Kehler BSW braucht so viel Strom wie alle Kölner

Von BNN-Redakteur Dirk Neubauer

Kehl (BNN) – Die Badische Stahlwerke GmbH (BSW) in Kehl hat die enormen Kostensteigerungen für Energie wieder im Griff. Sie haben sie an die Kunden aus der Baubranche weitergegeben.

Kehler BSW braucht so viel Strom wie alle Kölner

Riesiger Stromverbrauch: Die Badische Stahlwerke GmbH in Kehl gehört zu Deutschlands größten Stahlproduzenten. Sie bringt in ihren zwei Öfen Schrott mithilfe von Strom zum Schmelzen. Foto: BSW

Deshalb sind auch die zwei Elektroöfen wieder im Normalbetrieb. Nach Beginn des Ukraine-Krieges war einer der beiden Kolosse rund sechs Wochen lang immer wieder abgeschaltet. Das sagt Geschäftsführer Markus Menges im Gespräch mit dieser Zeitung.

Die Kehler haben einen riesigen Strombedarf. „Wir verbrauchen so viel Strom wie 300.000 Drei-Personen-Haushalte“, sagt Menges – also fast so viel, wie alle Kölnerinnen und Kölner benötigen. Die BSW GmbH bringt Schrott in ihren Öfen mit Hilfe von Strom zum Schmelzen. Sie stellte im vergangenen Jahr rund 2,1 Millionen Tonnen Stahl für die Baubranche her. Zum Vergleich: In ganz Deutschland wurden laut Wirtschaftsvereinigung Stahl knapp 40,1 Millionen Tonnen Rohstahl hergestellt. Für Stahl aus Deutschland stehen also nicht nur Konzerne wie Thyssenkrupp, ArcelorMittal oder Salzgitter, sondern auch die Kehler BSW. Sie haben in Deutschland einen sicheren Platz in der Top Ten.

Generell ein Geschäft mit Preisflexibilität

Stark schwankende Einkaufspreise ist die BSW GmbH gewohnt – normalerweise beim Schrott. Deshalb legt das Unternehmen gegenüber seinen Kunden traditionell Wert auf Preisflexibilität. Die Möglichkeit, Preise rasch erhöhen und senken zu können, habe sich nun bei der Energiekosen-Explosion bewährt, so Menges.

Die BSW GmbH kauft Strom auf dem Termin- und Spotmarkt ein, wurde aber wie fast alle energieintensiven Unternehmen von dem Kriegseffekt überrascht. Menges sagt, dass sich zwischen 2020 und 2022 der Börsenpreis für Strom versechsfacht hat, der für Gas verzehnfacht.

Auch Gas brauchen die Kehler reichlich: In die Öfen selbst kommt als Zutat Gas. Aus dem Stahlwerk kommen sogenannte Stahlknüppel. Diese werden mit Gas im Wärmeofen aufgeheizt, damit sie im Walzwerk bearbeitet werden können. „Bei einem Gasembargo wäre der Ofen aus“, warnt Menges im wahrsten Sinne des Wortes. „Und der Bau steht dann auch. Dann haben wir ein richtiges Problem.“

Dieses wirtschaftliche Schreckensszenario lässt der Manager einmal außen vor, wenn er sagt: „Unsere Geschäfte laufen aktuell gut. Persönlich bin ich der Meinung, dass wir eine Delle kriegen.“ Wann und in welchem Umfang, das sei schwer zu sagen. Zum Hintergrund: Die Baubranche boomt bekanntlich vor allem in Deutschland, wo die BSW GmbH rund 50 Prozent ihres Gesamtumsatzes erzielt. Doch durch steigende Zinsen, Lieferkettenprobleme und Preissteigerungen dürften die enormen Zuwachsraten beim Wohnungs- und beim Gewerbebau vorbei sein. Hoffnung schöpft Menges beim Staat. Mit dessen Bauaufträgen könne er die Konjunktur antizyklisch stützen.

Die Kehler Unternehmensgruppe – zu der BSW gehört – beschäftigt an ihrem namensgebenden Standort 1.400 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Bei der BSW GmbH in Kehl sind es davon 850. Die BSW GmbH erlöste im vergangenen Jahr 1,4 (2020: 0,9) Milliarden Euro. Für dieses Jahr wagt Menges keine Prognose.

Der Krieg in der Ukraine und die folgenden Sanktionen gegen Russland haben in der Branche einiges durcheinandergewirbelt: Vor Putins Angriff haben beide Länder reichlich Erze und Schrott in die EU exportiert, ebenso Stahl als Endprodukt. Stahlwerke in der EU sprangen nach dem Krieg ein. Es gibt zwar einen weltweiten Stahltourismus, aber so rasch konnten weit entfernte Lieferanten in Übersee nicht umschwenken.

Ausreichend grüner Strom erforderlich

Zwei Risiken nennt Menges auf mittel- bis langfristige Sicht: die Strompreise in Zusammenhang mit den Klimaschutzzielen und die Logistik. Hier müsse die Politik die richtigen Weichen stellen.

Anders als klassische Stahlwerke stehen Elektrostahlwerke besser mit der CO2-Bilanz da. „Zwei Drittel in unserem CO2-Rucksack ist der Strom.“ Um die Klimaziele zu erreichen und dabei wirtschaftlich zu bleiben, braucht die BSW GmbH laut Menges ausreichenden, bezahlbaren grünen Strom.“ Er verweist dabei auch aufs Nachbarland Frankreich. „Es hat einen grünen Atomstrom, der günstiger ist.“

Zur Logistik: Hier spielt die Bahn für die Badischen Stahlwerke eine gewichtige Rolle. „Die muss attraktiver werden“, fordert Menges. Die BSW-Produkte verlassen zu zwei Drittel per Bahn und zu einem Drittel per Schiff das Werk. „Der Vater Rhein wird halt unzuverlässiger“, spricht er das häufiger vorkommende Niedrigwasser an. Auch 30 Prozent des Schrotts, den man für die Produktion benötige, werden per Bahn angeliefert. 60 Prozent per Schiff und 10 Prozent per Lkw.

Zu den Chancen, die Menges für die BSW sieht: Technologisch sei man als eines der weltweit führenden Elektrostahlwerke wettbewerbsfähig. Mit neun bundesweit verteilten Standorten für die Weiterverarbeitung pflege man die Nähe zu den Kunden und setze anders als Wettbewerber nicht auf den Großhandel und Einkaufsverbände. Und mit Blick auf die CO2-Herausforderung habe es ein Elektrostahlwerk eben einfacher als ein klassisches Stahlwerk.

Zum Thema:

Die Branche: Die Stahl und Metall verarbeitende Industrie in Deutschland sind 5.000 Betriebe mit 500.000 Beschäftigten und über 80 Milliarden Euro Umsatz.

Furcht vor dem Gasembargo: „Sie Stimmung sinkt von Tag zu Tag. Sollte es zum Gasembargo kommen und daraus weitere Preisanstiege folgen, wird das die Industrieproduktion lahmlegen“, sagt Christian Vietmeyer, Hauptgeschäftsführer des Wirtschaftsverbandes Stahl- und Metallverarbeitung (WSM).

Die Prognose: Der WSM senkt seine Produktionsprognose von sieben auf fünf Prozent. Auslöser seien die fallenden Konjunkturzahlen und das aktuelle Krisenszenario.

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