Kindergartenträger in der Zwickmühle

Rastatt/Durmersheim (sl) – Die schrittweise Öffnung der Kindergärten bei gleichzeitigen Corona-Empfehlungen stellt die Verantwortlichen vor große Aufgaben.

Die Platzkapazitäten in den einzelnen Kindergärten können sehr unterschiedlich ausfallen. In manchen fehlen sechs oder sieben Mitarbeiter. Foto: Monika Skolimowska/dpa

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Die Platzkapazitäten in den einzelnen Kindergärten können sehr unterschiedlich ausfallen. In manchen fehlen sechs oder sieben Mitarbeiter. Foto: Monika Skolimowska/dpa

Seit Montag vergangener Woche gilt die von Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) verkündete schrittweise Erweiterung der Notbetreuung in Kindertageseinrichtungen auf bis zu 50 Prozent der Kapazität. Doch viele Kindergärten der Region öffneten erst ein paar Tage später ihre Pforten auch für Kinder, deren Eltern nicht in der sogenannten kritischen Infrastruktur arbeiten. Zwischen Anspruch und Wirklichkeit fühlen sich manche Verantwortlichen in der Zwickmühle.
Vor allem durch die Kurzfristigkeit der Vorgaben aus Stuttgart sehen sie sich vor große Herausforderungen gestellt – und auch vor den Kopf gestoßen, wie zum Beispiel Bernd Gramlich, als stellvertretender Leiter der katholischen Verrechnungsstelle zuständig für 26 Kindergärten mit 121 Gruppen im Dekanat Rastatt.

Wer darf wieder in den Kindergarten, wer nicht?

Vorrang bei der Betreuung haben weiterhin Kinder, deren Eltern als systemrelevant am Arbeitsplatz unabkömmlich sind, berichtet er. In einigen Einrichtungen ist damit schon die Hälfte der Gruppenplätze belegt und die Obergrenze erreicht. Wo es noch Kapazitäten gibt, entscheiden die jeweiligen Kita-Leitungen darüber, welche Kinder kommen dürfen. Kriterien sind etwa besonderer, zum Beispiel auch sprachlicher Förderbedarf des Kindes, ob es sich um Vorschulkinder handelt oder ob die Eltern im Homeoffice arbeiten und dabei zum Beispiel durch Telefonkonferenzen besonders gefordert sind. Der Elternprotest halte sich bis jetzt in Grenzen, wenn es auch teils Abstimmungsbedarf mit Elternvertretungen gegeben habe. „Aber das ist auch in Ordnung so“, sagt Gramlich. Nun will man sogar während der Pfingstferien Notbetreuung anbieten, aber nur im Fall unbedingter Präsenzpflicht der Eltern am Arbeitsplatz. Doch viele berufstätige Eltern hätten ohnehin Urlaub genommen und sollen ihn auf Wunsch der Arbeitgeber auch abbauen.

Teils angespannte Personalsituation

Gramlich bittet um Verständnis dafür, dass die Platzkapazitäten in den einzelnen Kindergärten sehr unterschiedlich ausfallen können. Das habe zum einen mit dem Raumangebot zu tun, aber gerade auch mit der Personalsituation in der Pandemie. Waren seit deren Beginn über 60-jährige Erzieherinnen und Erzieher freigestellt, gelte dies jetzt zwar nur noch bei Vorerkrankungen und mit einem entsprechenden ärztlichen Attest. Dennoch gebe es Einrichtungen, in denen sechs oder sieben Mitarbeiter fehlen. Zugleich setzte man die Schutzhinweise für die Notfallbetreuung an Kindergärten um: Demnach sollen die Gruppen so klein wie organisatorisch möglich sein, sich während der Betreuungszeit nicht durchmischen, möglichst immer von den gleichen Beschäftigten betreut werden, sich viel im Außengelände aufhalten, wenn möglich getrennte gruppenbezogene Wasch- und Toilettenbereiche nutzen und nach Möglichkeit von Betreuungskräften beaufsichtigt werden, die den Kindern bekannt sind. Das alles sei sinnvoll, sagt Gramlich, erschwere die Sache aber natürlich. Das konkrete Vorgehen werde eng mit den Kommunen abgestimmt.

Dort steht man vor ähnlichen Problemen und ärgert sich gleichfalls über die kurzfristigen Vorgaben aus der Landeshauptstadt. Durmersheims Bürgermeister Andreas Augustin etwa, selbst Vater einer großen Kinderschar, kennt die Nöte von Eltern im Homeoffice aus eigenem Erleben: „Wenn Sie ein wichtiges Telefonat haben mit einem Kind auf dem Schoß und einem, das Klavier spielt, das ist schon nicht ganz leicht“. Er berichtet von teils massiven Beschwerden, die im Rathaus eingingen, als man in Durmersheim dieser Tage die Notbetreuung auf die Zeit bis 14 Uhr beschränken wollte, um eben auch anderen Kindern die Möglichkeit der Betreuung zu geben. Das wurde inzwischen zurückgenommen. Für die Durmersheimer Kinder, die bisher die Notbetreuung besuchten, ändert sich erst mal nichts.

Alle anderen sollen die Möglichkeit bekommen, in einem rollierenden System bis 14 Uhr betreut zu werden. Falls die Kapazität in einzelnen Einrichtungen überschritten ist, entscheidet die jeweilige Leitung, welches Kind kommen darf und welches nicht – im Konfliktfall wandert die Verantwortung zum Bürgermeister. „Bis jetzt kam das aber noch nicht vor, wir hatten Glück“, so Augustin.

Ob das so bleibt, ist indes fraglich, denn Kultusministerin Eisenmann hat angekündigt, dass ab Ende Juni alle Kindergärten wieder in den Normalbetrieb schalten sollen. In der katholischen Verrechnungsstelle hat man das aus einer Pressemitteilung erfahren – wie so vieles in den vergangenen Wochen, berichtet Gramlich, der sich über die Art der Kommunikation ärgert. „Bei den Eltern kommt an, dass die Kinder wieder in den Kindergarten dürfen. Aber wie wir das konkret vor Ort mit unserem Personal umsetzen, das ist uns überlassen.“

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Erstellt:
27. Mai 2020, 21:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 10sec

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