Kinder leiden verstärkt unter Bewegungsmangel

Karlsruhe (ket) – Der Bewegungsmangel von Kindern und Jugendlichen in Corona-Zeiten hat dramatisch zugenommen. Über die Folgen spricht KIT-Professor Alexander Woll im BT-Interview.

Bewegung hat gerade für Kinder eine große Bedeutung. Foto: Ralf Hirschberger/dpa

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Bewegung hat gerade für Kinder eine große Bedeutung. Foto: Ralf Hirschberger/dpa

Der Bewegungsmangel von Kindern und Jugendlichen in Corona-Zeiten hat dramatisch zugenommen. Zum einen ist es während der Pandemie zu drastischen Bewegungseinbrüchen gekommen, zum anderen zu einer deutlichen Gewichtszunahme. Dies sind unter anderem die Erkenntnisse einer Studie von Prof. Dr. Alexander Woll, dem Leiter des Instituts für Sport und Sportwissenschaft am Karlsruher Institut für Technologie (KIT). BT-Redakteur Frank Ketterer sprach mit dem Sportwissenschaftler.

BT: Herr Professor Woll, die Ergebnisse Ihrer jüngsten Studie haben Sie selbst als „tickende Zeitbombe“ beschrieben. Was hat Sie zu dieser doch drastischen Wortwahl veranlasst.
Alexander Woll: Wir haben in der von Ihnen angesprochenen Studie drastische Bewegungseinbrüche bei Kindern und Jugendlichen in der Pandemie festgestellt, die dazu geführt haben, dass sich bei 48 Prozent der von uns Befragten die Fitness im zurückliegenden Jahr verschlechtert hat und es gleichzeitig bei 30 Prozent zu einer doch recht deutlichen Zunahme des Gewichts gekommen ist. Das ist im Kern das, was ich im Hinblick auf die gesundheitliche Zukunft dieser Kinder mit „tickender Zeitbombe“ gemeint habe.

BT: Wen und was haben sie untersucht?
Woll: Wir hatten das Glück, dass wir direkt vor dem ersten Lockdown repräsentativ für Deutschland vier- bis 17-jährige Kinder und Jugendliche untersucht haben – und zwar richtig. Das heißt, die Kinder wurden nicht nur körperlich durchleuchtet, sondern es wurden auch motorische Tests durchgeführt und ihr Aktivitätsverhalten erfasst. Die dabei gewonnenen Daten konnten wir jetzt vergleichen mit zwei Online-Befragungen, die wir beim ersten und zweiten Lockdown durchgeführt haben. An der Untersuchung waren 2.720 Kinder und Jugendliche beteiligt, an den beiden Online-Befragungen jeweils rund 1.700.

Kinder und Jugendliche bewegen sich im Lockdown deutlich weniger. Symbolfoto: Monika Skolimowska/dpa-Zentralbild/dpa/Archiv

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Kinder und Jugendliche bewegen sich im Lockdown deutlich weniger. Symbolfoto: Monika Skolimowska/dpa-Zentralbild/dpa/Archiv

BT: Können Sie das Ergebnis kurz umreißen?
Woll: Sowohl beim ersten als auch beim zweiten Lockdown waren Vereins- und Schulsport zumindest größtenteils auf null runtergefahren. Allerdings hatten wir beim ersten Lockdown schönes Wetter und es gab zudem neue Zeitressourcen, sodass die Kinder mehr draußen waren und ihre Aktivitäten dort deutlich gesteigert haben. Beim zweiten Lockdown ist dann aber auch noch diese unorganisierte körperliche Aktivität ganz stark eingebrochen. Mittlerweile fehlt somit nicht nur der organisierte Sport, also jener in Schule und Verein, sondern auch die körperliche Alltagsaktivität. In beiden Bereichen haben wir einen ganz, ganz starken Rückgang, was dazu geführt hat, dass die Bewegungszeit pro Tag von 144 Minuten im Frühjahr 2020 auf aktuell nur noch 61 Minuten gesunken ist. Damit liegt das Niveau auch unter dem vor der Corona-Pandemie, als sich die Kinder und Jugendlichen etwa 107 Minuten täglich bewegt haben. Die bereits beschriebenen Defizite bezüglich Fitness und Gewicht sind die unmittelbare Folge davon.

