„Kein Stein ist auf dem anderen geblieben“

Baden-Baden (vo) – Bei der Grenke AG dauert ein Jahr nach der Shortseller-Attacke deren Aufarbeitung an. Es wurden viele strukturelle und personelle Konsequenzen gezogen.

Vor einem Jahr wurde dem Leasingunternehmen Grenke AG von Fraser Perring über seine Analyse-Firma Viceroy Research Bilanzfälschung, Geldwäsche und Betrug vorgeworfen. Foto: Uli Deck/dpa

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Vor einem Jahr wurde dem Leasingunternehmen Grenke AG von Fraser Perring über seine Analyse-Firma Viceroy Research Bilanzfälschung, Geldwäsche und Betrug vorgeworfen. Foto: Uli Deck/dpa

Es war der 14. September 2020, der Tag, der das damalige Vorzeigeunternehmen Grenke AG in den Grundfesten erschütterte: Von einem zweiten Fall Wirecard war die Rede, als der britische Leerverkäufer Fraser Perring über seine Analyse-Firma Viceroy Research eine erste Attacke auf den Baden-Badener Leasingspezialisten startete.

In einem mehr als 60 Seiten umfassenden Bericht warf er der Grenke-Gruppe, die ihr Geld unter anderem mit der Vermietung von Büroausstattung und IT-Ausrüstung verdient, Bilanzfälschung, Geldwäsche und Betrug vor. Gleichzeitig setzte der Investor mit geliehenen Aktien auf einen Kurssturz – und dies mit durchschlagendem Erfolg.

Ein Jahr später sind die hohen Wellen, die der damalige Angriff schlug, zwar weitgehend verebbt, aber ausgestanden ist die Sache für den Mittelständler aus der Kurstadt längst nicht. Er leidet nach wie vor an den Folgen der Shortseller-Attacke und muss gleichzeitig die Corona-Pandemie verkraften. Die Zukunft des Unternehmens bleibt ungewiss, wenngleich die Firmenzentrale momentan positive Signale sendet. „Kein Stein ist auf dem anderen geblieben“, umschrieb Finanzchef Sebastian Hirsch jüngst die vergangenen zwölf Monate mit der Aufarbeitung der Geschehnisse. Allerdings: Mit einem Fall Wirecard und dessen Dimension war und ist Grenke nicht vergleichbar. Das Unternehmen ist von den schwersten Perring-Vorwürfen inzwischen entlastet.

Ein Überblick:

Fraser Perring/Viceroy: Die Methoden des knallharten Briten sind bisweilen umstritten, weil er von fallenden Börsenkursen bei Unternehmen lebt, die er zuvor wegen angeblicher Missstände selbst angeprangert hat. Doch unbestritten ist auch, dass Perring zu den ersten gehörte, die Zweifel am Geschäftsmodell von Wirecard hatten. 2016 warf er dem Zahlungsdienstleister betrügerische Machenschaften und Bilanzfälschung vor. Die zuständigen deutschen Behörden waren damals noch im Tiefschlaf. Es folgten weitere kritische Studien zum Zahlungsdienstleister, bis endlich Ermittlungen aufgenommen wurden.
Auch beim Möbelhändler Steinhoff war Perring involviert, deckte dort eine Bilanzfälschung auf, die das Unternehmen schließlich einräumen musste – Perring machte beim Kurssturz kräftig Kasse. Als der Brite 2018 dem Fernsehkonzern ProSieben/Sat1 ebenfalls Bilanzfälschung vorwarf, erwies sich dies als haltlos. Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) ermittelte daraufhin gegen ihn und andere Shortseller wegen des Verdachts der Kursmanipulation. Doch Perring bleibt weiter am Ball. Erst im Juni attackierte Viceroy Research das Unternehmen Reconnaissance Energy Africa, eine börsennotierte kanadische Öl-Explorationsfirma. Dort haben auch viele deutsche Kleinanleger investiert.

Grenke-Geschäftsmodell: Ausgerechnet das Franchise-Geschäft, mit dem Grenke über Jahrzehnte hinweg enorm gewachsen war, geriet durch die Viceroy-Vorwürfe in den Fokus. Konkret ging es dabei um Franchise-Gesellschaften, die oft von ehemaligen Mitarbeitern aufgebaut und später von Grenke aufgekauft wurden. Viele dieser Firmen gehörten zu einer Gesellschaft namens CTP, die dafür aber eine zu hohe Rendite eingestrichen hat, wie eine unabhängige Prüfung ergab. Zudem sei die Bilanzierung dieser Franchise-Unternehmen fehlerhaft gewesen. Das hat Grenke inzwischen korrigiert. Die verbliebenen 16 Gesellschaften sollen bis Mitte 2022 komplett in das Unternehmen integriert werden. Künftig will Grenke das Franchise-System nicht wie bisher weiterführen.

