Katie Melua: „Lieder sind wie Zeitmaschinen“

Baden-Baden/London (km) – Katie Melua spricht im Interview mit BT-Redakteurin Kathrin Maurer über ihr neustes musikalisches Werk „Album No. 8“.

Für Katie Melua ist Musik ein Formwandler – wie ein Geist eines vergangenen Augenblicks. Foto: Rosie Matheson

© Fotos: Rosie Matheson

Für Katie Melua ist Musik ein Formwandler – wie ein Geist eines vergangenen Augenblicks. Foto: Rosie Matheson

Herzerwärmende Songs über die eine große Liebe fürs Leben – noch vor Jahren war dies genau das musikalische Genre Katie Meluas. Persönliche Veränderungen haben nicht nur die Sichtweisen der 36-jährigen Musikerin verändert – auch musikalisch hat sie sich längst weiterentwickelt, was das neue „Album No. 8“ der Britin mit georgischen Wurzeln beweist.

In welche Momente sich Melua mithilfe der Zeitmaschine Musik gerne zurückbeamt, welche Pflanze sinnbildlich für Problemlösungen steht und warum sie sich selbst als Streberin bezeichnet, hat sie im Gespräch mit Kathrin Maurer verraten.

Interview

BT: Katie Melua, im Song „Leaving the Mountain“ geht es um die Vergänglichkeit emotionaler Momente, die neben all der Euphorie auch immer mit einem Schmerz einhergehen. Ist ein Song der Versuch, ein bestimmtes Erlebnis zu konservieren?

Katie Melua: Auf jeden Fall! Ich habe überlegt, was ich mit meinen Songs transportieren möchte – denn sie können alles sein, jegliche emotionale Form annehmen. Diese spezielle Erinnerung, um die es in diesem Song geht, bedeutet mir wirklich sehr viel. Zum einen die magische Natur, die uns umgab, dann die innige Beziehung zu meinem Vater, diese gemeinsame Zeit in den Bergen und vieles mehr. Das alles kam zusammen und ergab einen ganz besonderen Cocktail in jenem Moment. Lieder sind wie Zeitmaschinen, wie Geister vergangener Empfindungen, die immer wiederkehren. Als gäbe es eine Kathedrale aus Musik, in der besondere Erlebnisse für immer lebendig bleiben.

BT: Hinter Ihnen liegt eine emotional turbulente Zeit – kürzlich zerbrach Ihre Ehe mit dem Motorradrennfahrer James Toseland. Wie kommt es, dass Ihr neues Album ganz schlicht „Album No. 8“ heißt?

Melua: Eine gescheiterte Beziehung bringt natürlich Komplikationen und emotionale Wellen mit sich. Aber sowohl als Mensch als auch in meiner Arbeit war es mir wichtig, diesen Abschnitt mit Würde und Ehre zu meistern. Wir sind schließlich erwachsen und es geht auch um die Erkenntnis, dass eine Liebesbeziehung enden kann. Ich wollte mit meiner Musik einen ruhigen Blick auf die aufwühlende Zeit werfen, aus einer neutralen Perspektive heraus – ohne mich und meine Emotionen in den Vordergrund zu stellen. Mit einem spezifischeren Titel hätte ich bereits einiges vom Inhalt vorweggenommen. Das wollte ich nicht. Es ist mein achtes Album und soll für sich selbst stehen. Es soll auf das erste Album verweisen und trotzdem deutlich machen, wo ich heute musikalisch stehe.

Inspiration für das Leben und die Musik erfährt die Musikerin hauptsächlich in der Natur: „Jedes Ende ist ein Anfang, jeder Anfang ein Ende.“ Foto: Rosie Matheson

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Inspiration für das Leben und die Musik erfährt die Musikerin hauptsächlich in der Natur: „Jedes Ende ist ein Anfang, jeder Anfang ein Ende.“ Foto: Rosie Matheson

BT: Gehört es generell zu Ihrer Persönlichkeit, Konflikten mit Würde, Ruhe und Ehre zu begegnen?

Melua: Ich denke, wir sollten dies zumindest immer versuchen. Natürlich sind wir geprägt durch unser Umfeld, unsere Erziehung. Aber ich bin sicher, dass es möglich ist, jegliche Art der Konversation mit Menschen friedvoll und respektvoll zu führen – wenn man es nur möchte.