BT: Nun ist Bewegungsmangel bei Kindern und Jugendlichen kein prinzipiell neues Problem. Bereits vor Jahren hat die Weltgesundheitsorganisation WHO den Bewegungsmangel unter Kinder und Jugendlichen zur Pandemie des 21. Jahrhunderts erklärt. Sehen Sie das auch so?
Woll: Das ist sicherlich eines der zentralen Gesundheitsprobleme weltweit. Wollte man es positiv formulieren, könnte man auch sagen, Bewegungsmangel ist auch Ausdruck der zunehmenden Zivilisation, fast schon ein Indikator dafür. In den sogenannten Schwellenländern, die gerade auf dem Weg sind, sich gesellschaftlich zu entwickeln – man denke da an China oder Indien – nimmt der Bewegungsmangel ganz stark zu und mit ihm auch die klassischen Zivilisationskrankheiten wie Diabetes. Wenn wir keine körperliche Aktivität mehr brauchen, weil uns die Technik im Alltag alles abnimmt, kann das zum Problem werden. Unser Körper ist immer noch im genetischen Programm des Jägers und Sammlers. Deshalb täten uns zehn Kilometer Bewegung am Tag immer noch sehr gut. Dagegen steht, dass über 90 Prozent unserer Berufe keine stärkere körperliche Anstrengung mehr benötigen. Die Folge ist, dass Bewegung immer mehr aus der Gesellschaft verschwindet – und erst über sportliche Betätigung wieder ins System zurückgebracht wird.

„Das Zeitkorset hat sich verändert“

BT: Dabei muss man feststellen, dass diese Entwicklung mit Corona zunächst einmal nichts zu tun hat.
Woll: Nein. Corona hat die Probleme wie auch in anderen Bereichen lediglich verschärft und sichtbarer gemacht. Es hat wie ein Brandbeschleuniger gewirkt. Krisen sind per se ja Phasen beschleunigter Entwicklung. Das gilt für die negativen ebenso wie für die positiven Aspekte.

BT: Was wäre denn so ein positiver Aspekt?
Woll: Beschleunigt wurde ganz sicher das Thema Digitalisierung, das natürlich auch Auswirkung auf das Bewegungsverhalten hat. Auf der einen Seite – das ist der negative Aspekt – wurden damit die Sitzzeiten der Kinder und Jugendlichen noch weiter erhöht. Der positive Aspekt wiederum ist, dass das Angebot, Jugendliche zu körperlicher Bewegung zu motivieren, deutlich zugenommen hat – und das sowohl quantitativ als auch qualitativ. Auch Vereine entdecken dieses Thema immer mehr für sich – und es können durch die Digitalisierung Zielgruppen erreicht werden, die man analog eher nicht erreicht hätte. Die Krise bietet also auch Chancen. Diese gilt es zu nutzen.

BT: Wie bereits erwähnt, hatte sich die Alltagsaktivität beim ersten Lockdown überraschenderweise erhöht, nämlich von 107 auf 144 Minuten. Wie erklären Sie das?
Woll: Dafür gibt es zwei Erklärungsmuster. Zum einen wurde durch diesen ersten Lockdown entschleunigt. Das System wurde richtig runtergefahren – und damit hat sich auch das Zeitkorsett, auch das der Kinder und Jugendlichen, verändert. Es gab auf einmal weniger Verpflichtungen – womit automatisch mehr frei verfügbare Zeit entstand, die man auch für Bewegung genutzt hat. Allerdings muss man darauf hinweisen, dass schon da nicht nur die Bewegungszeit um etwa eine halbe Stunde hochgegangen ist, sondern auch die Inaktivitätszeit – und zwar um rund eine Stunde pro Tag. Hinzu kam, dass wir im April vergangenen Jahres ein geniales Wetter hatten.

