Keine klare Linie bei Einlassregelungen

Baden-Baden (rud) – Veranstalter in Baden-Württemberg können zwischen 2-G- und 3-G-Regel entscheiden. Das Festspielhaus und das Theater in Baden-Baden setzen vorerst noch auf die 3-G-Regel.

Das Festspielhaus Baden-Baden wird zunächst weiter auf 3G setzen, schließt eine 2G-Regelung in Zukunft aber nicht aus. Foto: Uli Deck/dpa

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Das Festspielhaus Baden-Baden wird zunächst weiter auf 3G setzen, schließt eine 2G-Regelung in Zukunft aber nicht aus. Foto: Uli Deck/dpa

Die Begrüßung erfolgt mit Handschlag, von Masken keine Spur. Der Kabarettist Matthias Deutschmann hat zur 2-G-Pressekonferenz im kleinen Kreis in den Freiburger Humboldtsaal eingeladen. Nach der Kontrolle des Impfnachweises erscheint das Leben im 5. Stock hoch über den Dächern Freiburgs wieder so normal wie vor der Pandemie. Keine Abstandsmarkierungen, kein Desinfektionsgel an den Händen, keine beschlagene Brille.

Matthias Deutschmann erzählt von absurden Auftritten in spärlich besetzten Sälen. Und vom seltsamen Gefühl, seine Zuhörer maskiert zu sehen. „Ich hänge mit meinen Emotionen den Leuten im Gesicht!“ Und wenn keine Reaktion komme, dann sei der Austausch zwischen Künstler und Publikum gestört. Deshalb wird Deutschmann sein Programm zum verschobenen Stadtjubiläum am 29. Dezember im Freiburger Konzerthaus nur für Geimpfte und Genesene veranstalten – für ihn ein Zurück zur Normalität. Und wenn sich die Ungeimpften ausgegrenzt fühlten, werde er für sie einen Extra-Abend geben – „und ich mit Maske“, ergänzt er lächelnd. Auch für den Hausherrn Johannes Tolle, Geschäftsführer des Ticketportals Reservix, ist das 2-G-Modell, das mit der neuen Corona-Verordnung nun auch in Baden-Württemberg für Veranstaltungen gewählt werden kann, langfristig der Schlüssel zum Erfolg.

3-G-Regel bietet mehr Planungssicherheit

„Für Veranstalter ist die größte Bedrohung, Kapazitäten wieder runterfahren zu müssen. Dies ist zwangsläufig der Fall, wenn es Infektionen bei Veranstaltungen gibt. Diese sind aber weitestgehend auszuschließen, wenn alle Besucher geimpft sind.“ Auch hätten die Veranstalter durch 2G eine größere Planungssicherheit, falls die Pandemieregeln wieder verschärft werden und Tickets, die für ein 3-G-Konzept gekauft sind, mit behördlich vorgeschriebenem 2G nicht mehr gelten würden.

Tolle, dessen Firma rund 7.000 Veranstalter mit unterschiedlichsten Hygiene-Konzepten betreut, berichtet von einem derzeitigen Zuwachs der Ticketbestellungen, nachdem die Monate zuvor nur zurückhaltend gekauft wurde. Das habe neben der langfristigeren Planbarkeit durch 2G auch mit der größeren Sichtbarkeit von Publikum zu tun, beispielsweise durch volle Bundesligastadien.

Die in Stuttgart ansässige Südwestdeutsche Konzertdirektion Erwin Russ hat sich entschieden, ganz auf 2G zu setzen – das betrifft auch die engagierten Künstler. Das Bühnenpersonal, dessen Impfstatus arbeitsrechtlich nicht nachgefragt werden darf, wird mit Masken arbeiten. Sie habe für die Einführung der 2G-Regel heftige Kritik von einigen nicht geimpften Abonnenten bekommen, sagt Geschäftsführerin Michaela Russ, aber der möglichst hohe Schutz des Publikums sei ihr wichtig. Auch die sichere Planbarkeit sei für den nicht subventionierten Veranstalter ein wichtiges Argument gewesen bei der schwierigen Entscheidung.

Das Festspielhaus Baden-Baden wird zunächst weiter auf 3G setzen. „Wir behalten uns jedoch vor, in Zukunft auch die 2-G-Regel anzuwenden, benötigen dafür aber einen gewissen Informationsvorlauf“, sagt Rüdiger Beermann, Direktor Kommunikation und Marketing.