BT: Vergleicht man einige Ihrer großen Hits wie „The closest Thing to crazy“ mit „A Love like that“ auf Ihrem neusten Werk, erweckt es den Eindruck, zwei völlig unterschiedliche Sichtweisen über die Liebe zu erfahren. Erstere romantisch-naiv über die eine Liebe des Lebens, die zweite hingegen stellt sich die Frage, ob Liebesbeziehungen nicht doch immer ein Ablaufdatum haben. Woran glauben Sie?

Melua: Ich nehme mir auch hier gerne die Natur als Beispiel, das mache ich auch in meinem Song „Remind me to forget“. Wie die Natur durchleben auch wir Menschen Zyklen – auch in der Liebe. Es muss Platz für beide Vorstellungen sein, die naive, niemals endende, wie die kurze, intensive – denn es ist einfach die Wahrheit. Es gibt kein Schwarz oder Weiß.

Dahlie steht für die Wende zum Schönen

BT: Was genau offenbart Ihnen die Natur in diesem Zusammenhang?

Melua: Eine Jahreszeit ist so, die andere so. Es ist ein immerwährender Wechsel, niemals Stillstand. Jedes Ende ist ein Anfang, jeder Anfang ein Ende. Fast alle meine Sichtweisen sind von der Natur inspiriert, sie liefert uns ständig Antworten. Aber ganz besonders die Dahlie: Sie sieht rund zehn Monate aus wie ein hässlicher, zerknautschter Pilz, braun, haarig. Man fragt sich: „Das soll eine schöne Blume werden“?! Doch wird sie gut gepflegt, verwandelt sie sich sie im September, Oktober in eine der schönsten Blumen überhaupt. So schaue ich auf alles, was mir Kummer oder Probleme macht – das Schreiben oder auch Zwischenmenschliches – Dinge können eine ganze Weile ziemlich hässlich oder wenig vielversprechend sein, es lohnt sich jedoch, daran zu glauben, dass trotzdem etwas Schönes entstehen wird.

BT: In „Heading Home“ entführen Sie die Hörer in die Straßen Ihres Heimatlandes Georgien. Können Sie uns mit wenigen Worten dorthin mitnehmen?

Melua: Die georgische Stadt Tiflis hat sehr steile Straßen, wunderschöne alte italienisch-inspirierte Häuser, manche aus Holz, mit wunderschönen hölzernen Balkonen. Es leben viele Künstler und Musiker dort, und es duftet nach dem wunderbaren Lavash-Brot, das an jeder Ecke gebacken wird. Ich gehe mindestens zwei bis dreimal im Jahr nach Georgien, um meine Familie zu besuchen. In meiner Brust pocht ein großes georgisches Herz.

Teilt mit „Album No. 8“ einen neuen Blick auf das Leben und die Liebe: Katie Melua. Foto: Bmg Rights Management/Warner

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Teilt mit „Album No. 8“ einen neuen Blick auf das Leben und die Liebe: Katie Melua. Foto: Bmg Rights Management/Warner

BT: Bei diesem Album haben Sie sich vorgenommen, alle Texte selbst zu schreiben – und haben dafür kurzerhand einen Kurs für Kurzbelletristik an der Londoner Faber Academy belegt. Hat es Sie weitergebracht, Textformen zu analysieren?

Melua: Ich bin eine echte Streberin, ich liebe das Lernen. Wenn mein Gehirn kein Futter bekommt, fühle ich mich nicht wohl. Es hat mir so viel gebracht. In meiner Branche wird leider nicht sehr viel über die Technik des Songwritings gesprochen, dabei gibt es sie. Ich liebe es, die Theorie hinter Dingen zu erforschen.

BT: Nun ist das neue Album veröffentlicht, aber Sie können es nicht vor Live-Publikum präsentieren. Wie gehen Sie um mit den Corona-Beschränkungen?

Melua: Es ist natürlich ein Albtraum für die Kunst und Kultur. Wir freuen uns schon so sehr darauf, es in einer besonderen Art zu präsentieren. Gerade laufen die Planungen, ich kann leider noch nicht mehr verraten. Wir sollten nie vergessen: Bei allem Schlechten gibt uns diese Situation auch die Chance, aus allen Mustern auszubrechen, neu und kreativ zu denken und noch unbeschrittene Wege zu begehen.

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Erstellt:
6. November 2020, 21:30 Uhr
Lesedauer:
ca. 4min 12sec

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