Karlsruher Jugendstil-Schau feiert die Frau als Göttin

Karlsruhe (cl) – Göttin, Femme Fatale, Naturwesen: Die neue Jugendstil-Schau des Badischen Landesmuseums beleuchtet ab Samstag das Frauenbild in der Kunst um 1900. Rund 200 Exponate sind zu sehen.

Die Erfindung der Femme Fatale: Lenbachs Gemälde „Schlangenkönigin“ und Munchs skandalöses Madonnen-Bild, umrahmt von göttlichen Jugendstil-Statuetten, in der neuen Ausstellung des Badischen Landesmuseums.  Foto: Thomas Viering

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Die Erfindung der Femme Fatale: Lenbachs Gemälde „Schlangenkönigin“ und Munchs skandalöses Madonnen-Bild, umrahmt von göttlichen Jugendstil-Statuetten, in der neuen Ausstellung des Badischen Landesmuseums. Foto: Thomas Viering

Der Jugendstil war ein Neuanfang in der Kunst, um den Historismus mit seinen pluralistischen Stilen vergangener Jahrhunderte hinwegzufegen. Bei der Weltausstellung 1900 in Paris wurde der moderne Stil en vogue. Ornamentales Liniengeflecht im Dekor verband sich mit technischer Konstruktion. Bereits an den Eingängen zu den neuen Metroschächten ließ die florale Ornamentik der gußeisernen Einstiege die Gegensätze erkennen, aus denen diese Kunstrichtung entsprang, die in Deutschland als Jugendstil vollendet wurde.

In Karlsruhe hat sich der neue Stil in der Architektur an zahlreichen Fassaden recht schnell ausgewirkt. Ganze Stadtviertel sind aus dem Fächer heraus entstanden – und in Baden-Baden der Kunsthallen-Neubau des Karlsruher Architekten Hermann Billing genauso wie Max Laeugers Gönneranlage.

Am Beginn des 20. Jahrhundert war die Welt im Wandel: Industrialisierung, Technisierung und damit einhergehend das wachsende bürgerliche Selbstverständnis, beförderten ein modernes Menschenbild. Auch das Frauenbild wandelte sich. Während Frauen ins Berufsleben vordrangen, schufen Künstler – und auch Künstlerinnen – dieser Zeit ein vielschichtiges Bild der Frau: verführerisch, beschwingt, mystisch überhöht, selbstbewusst.

Die neue Ausstellung „Göttinnen des Jugendstils“ im Badischen Landesmuseum Karlsruhe stellt das gesellschaftliche Spannungsfeld dar, in dessen Mittelpunkt eine neue Formensprache in der Frauendarstellung der bildenden Kunst und des Kunsthandwerks entwickelt wurde: Sie steht vor allem für den Jugendstil. Die kunst- wie kulturhistorische Schau zeigt das komplexe Thema Weiblichkeit des Jugendstils über drei Säle hinweg im Karlsruher Schloss mit einer Vielzahl wunderhübscher Plastiken und Statuetten, die in dieser Auswahl selten zu sehen ist. Die vom Land Baden-Württemberg extra geförderte Schau ist in Kooperation mit dem Allard Pierson Museum der Universität Amsterdam entstanden, wo sie bereits gezeigt wurde, und schließt das Landesmuseum Braunschweig an. Die umfangreichen Bestände der drei Museen – auch das Badische Landesmuseum hat seine Jugendstil-Sammlung integriert – werden aufgewertet durch Leihgaben internationaler Jugendstil-Kollektionen, etwa der Königlichen Museen in Brüssel und der Staatlichen Kunstsammlung in Dresden. An diesem Samstag öffnet die Präsentation für den Besucher.

Marketingmächtige Künstlerinnen erobern die Bühne

Die weiblichen Figuren des Jugendstils zeigen ein idealisiertes Bild der Frau, als Tugendhafte und als dämonisierte Versuchung, daneben entwickeln sich unschuldige Plakatmädchen und erobern aufstrebende, marketingmächtige Künstlerinnen wie die Schauspielerin Sarah Bernhardt oder die Tänzerin Loïe Fuller die Kunstbühne. Von der Amerikanerin in Paris gibt es in der Ausstellung Originalfilmaufnahmen, auf denen die Ausdruckstänzerin mit wallenden Röcken in Wellenbewegungen die Jugendstilornamentik nachzeichnet, eine wirkmächtige Show, die die ganze Lebendigkeit und befreiende Gestik in einer ansonsten streng regulierten Zeit versinnbildlich.

