Keine Blase über dem Tellplatz

Ötigheim (manu) – Bei den Volksschauspielen engagieren sich beileibe nicht nur Ötigheimer. Das Interesse am Theaterverein in der Region ist groß.

Eine ortsfremde Familie für die Volksschauspiele: Eva Kraft, Steffen Alles und Helen Kraft (von rechts). Foto: Manuela Behrendt

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Eine ortsfremde Familie für die Volksschauspiele: Eva Kraft, Steffen Alles und Helen Kraft (von rechts). Foto: Manuela Behrendt

Dürfen bei den Volksschauspielen (VSÖ) nur Ötigheimer mitmachen? Diese Frage steht im Zusammenhang mit Pfarrer Josef Saiers Absicht, mit der Gründung des Volksschauspiels vor 115 Jahren der Ötigheimer Jugend und dem Dorf eine sinnstiftende Freizeitgestaltung zu bieten. Längst ist die rein ortsbezogene Blase geplatzt. Viele Auswärtige fühlen sich im Theaterverein daheim.
Der geografische Rahmen für die 684 Aktiven erstreckt sich von Ludwigshafen im Norden bis nach Durbach im Süden. Mit 361 Etjern beträgt die Mehrheit der VSÖ’ler immer noch 53 Prozent. Aus der direkten Nachbarschaft mit einem Anfahrtsweg von weniger als zehn Kilometern kommen 216 Aktive auf den Tellplatz. Eine Wegstrecke von unter 20 Kilometern legen 39 Mitglieder zurück. Rund 30 Kilometer bis nach Ötigheim fahren 52 Aktive, jenseits der Dreißigermarke sind 16 Tellplätzler zu Hause.

Fern dieser Statistik gilt: „Wenn man offen ist und möchte, ist man als Auswärtiger hier schnell drin.“ So empfindet es Steffen Alles aus Bischweier. Im Jahr 2013 fuhr er in Begleitung eines Korbs mit heißem Tee, einer Tasse sowie einer Decke vor die Tore des VSÖ-Spielereingangs, um die wärmenden Utensilien seiner Nachbarin Eva Kraft zu bringen. Die saß während eines „Heidi“-Durchlaufs frierend im Auditorium, denn ihr Sohn Colin probte auf der Bühne. Mittlerweile gehören Eva und Steffen zum neu aufgestellten Spielbetriebsteam, „weil das der spannendste Bereich überhaupt ist; hier laufen alle Fäden zusammen; man sieht, wie viel Arbeit in einer Produktion steckt.“ Im September 2020 heiratete das Paar, gefeiert wurde mit 35 Gästen im VSÖ-Backstage-Gelände.

Ganze Familie dabei

Auslöser für die VSÖ-Leidenschaft der Familie war Colin Kraft. Als Siebenjähriger sang er 2010 im Oberweierer Schulchor. „So richtig Spaß hatte er aber nicht“, sagt Eva. Im BT las die Mama damals, dass der VSÖ-Kinderchor neue Mitstreiter suchte. „Das war genau das Richtige für Colin.“ Im Ensembleverbund war er in „Peter Pan“ (2011/12) dabei, sechs Jahre später spielte er Mogli im Familienmusical „Das Dschungelbuch“. Da für minderjährige Tellplätzler ein Erziehungsberechtigter als Aufsichtsperson anwesend sein muss, war die Mama stets dabei –und auch Schwester Helen, die nicht allein zu Hause rumsitzen wollte.

Das hatte Folgen. Mutter und Tochter landeten 2012 in der Statisterie im Drama „Der Glöckner von Notre Dame“. Helen sagt: „Komparsin zu sein, ist klasse; man steht ja nicht nur dumm rum, sondern hat stumm agierend richtig viel zu tun.“ Nachdem sie als Statistin in der Operette „Der Vogelhändler“ (2018) am Start war, nahm Helen Kurse bei Jugendcoach Sebastian Kreutz. Eva singt seit 2013 im Jungen Chor, fing vollends Feuer für die VSÖ, als sie bei der Operette „Schwarzwaldmädel“ (2013/14) mitwirkte. Derweil machte sich Steffen als helfende Hand hinter den Kulissen nützlich. „Es gab immer etwas zu tun“, berichtet er. Die Familie ist nun in der Komödie „Das Haus in Montevideo“ dabei. Steffen ist der Apotheker, Eva spielt das Hausmädchen Martha und übernimmt zudem die Regieassistenz. Helen ist als Carmencita zu sehen. Colin gibt Herbert, den Freund der ältesten Nägler-Tochter.


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