Kinder in Baden-Baden haben Angst

Baden-Baden (kos) – Die Pandemie als „Brennglas“: Immer mehr Kinder und Jugendliche in Baden-Baden kämpfen mit Depressionen und Ängsten. Fachkräfte erklären, wie sich das äußert.

Viele fühlen sich sitzen gelassen: Der Nachwuchs leidet unter seelischen und psychischen Belastungen. Foto: Jens Kalaene/dpa/Symbolfoto

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Viele fühlen sich sitzen gelassen: Der Nachwuchs leidet unter seelischen und psychischen Belastungen. Foto: Jens Kalaene/dpa/Symbolfoto

Mehr als zwei Jahre wütet nun die Corona-Pandemie auf der Welt. Für Kinder und Jugendliche bedeutet das zunehmend seelische und psychische Belastungen. Auch in Baden-Baden zeigt sich, welche Folgen die andauernde Zeit der Einschränkungen für die heranwachsende Generation hat.

„Die Pandemie hat wie ein Brennglas funktioniert“, sagt Karen Siekmann-Tzschaschel, die stellvertretende Leiterin der Psychologischen Beratungsstelle Baden-Baden. Es gebe bei zahlreichen Jugendlichen eine „Zunahme der psychologischen Auffälligkeiten“. Bei Mädchen zwischen zwölf und 17 Jahren etwa habe sie vor allem bei Panikattacken, die auf die Corona-Pandemie zurückgeführt werden könnten, einen deutlichen Anstieg beobachtet. Als weitere psychische Folgen nennt sie etwa Schlafprobleme, soziale Ängste, Niedergeschlagenheit, Antriebslosigkeit, aber auch Depression, Borderline-Syndrom und den sucht-ähnlichen Medienkonsum. Borderline äußere sich als emotional instabile Persönlichkeitsstörung. Außerdem beobachtet Siekmann-Tzschaschel, dass Schüler öfter mehr Angst haben, in die Schule zu gehen. Ihnen falle das soziale Miteinander durch die Zeit in Isolation zunehmend schwerer.

„Wir sehen eine Versorgungslücke“

Die Psychologische Beratungsstelle in Baden-Baden ist zwar für Heranwachsende mit Therapiebedarf eine erste Anlaufstelle. Die spätere Behandlung der Betroffenen liege dann aber in den Händen von Kliniken und Psychologen, sagt Siekmann-Tzschaschel. Das Problem: „Wir sehen eine Versorgungslücke.“ Bundesweit gebe es zu wenig Therapeuten, die sich auf Kinder und Jugendliche spezialisiert haben. Mitunter warte ein Patient bis zu acht Monaten, bevor er die nötige Hilfe erhält.

Den Mangel an Therapeuten unterstreicht auch Franziska Falbesaner, die den Trend für die Psychotherapeutische Klinik am Leisberg in Baden-Baden bestätigt. „Es braucht mehr Anlaufstellen“, betont sie. Mehr als 80 Prozent der Patienten in der Klinik am Leisberg, die eine eigene Abteilung speziell für die Kinder- und Jugendpsychotherapie betreibt, haben ihr zufolge mit Depressionen und Angststörungen zu kämpfen. Das sei zwar schon vor der Pandemie so gewesen, trete jetzt aber zahlenmäßig noch deutlicher zutage.

Das bekräftigt auch Steffen Miller, Leiter des städtischen Fachgebiets Jugend und Familie. Der gestiegene Therapiebedarf sei in Baden-Baden zweifellos gegeben. Bedenklich sei, dass sich Jugendliche zunehmend in sozialen Medien wie Instagram, TikTok oder Facebook isolierten. Sie kapselten sich von der Außenwelt ab. Das verstärke Krankheiten wie Depression und schade der Entwicklung.

„Rückzug in die eigenen vier Wände“

Mit Abstrichen sieht auch Frank Herzberger, beim Baden-Badener Caritasverband für die Jugend- und Sozialarbeit zuständig, erhöhten Beratungsbedarf bei Jugendlichen. Immer wieder habe er Eltern an die Psychologische Beratungsstelle weitergeleitet, erzählt er. Der Grund: Eltern wissen wohl oft nicht, wie sie mit dem teils krankhaften Umgang sozialer Medien ihrer Kinder durch den „Rückzug in die eigenen vier Wände“ umgehen sollen. Einen allzu hohen Therapiebedarf erkennt er aber nicht. Die seelische Belastungsgrenze der Heranwachsenden sei höher, als oft vermutet, betont er.

Dass psychische und körperliche Pandemie-Folgen sich gegenseitig verstärken, erläutert Markus Kratz, Chefarzt der Kinderklinik im Klinikum Mittelbaden. Neben häufigeren Fällen von Long-Covid und „stationär psychosomatischen Krankheitsbildern“ wie Magersucht und Empfindungsstörungen habe er zudem immer mehr Fälle von häuslicher Gewalt beobachtet und behandelt. Durch das Hin und Her zwischen Lockdown, Quarantäne und Lockerungen habe es erhebliche psychische Belastungen in den Familien gegeben. Im Vergleich zur Vor-Corona-Zeit habe er bei Fällen häuslicher Gewalt einen Anstieg bei „mindestens 30 bis 50 Prozent“ beobachtet, so Kratz.

Ihr Autor

BT-Volontär Konstantin Stoll

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Erstellt:
30. April 2022, 06:30 Uhr
Lesedauer:
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