Kein Platz für Suchtkranke

Rastatt (naf) – Das Zentrum für Psychiatrie in Emmendingen nimmt keine Patienten mehr aus dem Landkreis Rastatt oder Stadtkreis Baden-Baden für Alkohol- oder Medikamentenentzüge auf.

Die Psychiatrie in Emmendingen war für viele Alkohol- und Medikamentenabhängige im Umkreis die erste Station auf dem Weg zur Besserung. Foto: Klaus-Dietmar Gabbert/dpa

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Die Psychiatrie in Emmendingen war für viele Alkohol- und Medikamentenabhängige im Umkreis die erste Station auf dem Weg zur Besserung. Foto: Klaus-Dietmar Gabbert/dpa

„Das bedeutet für viele Betroffene aus der Region, dass sie ihre Krankheit schlicht und einfach nicht überleben werden“, sagt der Leiter der Fachstelle Sucht in Rastatt und Baden-Baden, Wolfgang Langer.

Seit über 20 Jahren seien Patienten aus Stadt- und Landkreis für einen sogenannten qualifizierten Entzug für bis zu drei Wochen in die Klinik nach Emmendingen überwiesen worden. Wie Langer erklärt, ist neben dem psychischen Entzug auch die körperliche Entgiftung zu Beginn ein Teil der Therapie. Diese sollte nur unter medizinischer Betreuung erfolgen. Der entstehende Mangelzustand könne zu Herz-Kreislauf-Versagen oder Epilepsie führen und sei ohne medizinische Hilfe lebensgefährlich.

Eine körperliche Entgiftung sei zwar auch in allgemeinen Kliniken im Umkreis möglich, allerdings erst, wenn der Patient einen anschließenden Reha-Platz nachweisen kann.

Unentbehrlicher Therapieplatz

Langer erklärt: Wenn er zu einem Notfall gerufen wird, zieht er nach einer ersten Einschätzung gegebenenfalls einen Arzt hinzu, der die betroffene Person schließlich direkt nach Emmendingen verweist. Oft seien das suizidale Fälle, es gehe um Leben und Tod. Menschen in einer psychischen oder anderen gesundheitlichen Notlage seien darauf angewiesen, direkt behandelt zu werden. „Das macht so eine Klinik unentbehrlich“, sagt Langer.

Neben Alkohol- und Medikamentenkranken wurden auch gerontopsychiatrische Patienten, die unter psychischen Erkrankungen im Alter leiden, in Emmendingen behandelt, jährlich rund 500 Fälle. 500 Fälle von denen zumindest die Suchtkranken nun „relativ alternativlos“ zurückbleiben, bedauert Langer.

Klinik seit Jahren überlastet

„Völlig überraschend“ sei die Suchtstelle am 25. Juni mit dem Aufnahmestopp konfrontiert worden. Die Begründung: Die Klinik ist seit Jahren überbelegt und hat deswegen geklagt. Sie hat Recht bekommen und aufgrund dieser Rechtsgrundlage die Aufnahme gestoppt. Die anfallenden Behandlungen sollen von nun an vom Gunzenbachhof und der Achertal-Klink übernommen werden. Realistische Alternativen sind das für Langer jedoch nicht: „Sie sind laufend voll belegt und verfügen nicht über die erforderlichen fachlichen Voraussetzungen.“ Die Begründung, dass es sich bei einer Sucht um eine psychische Krankheit handelt, die deshalb in regelpsychiatrischen Einrichtungen behandelt werden kann, ist für ihn falsch. „Es gibt gute Gründe, warum Kliniken spezielle Suchtstationen haben.“ Der Gunzenbachhof und die Achertal-Klinik haben solche Stationen nicht.

Für Langer ist das ein absoluter „Versorgungsengpass“. Die Klinik sei ein „Bindeglied“ für Menschen in Notlagen gewesen. Durch ihren Aufenthalt seien sie häufig motiviert worden. So wurde der Weg für eine weiterführende Therapie geebnet.

Das Problem müsse nun auf politischer Ebene geklärt werden. Die kommunalen Suchtbeauftragten würden die Sache sehr ernst nehmen und seien diesbezüglich schon tätig geworden, sagt Langer. Auch er hat sich bereits mit einem Brief an das Sozialministerium gewendet. Dieser endet mit der Bitte, die Versorgungslücke zu schließen, „andernfalls wird dies mit Sicherheit zahlreiche Menschenleben kosten.“

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Erstellt:
7. Juli 2020, 07:30 Uhr
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