Der Jugendstil und der Tanz gehen Hand in Hand, Fullers Formensprache wird zur Inspirationsquelle. Am Beispiel von drei kleinen Porzellantänzerinnen des belgischen Bildhauers Agathon Léonard, Teil eines Tafelaufsatzes, ist zu sehen, wie Dynamik, Rhythmik und Bewegungsstil Fullers ins Kunsthandwerk eingeflossen sind. Fliegende Ärmel an den Gewändern und der geschwungene Schal beschreiben das florale Ornament, das seine höchste Blüte in der Frühzeit des Jugendstils erlebt.

Stilprägender Maler der holden Weiblichkeit ist der in Paris wirkende Tscheche Alfons Mucha, der die naturmystische Büste „La Nature“ für die Pariser Weltausstellung geschaffen hat. Die Naturgöttin, eine versilberte und vergoldete Bronzebüste aus der Karlsruher Sammlung, steht am Eingang der Jugendstil-Schau. Vis à vis die ersten drei Jahrgänge der Münchner Zeitschrift „Jugend“, die der Kunstrichtung den Namen gab und auf ihren Titelseiten die weiterentwickelten Ausdrucksformen darstellte. Muchas vierteilige Lithografie-Serie „Vier Blumen“ mit verführerisch posierenden Frühlingsmädchen in pastelligen Tönen zeigt, wie der Jugendstil die Schönheit feiert, die mit wallendem Haar mit der Natur verschmilzt.

Alfons Muchas „La Nature“ ist stilbildend

In München hat der Porträtist und Jugendstilmaler Franz von Lenbach die Femme fatale hinzugefügt, wie Gustav Klimt in Wien (von ihm ist nur ein Weißblech-Relief zu sehen). Während das jugendstilaffine Bürgertum die verführerische Frauendarstellung des Münchner Malerfürsten Lenbach begeistert aufgenommen hat, avancierte die in der Schau daneben hängende laszive Munch-„Madonna“ (samt Knabe mit Totengesicht, umrahmt von Spermien) zum Skandalbild der damaligen Zeit. Der Tafelaufsatz „Tourbillon“ von Max Blondat versinnbildlicht die Männermordende als Wassernymphe, in deren ausladendem Faltenwurf wie in einem Strudel drei Männer ertrinken; die Kleinplastik wurde einst auch als Pokal für die Wasserballer-WM vergeben.

In der Jugendstilbewegung dominierten ursprünglich Maler, die bald zum Kunsthandwerk übergingen. Die Künstler hatten bereits den Drang zum Gesamtkunstwerk, wie es das Bauhaus später aufgriff – wollten die Kluft zwischen Kunst und Gesellschaft überwinden und mit einem Kunstwerk in den Alltag hineinwirken. So ist Schmuck von Jugendstil-Stars wie René Lalique oder korsettfreie Mode zu sehen. Mit der Plakatkunst und der beginnenden Massenproduktion drangen die Künstler in den Werbemarkt vor: Nymphen warben für Sekt, moderne Frauen für die Tabakindustrie, die im Badischen groß war. Neben der Extravaganz und der Dekadenz dieser Zeit gab es auch das einfache Leben, die Religiosität und den Rückzug ins Regionale, mit Trachtendarstellungen und Kachelkunst.

Am Ende wird die Bühne den wahren Göttinnen – der Schauspiellegende Sarah Bernhardt und der Tänzerin Lois Fuller bereitet – und vor allem vielen vergessenen Künstlerinnen, die zum Jugendstil Ikonisches beitrugen, wie die Wienerin Jutta Sika, deren Kaffeeservice (1901) bereits ans Bauhaus erinnert. Die Schau läuft bis 19. Juni 2022, auch über die Weihnachtstage soll sie geöffnet bleiben unter den üblichen Pandemie-Regelungen. Ein Katalog (208 Seiten, 25,90 Euro) ist im wbg-Theiss-Verlag erschienen.

Ihr Autor

BT-Redakteurin Christiane Lenhardt

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Erstellt:
15. Dezember 2021, 18:30 Uhr
Lesedauer:
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