Sonderprüfungen widerlegen Verdacht

Der Verdacht der Bilanzmanipulation und der Geldwäsche wurde indes durch verschiedene unabhängige Sonderprüfungen widerlegt. Auch der Vorwurf Perrings über nicht vorhandene Zahlungsmittel und Bankguthaben erwies sich als falsch.
Auf die von den Prüfern hervorgehobenen Mängel bei der internen Kontrolle hat das Unternehmen mit einem zusätzlichen Vorstandsposten und verbesserten Strukturen reagiert.

Sonderprüfungen: Gleich mehrere Wirtschaftsprüfungsgesellschaften waren mit dem Baden-Badener Unternehmen über Monate hinweg befasst. Grenke selbst beauftragte Warth & Klein Grant Thornton (WKGT) mit der Überprüfung der Franchise-Aktivitäten. Daneben hat die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG ein Sondergutachten zur Substanz des Geschäftes erstellt. Die Bafin wiederum mandatierte die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Mazars. Deren Kritikpunkte betrafen insbesondere die bilanzielle Behandlung der Franchise-Unternehmen, mangelnde Offenlegung von Related Parties sowie Mängel in der Geldwäscheprävention sowie in Teilen des Kundenkreditgeschäfts der Grenke Bank.

Firmengründer Wolfgang Grenke hat 43 Jahre lang maßgeblich die Geschicke des Konzerns bestimmt. Foto: Bernd Opitz

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Firmengründer Wolfgang Grenke hat 43 Jahre lang maßgeblich die Geschicke des Konzerns bestimmt. Foto: Bernd Opitz

Wolfgang Grenke: Zunächst schweigt der Firmengründer zur Shortsteller-Attacke, gibt dann aber nach einer Woche bekannt, dass er sein Amt als Aufsichtsrat des Konzerns sowie der Grenke Bank AG ruhen lassen wolle, bis die Vorwürfe zu Interessenskonflikten vollständig ausgeräumt seien. In der Folge äußert sich Grenke dann mehrfach zu den Anschuldigungen. Unter anderem weist er den Vorwurf zurück, Verluste von Franchise-Firmen, die Grenke übernommen habe, würden in der Bilanz versteckt. Umstritten bleibt jedoch seine Rolle als mittelbarer Gesellschafter der CTP-Handels- und Beteiligungs GmbH.
Als wichtiges Signal nach außen wird indes gewertet, dass die Unternehmerfamilie erklärt, unverändert an ihrer Beteiligung an der Grenke AG festzuhalten. Die Familie ist über eine eigene Holding, die Grenke Beteiligungs GmbH & Co. KG, an dem Finanzdienstleister beteiligt. Sie kontrolliert 40,84 Prozent der Anteile und will diesen Anteil auch langfristig behalten.
Im Vorfeld der Hauptversammlung Ende Juli verabschiedete sich der Firmengründer schließlich von den Aktionären. „Ich wünsche der Grenke AG ein ruhigeres Fahrwasser und dass sie ihr einzigartiges, erfolgreiches Geschäftsmodell auf andere Weise fortsetzen kann“, sagte der 70-Jährige in einer Video-Botschaft. Rund 43 Jahre lang hatte Grenke maßgeblich die Geschicke des Konzerns bestimmt.

Vorstand: Die personellen Konsequenzen, die aus der Krise resultieren, sind weitreichend. Mitten in der Sonderprüfung schied der für die Bilanzierung zuständige Vorstand Mark Kindermann im Februar aus dem Unternehmen. Er verantwortete unter anderem das umstrittene Franchise-System. Doch es kam noch dicker: Mitte Juni gab Grenke bekannt, dass Vorstandschefin Antje Leminsky das Unternehmen zum Monatsende „aus persönlichen Gründen“ verlassen werde. Ihr Vertrag wäre eigentlich noch bis 2023 gelaufen. „Die Grenke AG ist resilient und die wesentlichen Voraussetzungen für eine nachhaltige Vertrauensbasis unserer Investoren, Kunden und Mitarbeiter sind geschaffen“, sagte Leminsky zu ihrem Abschied. Sie war 2017 Grenke als Vorstandsvorsitzende gefolgt.

Personelle Änderungen durch die Krise

Parallel zum Abschied Leminskys präsentierte der Aufsichtsrat einen Nachfolger: Michael Bücker, zuletzt im Vorstand der Bayern-LB, übernahm zeitnah zum 1. August. „Die Historie und der starke Kern des Geschäftsmodells sind für mich absolut überzeugend. Auf dieser Basis mit dem gesamten Team das Unternehmen mit seinen internen Strukturen fit zu machen für die nächsten Wachstumsschritte: Das sehe ich als meine wichtigste Aufgabe an“, sagt Bücker vor seinem Amtsantritt.
Der neue Chef kann dabei auf Unterstützung eines Chief Risk Officers (CRO) bauen. Zu Jahresbeginn war diese neu geschaffene Position mit Isabel Rösler besetzt worden. Die Wirtschaftsprüferin und Steuerberaterin verantwortet interne Kontrollfunktionen wie Risikocontrolling, Compliance, Datenschutz und Geldwäscheprävention. Außerdem erhielt Sebastian Hirsch als Finanzvorstand mehr Kompetenzen und übernahm vorübergehend Aufgaben des Vorstandsvorsitzenden.

