aufrechterhalten“

BT: Während des ersten Lockdowns und der gesamten Abwicklung der abgebrochenen Saison wurde der SHV – und auch Sie persönlich – für das schnelle und transparente Handeln zurecht gelobt. Nach der aktuellen Entscheidung war vielerorts Unverständnis zu hören. Können Sie die Kritik verstehen?

Klinkner: Das kann ich voll und ganz nachvollziehen. Die Tatsache, dass der DHB so, der SHV aber anders entschieden hat, kann sicher für Unverständnis sorgen. Dem kann man aber argumentativ entgegensetzen, dass es bei der Leistungsorientierung genau umgekehrt ist. Ich kann auch verstehen, dass es Vereine, Spieler und Eltern gibt, die sagen, man hätte mutiger und weniger blauäugig entscheiden können, vielleicht sogar müssen. Ich hoffe aber auch, dass man unsere Motivation nachvollziehen kann, neben den zigfach geäußerten Appellen, sich fitzuhalten, ein gewisses Zielbild aufrechtzuerhalten, auf das man hinarbeiten kann. Insgesamt haben wir sehr differenzierte Rückmeldungen bekommen. Manche sagen: „Gut so!“, andere: „Wie kann man nur?“

BT: Dem Vernehmen nach wurde die Entscheidung im SHV-Präsidium durchaus kontrovers diskutiert. Hätten Sie persönlich anders votiert?

Klinkner (lacht): Weil mit der Verkündung des Lockdown light quasi alles eingestellt wurde – der Spielbetrieb, das Training, aber auch der Kontakt zu den Kindern und Jugendlichen – bin ich einer derjenigen im Präsidium gewesen, die gesagt haben: „Lasst uns über die Kommunikation des 12./13. Dezember den Vereinen ein Ziel geben, das sie motiviert, am Ball zu bleiben.“ Es gab auch andere Stimmen. Aber meine Position schließt das Verständnis für die andere Position natürlich nicht aus.

BT: Wenn in diesem Jahr nicht mehr gespielt werden kann, müssten über den Daumen gepeilt acht Spieltage nachgeholt werden. Wie sehen die Szenarien aus, die aktuelle Saison mit Auf- und Absteigern ins Ziel zu bringen?

Klinkner: Für uns gibt es zwei Bereiche. Bei der Jugend ist unser Hauptfokus ganz klar: Wir wollen die leistungsorientierten Klassen so lange wie möglich spielen lassen, dann allerdings zu einem Zeitpunkt, den wir festlegen müssen, umschwenken auf die sportliche Qualifikation für die Runde 2021/22. Wir wollen es partout verhindern, dass wir nochmal eine Entscheidung am grünen Tisch treffen müssen. Dementsprechend hören wir lieber früher mit dem Spielbetrieb in der jetzt laufenden Runde auf und haben dann die Zeit, um die sportliche Qualifikation für die neue Saison zu spielen.

Bei den Aktiven müssen wir schauen: Reicht es noch für eine Doppelrunde oder müssen wir eine einfache Runde spielen? Was sich in diesem Zusammenhang absolut bewährt hat und wozu ich ausnahmslos positive Rückmeldungen bekommen habe, ist unsere aktuelle Einteilung in eine regionale Vor- mit anschließender Meister- beziehungsweise Abstiegsrunde. An diesem Grundmuster werden wir festhalten. Wie stark sich das dann ausprägt oder zeitlich noch ausprägen kann, muss man sehen. Nur eine einfache Vorrunde, die Rückrunde wie geplant oder verkürzt, eine Verlängerung der Saison über den angepeilten Zieltermin hinaus – das sind alles Variablen, die sich unsere Spieltechniker gerade überlegen. Dazu werden wir eine Entscheidung treffen, sobald klar ist, wann es denn wieder losgehen kann.

