Kaum Plätze für die Kleinsten

Rastatt/Baden-Baden (for) – Die Verschiebung des Einschulungsstichtags verstärkt die Betreuungsengpässe in den Kitas. Rund 41.000 zusätzliche Fachkräfte werden bis 2030 im Südwesten benötigt.

Alleine in Baden-Württemberg werden bis 2030 rund 41.000 zusätzliche Fachkräfte für die Betreuung von Kindern bis zum Schuleintritt benötigt. Foto: Christian Charisius/dpa

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Alleine in Baden-Württemberg werden bis 2030 rund 41.000 zusätzliche Fachkräfte für die Betreuung von Kindern bis zum Schuleintritt benötigt. Foto: Christian Charisius/dpa

Rund 41.000 zusätzliche Fachkräfte benötigt Baden-Württemberg laut einer Bertelsmann-Studie bis 2030 für die Betreuung von Kindern bis zum Schuleintritt. Viele Kreise stehen bereits heute vor der Herausforderung, den Rechtsanspruch auf Betreuung zu erfüllen. Die Vorverlegung des Einschulungsstichtags für sogenannte „Kann-Kinder“ bringt das Fass vielerorts zum Überlaufen.

„Kitas sind am Limit“

„Die Kitas sind am Limit“, warnt der Kommunalverband für Jugend- und Soziales (KVJS) Baden-Württemberg. Der Mangel an Erziehern sei zwar schon seit Jahren ein Problem, jetzt kämen Kindertagesbetreuungen aber vermehrt an ihre Belastungsgrenzen. Als Gründe dafür nennt der KVJS zum einen den Rechtsanspruch auf Betreuung für Kinder ab einem Jahr, zum anderen aber auch die Auswirkungen der Corona-Pandemie und nicht zuletzt die schrittweise Vorverlegung des Einschulungsstichtags. Träger aus Mittelbaden sprechen ebenfalls von einer „extrem erschöpfenden Situation“, wie etwa Christoph Rukavina-Gruner, stellvertretender Fachgebietsleiter Kita-Beratung und Kindertagespflege der Stadt Baden-Baden, gegenüber dem BT sagt.

Wie wirkt sich der Erziehermangel auf die Region aus?

Auch in Baden-Baden werde „grundlegend“ nach Fachkräften gesucht – vor allem mit dem Hintergrund des erforderlichen Kita-Ausbaus. Heike Dießelberg, Pressesprecherin der Stadt Rastatt, die ebenfalls als Träger agiert, berichtet von einer ähnlichen Situation. Unter anderem durch Wegzug, Elternzeit, Eintritt in den Ruhestand oder Erweiterung der Kitas seien immer wieder Stellen zu besetzen. „Der größte Teil des Personalbedarfs wird durch eine große Anzahl in den städtischen Kindertageseinrichtungen ausgebildeter pädagogischer Fachkräfte gedeckt“, sagt sie. Die übrigen freien Stellen könnten in der Regel durch Initiativbewerbungen besetzt werden. Aber: „Da nicht nur in Baden-Württemberg, sondern in ganz Deutschland viele Tausend pädagogische Fachkräfte fehlen, konkurrieren die Träger zunehmend auf dem Markt.“ Auch Harald Gütle, stellvertretender Dienststellenleiter bei der katholischen Verrechnungsstelle Bühl, weiß aus eigenen Erfahrungen: „Land auf, Land ab werden von jedem Träger permanent Erzieher gesucht.“ Derzeit seien unter seiner Trägerschaft 13 Stellen im pädagogischen Bereich ausgeschrieben.

Pandemie für viele„psychisch belastend“

Welche Auswirkungen hat die Corona-Pandemie auf die aktuelle Lage in den Kitas?

„Die Pandemie zehrt an den Kräften aller Beteiligten“, sagt Rukavina-Gruner. Der lange Zeitraum mit immer wieder neuen Regelungen sei vor allem für Erzieher, aber natürlich auch für Familien und deren Kinder erschöpfend. Anstrengend sei vor allem, dass Vorgaben oft sehr kurzfristig von Landes- und Bundesbehörden verkündet werden, merkt Dießelberg an. Hinzu komme die Tatsache, dass pädagogische Fachkräfte täglich in engem Kontakt mit den nicht geimpften Kindern sind. „Für viele Mitarbeitenden in den Kitas ist das derzeit psychisch sehr belastend“, so Dießelberg. Immerhin könnten durch engmaschige und wirksame Testungen wie Pool-Tests Infektionscluster derzeit vermieden werden, meint Rukavina-Gruner. Ausfälle durch Krankheit oder Quarantäne hielten sich dadurch noch in Grenzen, so Gütle. Allerdings habe die Pflicht zur Kohortenbildung im vergangenen Jahr zu erheblichen Schwierigkeiten geführt, „da wir unser Personal – gerade in den Randzeiten – nicht flexibel einsetzen konnten.“

Wie wirkt sich der Personalmangel auf die Einhaltung der Betreuungszeiten aus?