Ein Junge spielt auf einem iPad das Open-World-Computerspiel Minecraft. Foto: Georg Wendt/picture alliance/dpa

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Ein Junge spielt auf einem iPad das Open-World-Computerspiel Minecraft. Foto: Georg Wendt/picture alliance/dpa

BT: Warum ist dieser Effekt nicht auch beim zweiten Lockdown eingetreten?
Woll: Wir haben uns an die Situation angepasst. Die zeitliche Taktung ist mittlerweile wieder fast normal. Dadurch ist das Zeitkorsett wieder viel, viel enger geworden, bei manchen Erwachsenen sogar enger als zuvor. Bei Kindern und Jugendlichen ist das ganz ähnlich. Die Schule hat sich, gerade was Digitalisierung anbelangt, deutlich professionalisiert. Das heißt: Die Unterrichtszeit hat wieder zu- und die Freizeit wieder abgenommen.

BT: Als Folge fiel der Wert der Alltagsaktivität von 107 auf 61 Minuten. Das hört sich dramatisch an.
Woll: Ja. Und es wird durch den Umstand, dass die Bildschirmzeit – wohlgemerkt jene in der Freizeit, nochmals um eine halbe Stunde pro Tag auf insgesamt 222 Minuten gestiegen ist, noch dramatischer. In Verbindung mit dem professionalisierten Homeschooling sitzen die Kinder mittlerweile extrem viel – und extrem viel vor dem Bildschirm. Da hat sich nochmal eine deutliche Verschiebung ergeben.

BT: Welche Rolle spielen bei alledem auch Rahmenbedingungen, die wir nicht im Griff haben wie beispielsweise – Sie haben es bereits erwähnt – das Wetter?
Woll: Ein Teil der Werte ist bestimmt auf das gute Wetter, das wir beim ersten Lockdown hatten, zurückzuführen. Aber es erklärt nicht die großen Unterschiede.

Gewichtszunahme bei 30 Prozent der Kinder

BT: Auch das soziale Umfeld spielt Ihrer Studie zufolge eine Rolle. Welche?
Woll: Am größten ist das Problem in den Innenstädten der Großstädte – und dort in den sogenannten sozialen Brennpunkten, also in Mehrfamilienhäusern mit mehr als sechs Wohneinheiten. Dabei spielen nicht nur die klassischen sozialen Variablen wie Bildung und Einkommen eine Rolle, sondern vor allem die geografische Lage. Kinder, die in Dörfern und Kleinstädten wohnen, sind weniger gefährdet, weil sie näher an offenen Sport- und Bewegungsflächen sind als Innenstadtkinder.

BT: Die Auswirkungen des Bewegungsmangels aufs Gewicht haben Sie bereits angesprochen. Können Sie diesbezüglich Zahlen nennen?
Woll: Bei 30 Prozent der Kinder hat sich das Gewicht im letzten Jahr deutlich erhöht, vor allem bei den Kindern, die zuvor schon übergewichtig waren. Dank unserer Motorik-Modul(MoMo)-Längsschnittstudie, die mit rund 5.000 Kindern und Jugendlichen für Deutschland repräsentativ die Zusammenhänge zwischen körperlich-sportlicher Aktivität, Fitness und Gesundheit analysiert, wissen wir, dass Übergewicht ein relativ stabiles Merkmal ist. Die Wahrscheinlichkeit, dass aus einem übergewichtigen Kind ein übergewichtiger Erwachsener wird, liegt demnach bei 70 Prozent. Das ist auch ein Grund, warum man das Problem möglichst früh angehen sollte, eben weil sich diese Merkmale früh ausprägen und sich dann recht stabil über den weiteren Lebenslauf legen.

