Karlsruhe nimmt die Kombilösung in Besitz

Karlsruhe (WV) – Der Startschuss ist geglückt: Mit Eröffnung des Tunnels unter der Kaiserstraße und der Bahntrasse in der Kriegsstraße hat die Karlsruher Kombilösung ihren Betrieb aufgenommen.

Die Eröffnung ist geglückt: Zuschauer erwarten die unterirdische Einfahrt der Straßenbahn. Foto: Rake Hora

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Die Eröffnung ist geglückt: Zuschauer erwarten die unterirdische Einfahrt der Straßenbahn. Foto: Rake Hora

Die leuchtend gelbe S2 nach Spöck ist voll besetzt, als sie aus westlicher Richtung in die mondäne Haltestelle Marktplatz schwebt. Am unterirdischen Gleis schwenken sie Handys, und der eigens gebuchte Straßenmusiker Justin Nova singt passenderweise den Beatles-Klassiker „Here Comes the Sun.“ Der seit Jahren erwartete Startschuss für den Stadtbahntunnel unterhalb der Kaiserstraße ist gefallen.

Jetzt stehen Karlsruher jeden Alters an den Gleisen, oder sie verfolgen von der querenden Brücke auf halber Höhe den Fahrbetrieb. „Schon ziemlich cool“ finden die Informatikstudenten Valentin, Tim und Nithirsan. Im Vergleich zur U-Bahn in Stuttgart sei hier in Karlsruhe alles freundlicher und offener gestaltet. Die drei Nachwuchs-Akademiker heben die Daumen: Aus ihrer Sicht hat die „Kombi“ den ersten Praxistest bestanden.

Gefahren sind sie freilich erst zwei Stationen – vom Durlacher Tor via Kronenplatz zur Pyramide. Am KIT (Campus Süd), wie der Durlacher-Tor-Halt zusätzlich heißt, waren sie knapp eine Stunde zuvor neben rund 100 weiteren Seh-Lustigen dabei, als KIT-Präsident Holger Hanselka sein Hoch auf die Tiefbahn formulierte. „Eine ingenieurtechnische Meisterleistung“ erkannte der Professor, der selbst Ingenieur ist. Ein neues Zeitalter breche an, sagte der KIT-Chef. Und das Beste: Wer künftig per Bahntunnel das KIT ansteuert und den nordwestlichen Ausgang der Haltestelle frequentiert, den bringt die Rolltreppe geradewegs zum Kollegiengebäude 10.50 – dem Domizil der Bauingenieur-Ausbildung in Karlsruhe schlechthin. Da freut sich Hanselka natürlich ganz besonders.

Ohne Pandemie hätte Karlsruhe diesen Tag wahrscheinlich bis zum Äußersten gefeiert. Mit Pandemie war das Format entsprechend bescheidener, aber man gestaltete die Festivität dennoch würdig: Zum live im Netz übertragenen Festakt unterhalb des Marktplatzes waren die Karlsruher Alt-Oberbürgermeister Gerhard Seiler und Heinz Fenrich jeweils mit ihren Ehefrauen erschienen.

Immer wieder „Aahs“ und „Oohs“


Neben ihnen gab Amtsinhaber Frank Mentrup der Kombilösung ebenso das Geleit wie Nahverkehrs-Chef Alexander Pischon, Landes-Verkehrsminister Winfried Hermann und der frisch gebackene Berliner Verkehrs-Staatssekretär Michael Theurer. Kasig-Geschäftsführer Frank Nenninger und sein früherer Kollege Uwe Konrath waren gleichfalls mit von der Partie, als OB Mentrup den historischen Spaten präsentierte, mit dem sein Vorgänger im Amt einst das Mammut-Vorhaben symbolisch begonnen hatte.

Jetzt erlebt man selbst Mentrup, den erfahrenen Kapitän Karlsruhes, ein bisschen gerührt: Gerade sei er hierher geradelt, sagt der OB, und alles habe sich irgendwie angefühlt wie immer. Doch der Tag sei eben gerade nicht wie jeder andere: „Jetzt beginnt das neue Karlsruhe.“Später, als die frühere Regierungspräsidentin Gerlinde Hämmerle Seit‘ an Seit‘ mit Gerhard Seiler in der Auftakt-Bahn sitzt, wird auch den Unsentimentalsten an Bord das Epochale dieses Tages bewusst. Sie sei sehr glücklich, sagt Hämmerle, dass das Versprechen von einst nun eingelöst sei: Sie habe nämlich nur unter der Bedingung das Amt der Tunnelpatin übernommen, dass sie die erste Fahrt auch wirklich erlebe. „Ja“, ergänzt Seiler, „jetzt fängt wirklich ein ganz neues Kapitel von Karlsruhe an.“

Großstädtisches Flair in warmem Gelb


An den sieben neuen Haltestellen geht es am Wochenende mitunter drangvoll, aber nicht hektisch zu. Man sieht Familien, die unter dem roten Schriftzug „Marktplatz (Pyramide)“ Selfies machen, man kann Senioren dabei beobachten, wie sie die Haptik des Sichtbetons erspüren. Und immer wieder hört man „Aahs“ und „Oohs“. Es sei schon ein Erlebnis, jetzt diese neue Welt zu entdecken, nachdem sie jahrelang nur Baustellen gesehen habe, erklärt Yolanda Miskiewicz. Dann schickt die Studentin per Messenger Fotos an ihre Lieben daheim. Als es dunkel wird am Eröffnungstag, leuchten die signalhaften U-Buchstaben an den Haltestellen in warmem Gelb und versprühen großstädtisches Flair. Blau wie in anderen Großstädten mit U-Bahn dürfen sie nicht sein, denn diese Farbgebung ist vollständig unterirdischen Ring-Linien vorbehalten. Ästhetisch ist das Gelb nach Ansicht vieler Flaneure ohnehin jedem Blau überlegen, zumal es mit den badischen Farben korrespondiert.

Am Ende des Tages hat der Tunnel seine Feuerprobe bestanden, größere Pannen sind ausgeblieben. Der Auftakt für das neue Karlsruhe ist geschafft.

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