„Kein Schüler wechselt die Straßenseite“

Gernsbach (ham) – Joachim Schneider wird heute offiziell in Gernsbach im kleinen Rahmen verabschiedet. Die Dienstzeit des Rektors endet am 31. Juli. Der 69-Jährige hat die Realschule vorangebracht.

Ein für ihn besonders wichtiges Projekt hat Rektor Joachim Schneider erfolgreich in seiner freiwilligen Dienst-„Verlängerung“ abgeschlossen: Die moderne Mensa. Foto: Metz

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Ein für ihn besonders wichtiges Projekt hat Rektor Joachim Schneider erfolgreich in seiner freiwilligen Dienst-„Verlängerung“ abgeschlossen: Die moderne Mensa. Foto: Metz

„Nein!“, widerspricht Joachim Schneider energisch. Corona hat dem Rektor der Realschule Gernsbach nicht etwa einen geruhsamen Abschied in den Ruhestand verdorben. „Das waren die spannendsten vier Monate meiner Schulzeit: voller Herausforderungen und krass“, unterstreicht der 69-Jährige – und das will etwas heißen nach einer Rekordzeit von einem halben Jahrhundert im öffentlichen Dienst.

Schwamm drüber, dass dadurch seine offizielle Verabschiedung heute am Bachgarten im kleinen Rahmen erfolgt. Gewohnt unprätentiös begnügt sich Schneider mit einem Kreis von zehn Personen in der Mensa. Dass die Veranstaltung in der Stadthalle mit all den anderen Schulleitern und Kollegen abgesagt werden musste, nimmt er gelassen hin: „Es wäre schön gewesen, wenn ich alle hätte einladen können, die meine Jahrzehnte geprägt haben – aber so ist es eben.“ Immerhin konnte das der Muggensturmer CDU-Gemeinderat das zu einem Scherz mit seiner Parteikollegin Sylvia Felder nutzen. Eigentlich sei kein Platz mehr frei für sie, meinte er augenzwinkernd – aber die Regierungspräsidentin zählt natürlich heute zu dem Mini-Kontingent der Gratulanten.

„Verlängerung im Rentenalter“

Eigentlich hätte Schneider auch schon längst verabschiedet sein können, statt bis Ende nächster Woche umtriebig zu bleiben. Angesichts der offenen Baustellen an der Realschule – im wahrsten Sinne des Wortes – und mangels Nachfolger blieb er über das Rentenalter hinaus am Ruder, um die teure Sanierung voranzutreiben. „Es hat sich gelohnt, dass ich die Zeit dran hängte. Wir haben ein sehenswertes Projekt erstellt“, fühlt sich der Schulleiter in seinem „Kampf um die Mensa“ bestätigt und freut sich, dass er dem neuen Chef Marcus Mössner (siehe „Zum Thema“) zusammen mit dem Kollegium den Einstieg erleichtert. Schließlich muss die klamme Kommune die Sanierung der Schule trotz des Einnahme-Einbruchs durch Corona weiter forcieren, um bis 2023 den üppigen Zuschuss von 45 Prozent zu erhalten. „Zuletzt wurden die Prüfarbeiten für die Fassade gemacht“, berichtet Schneider vom Fortschritt.

Corona hat auch nicht nur Mühsal bereitet, sondern durchaus Schwung beschert, betont der Schulleiter, „die „Effektivität in den halb so großen Klassen hat enorm zugenommen. Das empfanden die Schüler auch überwiegend.“ Zudem sei „schön, dass wir jetzt in das Digitalisierungszeitalter starten können, wenn die Stadt die Aufträge bis zu den Sommerferien vergibt“, schreibt er der Kommune ins Stammbuch. Das Feld ist somit bestellt. „Keiner kann nun sagen: Ätsch, er biegt jetzt unverrichteter Dinge ab. Die positive Entwicklung der Realschule ist unumkehrbar.“

Als der Konrektor der Realschule in Kuppenheim am 19. Januar 2009 murgaufwärts wechselte, war diese aber kaum abzusehen. „Der Ruf und der Zustand waren so, dass man Tränen in die Augen hätte kriegen können – ich fühlte mich damals wie ein Feuerspringer in Kanada“, bekennt der Muggensturmer im Rückblick und schüttelt den Kopf bei dem Gedanken an die Zeit vor elfeinhalb Jahren. Heute dagegen besitze die Realschule in Gernsbach ein „gutes Standing“. Mit der Ganztagsschule und der Berufsausbildungsmesse sei man die Einzigen „weit und breit. Es passiert ganz viel. Ich würde sagen, dass bei uns eine gute Stimmung herrscht“, nennt die Frohnatur einen Grund für den Wandel. Das gelte trotz der „gestiegenen Verhaltensauffälligkeiten der Schüler. Die haben aber nichts mit der Schule zu tun, sondern sind ein Gesellschaftsproblem“, weiß der Pädagoge und betont, dass Vergehen „konsequent verfolgt werden, um Mitschülern ein klares Signal zu geben. Das funktioniert.“

Abschiedsbrief von Fünftklässlerin

Wichtig ist Schneider seine „Mitarbeiter wertzuschätzen – die danken es auch mit Leistung“. Die hat der Muggensturmer im öffentlichen Dienst ab Oktober 1969 erbracht. Damals heuerte er als Zeitsoldat bei der Bundeswehr an, um danach 1971 an der PH in Heidelberg sein Studium in Angriff zu nehmen. Als Lehrer fing er an der Carl-Netter-Realschule in Bühl an, um ab 1993 das Amt als Konrektor in Kuppenheim zu übernehmen. Mancher Lehrer ist bereits nach 25 Jahren ausgebrannt – wie hat es Schneider dank seines Frühstarts und der „Verlängerung“ im Rentenalter überhaupt geschafft, doppelt so lange die Freude am Beruf zu erhalten? „Mich nerven Kinder und Schüler nie. Zudem darf man nicht alles so an sich heranlassen und braucht einen guten Zirkel um sich. Als Rektor bist du außerdem weniger an der Front und hast gegenüber den Schülern eine andere Position“, weiß der 69-Jährige um seine bevorzugte Stellung.

Dass die Schüler ihren „Direx“ durchaus „vermissen“ werden, glaubt Schneider fest. „Erst vor zwei Tagen drückte mir eine Fünftklässlerin verschämt einen Abschiedsbrief in die Hand“, zeigt er sich gerührt und geht davon aus, dass es mit den jetzigen Gernsbacher Eleven so wird wie mit den zahllosen früheren Absolventen in seinen Klassen: „Wenn mich alte Schüler sehen, wechseln sie nicht die Straßenseite und reden mit mir.“ Das verleiht persönlich Rückenwind – apropos: Den kann Schneider im Unruhestand gut gebrauchen, mutiert der Rektor doch selbst wieder zum Schüler und will „Segeln lernen“.


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