Betreuungszeiten müssen reduziert werden

Der KVJS gibt einen Mindestpersonalschlüssel vor. Grundlage sind die Anwesenheitszeiten der Kinder. Wird der Schlüssel mittelfristig unterschritten, da Personal fehlt, müssen die Öffnungszeiten soweit reduziert werden, bis der Personalschlüssel wieder eingehalten werden kann. Der KVJS berichtet bereits von Einrichtungen, die aufgrund der Corona-Pandemie schon so stark belastet sind, dass zum Teil Betreuungszeiten reduziert werden mussten. Auch in Rastatt mussten die Öffnungszeiten der städtischen Kindertageseinrichtungen vor einigen Jahren krankheitsbedingt während einer Grippewelle und nun auch während der Corona-Pandemie für wenige Tage reduziert werden, berichtet Dießelberg. In der Kurstadt konnte der Einrichtungsbetrieb kreisweit bisher ohne größere Einschränkungen in der Betreuungszeit aufrechterhalten werden“, meint Rukavina-Gruner. „In den städtischen Einrichtungen in eigener Trägerschaft können wir den Mindestpersonalschlüssel und damit auch die Öffnungszeiten momentan gewährleisten“, fügt er hinzu.

Was hat es mit der Vorverlegung des Einschulungsstichtags auf sich?

Das Kultusministerium hat im Jahr 2018 eine schrittweise Vorverlegung des Einschulungsstichtags vom 30. September auf den 30. Juni beschlossen, beginnend ab dem Schuljahr 2020/2021. Damit sind Kinder, die das sechste Lebensjahr erst nach dem Stichtag vollenden, noch nicht schulpflichtig. Das heißt, Eltern können selbst entscheiden, ob diese Kinder noch ein weiteres Jahr die Kindertageseinrichtung besuchen. Geplant war, die Verlegung des Stichtags in drei Schritten, jeweils ein Monat pro Jahr über einen Gesamtzeitraum von drei Jahren, zu vollziehen. Dementsprechend soll der Stichtag für das Schuljahr 2022/2023 nun im letzten Schritt vom 31. Juli auf den 30. Juni vorverlegt werden.

Was bedeutet das für die Kindertagesstätten?

Dadurch, dass viele Kinder aufgrund der Vorverlegung des Einschulungsstichtags nun noch ein Jahr länger im Kindergarten bleiben, werden zusätzliche Betreuungsplätze gebraucht. „Das vom Kultusministerium ohne Abstimmung mit Stadt- und Landkreisen beschlossene Vorhaben setzt die Einrichtungen zusätzlich unter Druck“, kritisiert Rukavina-Gruner und fügt hinzu: „In Baden-Baden wird das durch weitere rund 30 Kinder pro Jahr mit Betreuungsbedarf deutlich.“ Dießelberg spricht von einer ähnlichen Situation. So fehlen laut dem Kindergartenbedarfsplan 2021 der Stadt Rastatt zum Ende des Planungszeitraums, im Kindergartenjahr 2023/24, weiterhin etwa 230 Plätze. „Diese besondere Zuspitzung des Fehlbedarfs resultiert auch aus der Entscheidung des Landes, den Einschulungsstichtag zu verlegen, was insgesamt einen zusätzlichen Bedarf von rund 150 Plätzen auslöst“, teilt Dießelberg weiter mit.

Landesweit würden bis zu 9.000 Kita-Plätze benötigt, wenn der Stichtag um einen weiteren Geburtsmonat vorverlegt würde. Das geht aus einer aktuellen Prognose des KVSJ hervor.

Forderung: Stichtag nicht vorverlegen

Wie reagieren Vertreter auf diese Problematik?

Der Landesjugendhilfeausschuss appelliert angesichts der angespannten Situation in den Kindertagesstätten an die Landesregierung, die für das Schuljahr 2022/2023 beabsichtigte Vorverlegung des Einschulungsstichtags vom 31. Juli auf den 30. Juni auszusetzen. Dem Ausschuss gehören Mitglieder des KVJS, des Städtetags, Landkreistags, Gemeindetags, der Stadt- und Landkreise sowie Vertreter der freien Jugendhilfe und Jugendarbeit an. „Da die Vorbereitungen auf die Schule bereits anlaufen, müssen die Kinder bald in die Grundschulvorbereitung aufgenommen werden“, sagt KVJS-Verbandsdirektorin Kristin Schwarz. „Der Landesjugendhilfeausschuss hält einen Aufschub dennoch für unabdingbar. Natürlich werden wir die Gründe transparent kommunizieren und Eltern betroffener Kinder (Geburtsmonat Juli 2016) mit ins Boot holen. Kinder, die noch nicht schulreif sind, können bei Bedarf natürlich weiter in der Kindertagesbetreuung bleiben.“ Rukavina-Gruner begrüßt diesen Appell, laut Dießelberg kommt er aber zu spät. Zwar hätte eine Aussetzung die Lage entschärfen können, jetzt hätten sich Eltern und Kinder allerdings schon auf den 30. Juni als Stichtag eingestellt, sagt sie.


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