Den 2.500 Plätze fassenden Saal voll belegen durfte das Festspielhaus bereits seit Mitte September, aber auch hier hält sich das Publikum noch deutlich zurück. Aber nun sei bei den Aufführungen des Hamburg Balletts von John Neumeier die Nachfrage angezogen. „Und der Vorverkauf für die Osterfestspiele der Berliner Philharmoniker 2022 läuft sogar besser als vor der Corona-Pandemie“, sagt Beermann. Für die aktuellen Konzerte geht das Festspielhaus von einem mit 500 Plätzen ausgedünnten Saalplan aus, kann aber je nach Nachfrage aufstocken und gesperrte Plätze freigeben. Die Zurückhaltung des Publikums in den vergangenen Wochen hat für ihn mit dem hohen Sicherheitsbedürfnis der Besucher zu tun, aber auch mit der nur kurzfristig angesetzten Werbung.

Publikum oft noch zurückhaltend

Normalerweise bewerben wir ein Jahr im Voraus unsere Konzerte, jetzt sind es sechs bis acht Wochen. Zumal sind unsere Veranstaltungen für viele mit weiten Anreisen und zum Teil auch Übernachtungen verbunden. Das muss langfristig geplant werden.“ Für die Osterfestspiele gebe es aber schon wieder Bestellungen aus Frankreich, Spanien und Italien. „Das Publikum aus Übersee wird aber noch nicht kommen. Gerade in Asien hatten wir vor der Pandemie eine bemerkenswerte Wachstumsrate. Jetzt fangen wir dort wieder bei Null an.“

Auch das Theater Baden-Baden merkt die Zurückhaltung des Publikums. Zu Spielzeitstart bot man ein Drittel der Plätze an, mittlerweile hat man die Kapazität auf die Hälfte erhöht (170 Plätze). Zum Teil mussten die knapp 600 Abonnenten dafür umgesetzt werden. „Wir haben von vielen die Rückmeldung bekommen, dass sie noch nicht Schulter an Schulter sitzen möchten“, sagt Verwaltungsleiterin Marie Luise Leibing.

Im Sommer beim Open-Air-Theater „Was ihr wollt“ dagegen auf dem Marktplatz waren die Vorstellungen ausverkauft. Bislang hat man nur Stücke im Programm, die ohne Pause gespielt werden. Auf Gastronomie wird noch bewusst verzichtet. Ab der nächsten Produktion „Lieber Artur“, die am 12. November Premiere hat, spielt man wieder mit voller Platzbelegung.

Zunächst wird das Theater Baden-Baden bei der 3-G-Regel mit Maskenpflicht bleiben, zumal nun die Erkältungszeit bevorstehe. „Wir sind kein kommerzieller Veranstalter, sondern haben einen kulturpolitischen Auftrag. Unser Theater verstehen wir als Ort der Begegnung und Vermittlung von Kunst und Kultur. Da möchten wir niemanden ausschließen“, sagt Leibing.

Viele Tourneen erneut verschoben

Während Theater und Klassikveranstalter derzeit wieder volle Spielpläne haben, finden im Popbereich nur wenige Konzerte in kleineren Locations statt. Viele für den Herbst geplante Tourneen von großen Bands wie Rammstein oder Die Ärzte wurden wegen der unterschiedlichen Auflagen in den verschiedenen Bundesländern erneut verlegt ins nächste Jahr.

Das Problem: „Im Konzertjahr 2022 wird nicht genügend Publikum da sein, weil durch die verschobenen Tourneen extrem viele Konzerte stattfinden werden. Eine gewisse Normalität erwarte ich erst im übernächsten Jahr“, sagt Marc Oßwald, Geschäftsführer von Vaddi Concerts, der von 3. bis 7. August 2022 erstmals die Schlossfestspiele Rastatt veranstaltet. Für das neu angesetzte Konzert von Nick Cave am 3. August sind schon 60 Prozent der Tickets verkauft.

„Derzeit atmet die ganze Branche ein wenig auf. Auch wir holen unsere Mitarbeiter wieder aus der Kurzarbeit zurück“, sagt Oßwald. Er wird mit Vaddi Concerts, wo es möglich ist, das 2-G-Konzept ohne Maskenpflicht umsetzen, auch zu 2G tendieren. Nur, wenn ein verpflichteter Künstler nicht geimpft sein sollte, würde er wohl auf 3G umstellen müssen. „Bereits verkaufte Karten an Nichtgeimpfte müssen wir bei 2G dann wieder zurücknehmen.“ Es bleibt also für Veranstalter kompliziert.


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