Weiter nur Maskenball: „In diesem Jahr wird mit hoher Wahrscheinlichkeit kein Handball mehr gespielt werden“, glaubt SHV-Präsident Alexander Klinkner. Foto: Frank Seiter

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Weiter nur Maskenball: „In diesem Jahr wird mit hoher Wahrscheinlichkeit kein Handball mehr gespielt werden“, glaubt SHV-Präsident Alexander Klinkner. Foto: Frank Seiter

BT: Die Vereine leiden unter der Pandemie, in mannigfaltiger Ausprägung. Sie sind in regelmäßigem Austausch mit Clubverantwortlichen. Wo drückt der Schuh besonders?

Klinkner: Natürlich fehlt allen der Spielbetrieb ungemein. Alle Vereine stehen vor der Herausforderung, Kinder und Jugendliche bei der Stange zu halten. Am Sonntag habe ich mich mit Clubs aus dem Bezirk Hegau-Bodensee intensiv ausgetauscht. Dort war auch von der finanziellen Komponente die Rede, vereinzelt mussten sich Sponsoren zurückziehen. Zudem wurde deutlich, dass es in der einen oder anderen Mannschaft eng wird, weil sich beispielsweise Jugendliche ganz vom Mannschaftssport zurückziehen oder das Thema Sport insgesamt weniger Gewicht im Wochenablauf bekommt.

BT: Muss man sich um den Handball Sorgen machen?

Klinkner: Meine Gedanken im Bezug auf eine längerfristige Unterbrechung waren negativer vor dem Austausch am Wochenende, als sie es nach dem Gespräch sind. Es kamen ganz viele tolle Ideen auf den Tisch, es hat sich eine super Dynamik entwickelt. Offenheit, Kreativität, Engagement – Ich sehe, wie aufopferungsvoll sich die Vereine um ihre Spieler kümmern oder kümmern wollen. Ich glaube schon, dass die Handballfamilie kleiner werden wird, ich hoffe aber, dass wir unseren Sport auch durch die Krise manövrieren. Die Vereine, die Ehrenamtlichen sollten sich nicht zurückziehen in diesen Lockdown, sondern die Zeit nutzen, mit modernen Medien den Kontakt zu den Kindern, den Aktiven zu halten. Das kann jedem Verein helfen, sich fitter für die Zukunft zu machen.

„Das Ganze macht immer noch Spaß“

BT: Wie lautet ihre Prognose: Wann fliegt in Südbaden wieder der Ball?

Klinkner: Ich hoffe, in den Haushalten der Kinder sehr regelmäßig und mehrmals in der Woche (lacht). Aber realistisch gesehen: Ich bin getrieben von der Erwartung an unser aller Disziplin und hoffnungsvoll gestimmt, dass wir im Januar wieder zum Ball greifen können. Ob es dann schon für den Spielbetrieb reicht, kann ich schwer abschätzen.

BT: Sie sind seit rund anderthalb Jahren an der Spitze des SHV und waren aufgrund der Pandemie die meiste Zeit als Krisenmanager gefragt. Wenn sie im Vorfeld gewusst hätten, dass der Job derart stressig ist, hätten Sie ihn angenommen?

Klinkner (lacht): Das Ganze macht immer noch Spaß – auch wenn man als Krisenmanager gefragt ist. Man muss aber auch sagen, dass die anderthalb Jahre nicht nur von Corona geprägt waren. Wir haben auch eine viel offenere, erfolgreiche Zusammenarbeit auf Landesebene mit den Kollegen aus Nordbaden und Württemberg im Rahmen von Handball Baden-Württemberg. Zudem entwickeln wir unseren Verband auch intern intensiv weiter, bei der Digitalisierung, aber auch anderen Prozessen. Ich bin froh, dass es nicht nur Corona gibt. Die beiden anderen Aspekte hätten eigentlich schon gereicht, um die ehrenamtliche Zeit voll und ganz auszuschöpfen – und dann kam Corona dazu. Aber wir schauen, dass wir alle anderen Dinge nicht ganz aus den Augen verlieren.


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