Katholische Kirche: Immer im Fluss

Baden-Baden (kli) – Von der Krise der katholischen Kirche ist überall die Rede. Der Münsteraner Kirchenhistoriker Hubert Wolf hätte da ein paar Ideen. Von Papst Franziskus ist er enttäuscht.

„Die Tradition ist ein lebendiger Strom“: Hubert Wolf.    Foto: Catrin Moritz

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„Die Tradition ist ein lebendiger Strom“: Hubert Wolf. Foto: Catrin Moritz

Dass sich die katholische Kirche in einer tiefen Krise befindet, würde niemand bestreiten. Der in Münster lehrende Kirchenhistoriker Hubert Wolf findet, es gebe erprobte Wege aus der Krise heraus. Und findet dafür Beispiele aus der 2.000-jährigen Kirchengeschichte.

Der Theologe Wolf hat neulich für Aufsehen gesorgt, als er in den Archiven des Vatikans auf rund 15.000 Bittschriften von Juden aus ganz Europa stieß, die sich wegen ihrer Verfolgung durch die Nationalsozialisten hilfesuchend an Papst Pius XII. wandten.

Wolf gehört auch zu den deutschsprachigen Theologen, die gegen das vom Vatikan erlassene Segnungsverbot für homosexuelle Paare protestiert haben. Und er hat jüngst mit „Der Unfehlbare“ ein Buch über Papst Pius IX. geschrieben. Das ist jener Papst, der beim Ersten Vatikanischen Konzil 1869/70 das Unfehlbarkeitsdogma eingesetzt und damit aus Sicht Wolfs die katholische Kirche neu erfunden hat.

Die Französische Revolution

Damals sei die Kirche in einer existenziellen Krise gewesen, die Französische Revolution habe sie in die Enge getrieben. Den Rest erledigte Pius IX. selber – im Zusammenspiel mit den Hardlinern. Es war der Todesstoß für die bis dahin herrschende Weite des Katholizismus, sagt Wolf.

Was gibt Wolf in der heutigen Kirchenkrise Hoffnung? „Die Tradition ist ein lebendiger Strom, den man nicht stilllegen kann“, sagt der 61-Jährige. Man müsse alle Traditionen, alle Alternativmodelle auf den Tisch legen. Alle Reformen, über die man heute spreche, seien darin enthalten.

Wolf erinnert an Pius XII. (Papst von 1939 bis 1958): Dieser habe 1947 eine wesentliche Änderung eingeführt. Bis dahin seien bei der Priesterweihe Kelch und Hostienschale (Patene) an die Neupriester übergeben worden. Pius XII. änderte das 1947: Von nun an ist nicht mehr die Übergabe der Geräte, sondern allein die Handauflegung des Bischofs für die Priesterweihe wesentlich. „Pius hat die Lehre der Kirche geändert. Und zwar mit dem Argument, die Kirche ändere Gesetze, wenn es notwendig ist“. Wenn schon ein Element der Priesterweihe geändert werde, was könne dann noch alles geändert werden?, fragt Wolf. „Pius XII. kann uns da ein Lehrer sein“, findet er.

Die vier Evangelien

Vielfalt in der katholischen Kirche? Aber ja, meint Wolf. „Einen Einheits-Katholizismus hat es nie gegeben“, sagt er. Vor 1789 sei der Katholizismus vielgestaltig gewesen. Und zwar von Anfang an. Schon die vier Evangelien widersprechen sich. Gilt nur Markus? Oder nur Johannes? Nein – Katholizismus sei von vornherein mehrdeutig.

Was bedeutet das für die Forderungen der Reformer heute? Wolf sagt: Alles war schon mal da, warum sollte es nicht wiederkommen? Der Zölibat? Darüber brauche man gar nicht erst zu reden; Wolf macht einen Haken dran, denn: „In der Tradition gibt es verheiratete Priester, zum Beispiel in der unierten Ostkirche aus der Ukraine. Diese Priester haben alle priesterlichen Funktionen.“

Wolf hält auch Diakoninnen für kein Problem, denn auch diese habe es bereits gegeben. Die Priesterinnenweihe selbst lasse sich zwar in der Kirchengeschichte nicht finden, „aber es gibt in der Tradition legitime Transformationsprozesse.“

„Inszenierung der Einfachheit“

Was hält Wolf vom aktuellen Papst Franziskus? „Auf ganzer Linie enttäuschend“, urteilt er. „Diese Inszenierung der Einfachheit. Aber wann entscheidet er mal was?“ Bei der Amazonas-Synode 2019 habe sich die Mehrzahl der Bischöfe für verheiratete Priester ausgesprochen. Franziskus aber habe die Forderung nicht aufgenommen. „Wie ernst ist es ihm mit der Synodalität, wenn er diese Forderung nicht aufnimmt?“

Die Umwelt-Enzyklika des Papstes („Laudato Si“) sei begeisternd. Dort argumentiere Franziskus, man höre den Naturwissenschaftlern zu und ziehe Schlüsse daraus. „Macht der Papst das beim Thema Homosexualität auch? Erst mal den Wissenschaften zuhören?“

Wolf plädiert für katholische Weite. „Kardinäle gibt es im Neuen Testament nicht. Sie sind irgendwann erfunden worden. Vielleicht verschwinden sie auch mal wieder“, mutmaßt er provozierend. Jesus habe auch keine Diakone eingesetzt. „Aber die Apostel sagten: Wir brauchen dieses neue Amt, also haben sie es geschaffen.“ Veränderungen gab es also immer.

Reformprozess ohne Kompetenzen

Den aktuellen Reformprozess der deutschen Kirche sieht er hingegen kritisch. „Diesen Druck von unten, den habe ich schon dreimal erlebt“, sagt er: 1970, 2010 und jetzt wieder. „Warum gehen die Laien den Angeboten der Hierarchie immer wieder auf den Leim?“ Der jetzige „Synodale Weg“ habe keinerlei Kompetenzen. Wolf hätte eine nationale Synode mit klaren Kompetenzen vorgezogen.

Insgesamt sieht er die Kirchengeschichte so reich an Alternativen. Man müsse die vielen Konzepte wahrnehmen und sehen, wie sie zum Teil über Jahrhunderte gelebt worden seien. „Das ist ein Schatz. Im Katholizismus gibt es keine Enge.“ Niemand solle dem anderen den Katholizismus absprechen – wenn es doch schon Widersprüchlichkeiten in den Evangelien gebe.

Wolf lobt die jüdische Überlieferung: Im Talmud stehe der Haupttext in der Mitte und daneben stünden Minderheitsüberlieferungen als Kommentare. „Sie tradieren die unterlegenen Positionen gleich mit. Damit man sich auf sie stützen kann, wenn ihre Stunde kommt.“

Man könne vom jüdischen Umgang mit Texten lernen. „Auch in der katholischen Kirche gibt es Minderheitenpositionen. Vielleicht schlägt ihre Stunde heute?“

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Erstellt:
18. Juli 2021, 09:00 Uhr
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