„Kinder sind in besonderem Maße schutzbedürftig“

Rastatt (BT/ema) – Die Debatte um die Umstände der Vernehmung von Kindern im Wintersdorfer Missbrauchsfall geht weiter. Jetzt schaltet sich die Beratungsstelle Feuervogel ein.

Psychischer Druck, Angst, Unsicherheit: Kinder sind als Zeugen im Ermittlungs- und Strafverfahren erheblichen Belastungen ausgesetzt (Symbolfoto). Foto: dpa

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Psychischer Druck, Angst, Unsicherheit: Kinder sind als Zeugen im Ermittlungs- und Strafverfahren erheblichen Belastungen ausgesetzt (Symbolfoto). Foto: dpa

In die Debatte um die Umstände der Vernehmung von Opfern im mutmaßlichen Fall von sexueller Gewalt im Wintersdorfer Kindergarten schaltet sich jetzt die Rastatter Beratungsstelle Feuervogel ein. Der Verein fordert, die Rechte von Kindern als Zeugen zu stärken und stellt damit indirekt auch die Vorgehensweise der Staatsanwaltschaft und der Ermittlungsrichterin infrage.
Bei Feuervogel kann man sich ein umfassendes Bild von den Belastungen machen, die auf den Familien nach Bekanntwerden der Vorwürfe gegen einen früheren 50-jährigen Erzieher lasten. Vor wenigen Tagen erst berichtete Therapeutin Ulrike Fritsch im Kreis-Jugendhilfeausschuss, dass man Eltern in 36 Fällen aus vier Kitas beraten habe.

In einer jetzt veröffentlichten Mitteilung bekennt Ulrike Fritsch zwar, dass sich in den vergangenen 20 Jahren „immens viel“ beim Opferschutz im Strafverfahren getan habe, weil vor allem die Polizei weitaus besser geschult sei. „Die Kinder werden gehört, sie bekommen eine Stimme. Auf entwicklungspsychologische Kenntnisse über die Aussagefähigkeit von Kindern kann zurückgegriffen werden. Besonders kindliche Opferzeugen haben vielfältige Rechte, zum Beispiel eine psychosoziale Prozessbegleitung zu bekommen. Diese kann vom Richter bestellt werden“, erklärt Ulrike Fritsch.

Gleichwohl liege noch manches im Argen, denn kindgerecht seien die Verfahren noch nicht. Strittig ist dabei auch das Glaubwürdigkeitsgutachten, das im Fall Wintersdorf jetzt eine Tübinger Psychiaterin anfertigt, die bei der richterlichen Vernehmung von sieben Kindern anwesend war. Feuervogel bezieht sich auf Prof. Dr. Jörg Fegert von der Universität Ulm, der zu dem Schluss komme, dass die Glaubwürdigkeitsgutachten am besten funktionieren würden, wenn eine einmalige Traumatisierung vorliegt, wenn die Betroffenen möglichst wenig psychopathologisch belastet sind und das Schulalter erreicht ist. Diese Bedingungen liegen in den meisten Fällen von sexueller Gewalt allerdings nicht vor – wie auch im Fall Wintersdorf.

Kinder erheblich belastet

Ulrike Fritsch: „Kinder, die Opfer von Straftaten wurden, sind in besonderem Maße schutz- und hilfebedürftig. Sie erleiden als Folge der Straftat vielfach erhebliche Einbrüche in ihre physische und psychische Stabilität. Darüber hinaus sind sie durch das anschließende Ermittlungs- und Strafverfahren beträchtlichen zusätzlichen Belastungen ausgesetzt. Vernehmungen und Begutachtungen haben für die Kinder weiteren psychischen Druck, erhebliche Angst- und Unsicherheitszustände zur Folge.“

Kritisch sieht Feuervogel, dass Gutachter häufig erst zu einem späten Zeitpunkt hinzugezogen werden, wenn das Kind schon durchschnittlich von sieben unterschiedlichen Stellen befragt worden ist. In der Fachliteratur werde eine unverzügliche Vernehmung insbesondere bei jüngeren Kindern empfohlen, um einem Erinnerungsverlust entgegenzuwirken und die suggestiven Einflüsse zu minimieren.

Laut Fritsch ist für viele Außenstehende bei der Begutachtung auch die „Nullhypothese“ befremdlich. Der Sachverständige geht demnach zunächst davon aus, dass die Aussage des Kinds nicht stimmt. Zur Prüfung der These hat er weitere Hypothesen zu bilden. Ergibt seine Prüfstrategie, dass die Unwahrhypothese mit den erhobenen Fakten nicht mehr übereinstimmt, so wird sie verworfen – die Aussage gilt als wahr.

Feuervogel betont unter Berufung auf ein Urteil des Bundesgerichtshofs, dass ein Gericht nicht unbedingt ein Glaubwürdigkeitsgutachten bestellen muss. „Die Einholung eines aussagepsychologischen Sachverständigengutachtens ist nur dann geboten, wenn der Sachverhalt oder die Person des Zeugen solche Besonderheiten aufweisen, dass Zweifel daran aufkommen können, ob die Sachkunde des Gerichts auch zur Beurteilung der Glaubwürdigkeit unter den gegebenen besonderen Umständen ausreicht.“ In einigen EU-Ländern und deutschen Städten gebe es bereits andere kindgerechtere Verfahren: Ein multidisziplinäres und ressortübergreifendes Team ist bei dem ersten Gespräch mit dem Kind anwesend, Professionelle aus verschiedenen Bereichen arbeiten zusammen, die Gutachter sind gleich beim ersten Gespräch dabei.

Ob der verdächtige Erzieher angeklagt wird, ist noch offen. Die Ermittlungen dauern an; das Glaubwürdigkeitsgutachten liegt noch nicht vor. Sollte der Tatverdächtige nicht verurteilt werden, bedeute das nicht, dass nichts passiert sei, so Feuervogel. Ulrike Fritsch: „Eine Nichtverurteilung bei sehr jungen Kindern erleben wir leider noch zu oft. Für die Betroffenen und deren Angehörige ist das nur schwer auszuhalten. Alle, die gehört haben, was die betroffenen Kinder erzählen und die sehen, wie sich die seelische Belastung der Kinder äußert, können es kaum ertragen, dauernd mit den Zweifeln konfrontiert zu werden, dass doch gar nichts passiert sein könne, denn der Tatverdächtige sei ja freigesprochen.“

Die einfachste Möglichkeit, so Feuervogel, sei es manchmal, wenn der Tatverdächtige ein Geständnis ablege. „Das wäre eine Chance für die Betroffenen, ihr Recht zu bekommen und eine große Hilfe dabei, eine derartige seelische Verletzung zu verarbeiten.“

Der Verdächtige bestreitet indes die Vorwürfe.


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