Karlsruher Dampfnostalgie zum Stillstand verdammt

Ettlingen (fk) – Die Corona-Pandemie verdammt auch den Dampfsonderzug der Karlsruher Dampfnostalgie zum Stillstand. Dabei wären Einnahmen aus Fahrten dringend nötig. Ein Blick hinter die Kulissen.

Letzte Vorbereitungen und Reparaturen vor der Fahrt bei Schmuddelwetter. Foto: Florian Krekel

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Letzte Vorbereitungen und Reparaturen vor der Fahrt bei Schmuddelwetter. Foto: Florian Krekel

Der Regen ist ungemütlich. Schief von der Seite. Vom Wind mit einzelnen Stößen wie die Schläge einer Peitsche vorangetrieben. Doch den Mitgliedern der Karlsruher Dampfnostalgie (Danoka) ist das egal – für sie steht das Ziel im Vordergrund. Am nächsten Tag soll ihre fast 100 Jahre alte Dampflok mit der Ordnungsnummer 58 311 einen Sonderzug durch das Murgtal nach Baiersbronn schleppen. Dafür braucht die alte eiserne Lady einiges an Vorbereitung und Liebe.

Mehrere Stunden dauert es alleine, bis der Kessel auf Temperatur ist: Was die Mitglieder der Danoka damals, an diesem verregneten Tag im Oktober noch nicht ahnen – es wird für eine lange Zeit das letzte Mal sein, dass die Flammen unter dem Kessel der 58 sich zu einem Inferno aufbauschen. Die Schutzverordnungen und Lockdowns gegen die Corona-Pandemie haben die gewaltigen Räder der Lok erst mal zum Stillstand verdammt. Auch die beliebten Nikolausfahrten mussten ausfallen.

Hoffen auf Jubiläum 2021


Für die Danoka wird das auch zur Existenzfrage: „Durch die Absage gehen uns wichtige Einnahmen verloren. Wir finanzieren uns vor allem durch die Einnahmen der Fahrgelder, Sponsoren haben wir leider bisher nicht, weshalb wir nun noch einmal mehr auf jeden Cent achten müssen“, sagt Vorstandsmitglied Roland Brunnecker. Denn unterhalten werden muss nicht nur die Lok, auch die vier historischen Personenwagen und ein Güterwagen, die zum Sonderzug gehören. Ein weiterer Personenwagen soll aufgearbeitet werden. Für zwei Wagen muss der Verein über den Winter zusätzlich die Hauptuntersuchung stemmen, in der Hoffnung, am 1. Mai 2021 in das Jubiläumsjahr 50 Jahre Ulmer Eisenbahnfreunde – zu ihnen gehört die Danoka – und 100 Jahre Dampflok 58311 starten zu können.
An der Wasserpumpe leckt eine Dichtung – ein kleineres Problem. Foto: Florian Krekel

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An der Wasserpumpe leckt eine Dichtung – ein kleineres Problem. Foto: Florian Krekel

Die Maschine ist der ganze Stolz der Karlsruher Eisenbahnfreunde. 1921 von der Maschinenbaugesellschaft in Karlsruhe gebaut verrichtete sie bis 1977 ihren Dienst, meist vor schweren Güterzügen – zuletzt im Dienst der DDR-Staatsbahn im Bahnbetriebswerk Aue. Dorthin wird die Lok in den Wintermonaten auch heute noch für Sonderfahrten vermietet, da sie das einzige betriebsfähige Exemplar dieser Baureihe ist. Ihre Höchstgeschwindigkeit liegt bei Tempo 65, der Kessel beschert der Lok eine Leistung von 1500 Pferdestärken. Mit Tender und Vorräten (Wasser und Kohle) drückt das Dampfross mit rund 130 Tonnen auf die Schiene.

„Hier ist vieles Learning by doing“

Über das Jahr verteilt fallen, genauso wie vor jeder Fahrt, diverse kleinere und größere Arbeiten an. So auch damals, beim Kampf gegen den schiefen Oktoberregen. Eine Wasserleitung ist verborgen. Sie wurde wohl von einem Gegenstand getroffen. Gerhard Hammerschmid kämpft mit einem Schraubenschlüssel jenseits der üblichen Größen nicht nur gegen den Regen, sondern auch gegen die widerspenstige Verschraubung – knapp 20 Minuten braucht er, ehe sich das armdicke Rohr endlich gelöst hat. Dann geht es in den alten Güterschuppen, der als Werkstatt dient und wo einige Mitglieder gerade an der Innenausstattung der Wagen sägen, schweißen und lackieren.

Hammerschmid hat zwar Maschinenbau gelernt, aber letztlich sei hier alles „Learning by doing“, sagt er. Und während er mit dem riesigen Rohr an einem Schraubstock im trockenen verschwindet, kommt draußen eine neue Fuhre Holz an, die ins Führerhaus der Lok geladen werden muss. In der monumentalen, acht Kubikmeter fassenden Feuerbüchse erzeugen zwar normalerweise Kohlen ein flammendes Inferno, zum Anheizen ist aber Holz besser. Es erwärmt den wassergefüllten Kessel langsamer, das ist besser für Rohre, Dichtungen und Verschraubungen. Das ständige Anheizen und wieder Abkühlen tue der Lok eigentlich gar nicht gut, sagen die Mitglieder der Danoka.

Als die Lok noch in Dienst stand, brannte das Feuer immer durch, es erlosch höchstens einmal im Monat zur Untersuchung. Damit es diesmal nicht ausgeht bis zum Start der Fahrt am nächsten Morgen, müssen die Mitglieder der Danoka, die die Lok fahren, in einem nahen Personenwagen schlafen und sozusagen Wache halten. Auch gegen ungebetene Gäste. Die Danoka hat immer wieder Probleme mit Vandalismusschäden an ihren im Freien abgestellten historischen Fahrzeugen.

Im Führerstand wird der Kessel mit Holz behutsam auf Temperatur gebracht. Foto: Florian Krekel

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Im Führerstand wird der Kessel mit Holz behutsam auf Temperatur gebracht. Foto: Florian Krekel

Draußen, nur wenige Meter vor der Feuerbüchse, macht unterdessen eine defekte Dichtung an der Wasserpumpe Probleme – zusätzlich müssen alle Lager noch geölt werden. Der Regen ist inzwischen zu einem fiesen Niesel geworden, der in jede Ritze der Kleidung kriecht. Doch die Mitglieder der Danoka machen weiter. Die Passagiere des Sonderzugs und Dutzende Eisenbahnliebhaber entlang der Strecke danken es ihnen am folgenden Tag. 58 311 zieht ihren Zug problemlos nach Baiersbronn und wieder zurück. Wann sie das nächste Mal ihre immer noch vorhandene Kraft demonstrieren kann, bleibt abzuwarten.


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