Grenke Bank: 2009 erwarb Grenke eine Banklizenz durch den Kauf der ehemaligen Privatbank Hesse Newman Bank. Die dadurch entstandene Grenke-Bank war lange Zeit ein wichtiges Finanzierungsinstrument für die AG. Im Zuge der Anschuldigungen und nachfolgenden Prüfungen geriet sie jedoch in den Fokus der Sonderprüfer. Das hatte personelle Konsequenzen. Zum 1. August schied der für den Markt zuständige Vorstand Andreas Schulz aus. Seine Aufgaben übernahm der Diplom-Wirtschaftsmathematiker Helge Kramer (54), zuletzt Vorstand der Frankfurter Bankgesellschaft Deutschland AG. Ein Nachfolger für den für die Marktfolge zuständigen Vorstand Sven Noppes, dessen Vertrag zum 31. Dezember 2021 endet, soll noch im vierten Quartal bestellt werden.

Aufsichtsrat: Auch im Kontrollgremium hat die Krise personelle Veränderungen zur Folge. Nicht nur Firmengründer Wolfgang Grenke gab sein Mandat ab. Auch Claudia Krcmar und Florian Schulte schieden auf eigenen Wunsch aus. Als Nachfolger wurden von der Hauptversammlung Norbert Freisleben, Diplom-Ökonom, sowie Dr. Konstantin Mettenheimer, Rechtsanwalt und Steuerberater, gewählt. Für Wolfgang Grenke rückt der Kölner Rechtsanwalt Nils Kröber in den Aufsichtsrat nach. Der Steuerrechtler hat Grenke jahrelang beraten und gilt als Vertrauensanwalt des Unternehmensgründers. Aufsichtsratschef bleibt Ernst-Moritz Lipp. Auch er hatte zunächst zu den Vorwürfen geschwiegen, Wolfgang Grenke später aber in einem Interview kritisiert und sich im Februar in einem offenen Brief an die Investoren mit der Bitte um Vertrauen gewandt.

Aktienkurs: Nach dem Shortseller-Angriff brach der Kurs der damals noch im M-DAX notierten Grenke-Aktie im September 2020 innerhalb von zwei Tagen dramatisch um nahezu 60 Prozent ein. Nach dem Tiefststand von 25,50 Euro dümpelt die Aktie seit Längerem zwischen 30 und knapp 38 Euro – wobei die Tendenz nach aktuellen Analysten-Bewertungen wieder positiv ist. Allerdings musste Grenke den M-DAX im Zuge des Kursverfalls verlassen. Nach einer verspäteten Vorlage der Jahresbilanz 2020 verlor die Aktie sogar vorübergehend ihren Platz im S-DAX, wo sie inzwischen aber wieder notiert ist.

Michael Bücker folgte im August als Vorstandsvorsitzer auf Antje Leminsky. Foto: Bernd Opitz

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Michael Bücker folgte im August als Vorstandsvorsitzer auf Antje Leminsky. Foto: Bernd Opitz

Perspektiven: Unterm Strich hat Grenke einen Großteil der Beanstandungen der Prüfer abgearbeitet. Die wesentlichen Vorwürfe von Fraser Perring haben sich als nicht richtig erwiesen. Nach anfänglicher Zurückhaltung bei Stellungnahmen und offensichtlichen Fehlern in der Kommunikation zeigt das Unternehmen inzwischen deutlich mehr Transparenz. Der neue Vorstandsvorsitzende Michael Bücker kündigte für sein Amt als Ziel an, wieder Ruhe, Sicherheit und Perspektive in die Organisation zu bringen. Zudem wolle er ein hohes Niveau der internen Kontrollfunktionen dauerhaft verankern. „Ich will Grenke wieder zur alten Stärke zurückführen und wenn möglich ein Quäntchen obendrauf legen“, sagte er.
Auch bei den Geschäftszahlen scheint Grenke auf dem richtigen Weg. Zuletzt hob der Vorstand die Gewinnprognose für 2021 an. Nach Steuern erwartet man nun einen Konzerngewinn zwischen 60 und 80 Millionen Euro (zuvor 50 bis 70 Mio.). Zudem hat die Prüfungsgesellschaft KPMG den Jahres- und Konzernabschluss 2020 zwar verspätet, aber uneingeschränkt testiert. Unwägbarkeiten ergeben sich vor allem aus der weiteren Entwicklung von Corona und dessen wirtschaftlichen Folgen. Noch offen ist schließlich die Frage, ob das Unternehmen und/oder sein Gründer rechtlich gegen Fraser Perrings vorgehen werden. Aufsichtsratschef Lipp bezeichnete dessen Bericht über Grenke jüngst bei der Aktionärsversammlung als „verleumderisch“. Und neben dem Schaden, den der Ruf des Unternehmens genommen hat, sind allein durch die drei Sonderprüfungen Kosten in Millionenhöhe angefallen.

Ihr Autor

Jürgen Volz

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Erstellt:
13. September 2021, 08:35 Uhr
Lesedauer:
ca. 5min 54sec

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