„Die Zeitbombe ist noch zu entschärfen“

BT: Welche Auswirkungen von Corona haben sie zudem noch festgestellt?
Woll: Der psychosoziale Stress hat zugenommen. Und auch da ist es so, dass die Kinder, die zuvor schon resilient waren, die also eine gute psychische Gesundheit hatten, besser durch die Krise kommen. Die Krise verschärft also auch hier die Unterschiede.

BT: Was bedeutet das für die gesundheitliche Zukunft dieser Kinder? Was werden die den Rest ihres Lebens mitschleppen müssen?
Woll: Diese Kinder haben schon eine Art Corona-Hypothek zu tragen, gerade im Bereich motorische Entwicklung und Gewichtsentwicklung. Aber, und das darf man nicht unterschätzen, Kinder sind auch hochadaptiv und können sich an Veränderungen, in diesem Fall wäre es die Rückkehr zur Normalität, gut anpassen. Wie ihre Entwicklung letztendlich im Detail aussehen wird, muss also abgewartet werden – und wäre sicher eine neue Studie wert.

BT: Schon heute vorhergesagt werden allerdings ein erhöhtes Risiko für Herzinfarkte und Diabetes.
Woll: Ja. Aber damit machen die Sportverbände gerade aktuell auch Politik. Ich wäre da vorsichtiger und würde sagen: Es könnte sein, aber wir wissen es nicht sicher. Dessen ungeachtet plädiere ich für eine Art Bewegungsförderungspakt an den Schulen. Dort geht es meist nur um Mathe oder Deutsch, aber es kommt das ganze Kind in die Schule – nicht nur der Kopf.

BT: Halten Sie die bereits entstandenen Defizite noch für aufholbar?
Woll: Ja. Auf jeden Fall. Durch entsprechendes Training ist das möglich. Wie gesagt: Kinder sind hochadaptiv. Aber dafür braucht es entsprechende Angebote. Man muss die Kinder abholen, sie dazu einladen. Vielleicht wird daraus dann eine bessere Förderungsstruktur als wir sie jetzt haben. Dann hätten wir aus der Krise sogar etwas gewonnen.

Prof. Dr. Alexander Woll, Institutsleiter Institut für Sport und Sportwissenschaft am KIT. Foto: Anne Behrendt/KIT

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Prof. Dr. Alexander Woll, Institutsleiter Institut für Sport und Sportwissenschaft am KIT. Foto: Anne Behrendt/KIT

BT: Wie könnte das bewerkstelligt werden?
Woll: Das ist sicherlich eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Das geht alle an: Schulen, Gemeinden, Vereine und nicht zuletzt das Elternhaus. Und es bedarf finanzieller Ressourcen sowie effektiver und durchdachter Programme – und zwar auf allen Ebenen der Gesellschaft.

BT: Kann man abschließend sagen: Die Zeitbombe tickt zwar, aber sie ist noch zu entschärfen?
Woll: Ja. Das könnte man so sehen.

Zur Person

Prof. Dr. Alexander Woll ist seit 2012 Leiter des Instituts für Sport und Sportwissenschaft am Karlsruher Institut für Technologie (KIT). Davor, von 2002 bis 2012, war er Professor für Sportwissenschaft an der Universität Konstanz. Seit fast zehn Jahren forscht der 58-Jährige über das Bewegungsverhalten von Kindern und Jugendlichen. Zu den weiteren Schwerpunkten seiner wissenschaftlichen Tätigkeit zählen Wirkungen des Sports im Lebenslauf, Diagnostik und Forschungsmethodologie in den Sozialwissenschaften des Sports sowie die Entwicklung von Sportprogrammen und Konzepten in der Schule, Betrieben, Vereinen und Kommunen.

Ihr Autor

BT-Redakteur Frank Ketterer

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Erstellt:
6. Mai 2021, 14:40 Uhr
Aktualisiert:
6. Mai 2021, 15:07 Uhr
Lesedauer:
ca. 6min 33sec

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