„Kindern Dialekte auszutreiben, ist Blödsinn“

Baden-Baden/Breisach (kli) – „Ranzepfyffe“ statt Bauchweh – Der Dialektologe Hubert Klausmann spricht im BT über die Sprachvielfalt in Baden-Württemberg – und bedrohliche Entwicklungen am Bodensee.

„Neutrales Hochdeutsch gibt es nur auf der Theaterbühne“: Dialektforscher Hubert Klausmann. Foto: Christoph Schmidt/dpa

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„Neutrales Hochdeutsch gibt es nur auf der Theaterbühne“: Dialektforscher Hubert Klausmann. Foto: Christoph Schmidt/dpa

Hubert Klausmann untersucht seit Jahrzehnten die Dialekte in Baden-Württemberg. Der Professor für volkskundliche Dialektologie an der Universität Tübingen hat unter anderem den „Sprachatlas Baden-Württemberg“ herausgegeben. Klausmann ist Leiter der Tübinger Arbeitsstelle Sprache in Südwestdeutschland und zudem Autor vieler Bücher, zum Beispiel über Familiennamen in Baden-Württemberg. Im Interview mit BT-Redakteur Dieter Klink beleuchtet Klausmann die Situation der Dialekte im deutschen Südwesten.

BT: Herr Klausmann, es heißt oft, die Dialekte sterben aus. Stimmt das denn für den deutschen Südwesten?
Hubert Klausmann: Es kommt darauf an, wo man sich befindet. Es gibt drei verschiedene Räume: der erste Raum ist der, wo Dialekt vorhanden ist, vor allem in Gebieten, in denen die Bevölkerung über Jahrzehnte hinweg stabil geblieben ist. Dann gibt es Gebiete mit starkem Regionalanteil, und dann gibt es Ballungszentren, in denen Menschen aus 30, 40 Regionen und Nationen leben, da hat der Dialekt keine Chance mehr. Da hat es auch keinen Sinn mehr, Dialekt zu sprechen. Mit wem soll man da Dialekt sprechen?

BT: Drei Räume also, aber wie sind diese zu gewichten?
Klausmann: Ich möchte immer den ländlichen Raum betonen, weil der oft vergessen wird, wenn man von Großstädten wie Stuttgart, Karlsruhe oder Freiburg aus argumentiert. Baden-Württemberg ist vor allem Land und eben nicht Großstadt. Ich erlebe das im Alltag: Ich habe viele Jahrzehnte in Ellwangen gewohnt, habe dort auch an der Schule unterrichtet, da war der Dialekt total lebendig. Da hat auch niemand eingegriffen. Danach sind wir nach Breisach zurückgezogen, wo ich ursprünglich herkomme, an den Kaiserstuhl. Als wir hierhergezogen sind, haben wir einige Baumaßnahmen gehabt, haben Gewerke richten lassen. Alle Handwerker sprachen Dialekt. Ich war völlig erstaunt, es war wie vor 40 Jahren, als ich die Gegend verlassen habe.

BT: Dass Dialekt auf dem Rückzug ist, stimmt also nicht?
Klausmann: Nein, aber bestimmte lautliche Merkmale gehen verloren, werden in überregionale Merkmale geändert. Zum Beispiel sagt man im Ostschwäbischen für „gern“ „gäre“, für „Horn“ „Hore“, für „Zorn“ „Zore“. Das sind Merkmale, die mit der Zeit abgelegt werden. Jetzt spricht man nur noch von Horn und Zorn, auch wenn die Leute im Dialekt sprechen. Aber es ist immer noch Dialekt. Oder im Fränkischen, wo man das d weglässt in „Kinder“, also „Kinner“, oder „binne“ für „binden“, das bleibt, auch wenn man in einer Regionalsprache spricht. Die Tendenz geht vom ortslokalen hin zu einem regionaleren Dialekt. Das ist bei allen Dialekten der Fall.

BT: Der Eindruck täuscht also nicht, dass man zu einer allgemeinen südwestdeutschen Sprache findet, wo Dialekte sich angleichen und ihre Spezifität verlieren?
Klausmann: Ja, so ist es. Dialekte sind seit Jahrzehnten der Standardsprache ausgesetzt. Das waren sie vorher nicht. Als man vor 100 Jahren in einem Dorf gelebt hat, reichte es aus, wenn man Dialekt geredet hat. Heute ist das nicht mehr der Fall. Es gibt die allgemeine Schulbildung und eine starke Mobilität, räumlich und auch technisch. Diese Mobilität hat dazu geführt, dass die Standardsprache auf den Dialekt einwirkt. Und es gibt noch eine andere Entwicklung.

Die Formen, die in Stuttgart gelten

BT: Welche denn?
Klausmann: Die Stadt strahlt aus. Besonders in Schwaben ist das so, da ist Stuttgart tonangebend. Man übernimmt die Form, die in Stuttgart gilt. In vielen Gegenden in Württemberg sagt man statt „gehen“ „gau“, aber in Stuttgart sagt man „gange“. Also sagt man jetzt in weiten Teilen Schwabens: „I muss „ganga“.

BT: In Bayern heißt es, man empfiehlt Schülern nicht den Besuch des Deutsch-Leistungskurses, wenn sie Bayerisch reden. Gibt es in Baden-Württemberg vergleichbare Fälle?
Klausmann: Da hakt die Dialektinitiative von Ministerpräsident Winfried Kretschmann ein, die er vor zwei Jahren gegründet hat, um den Dialekt zu stärken. Es geht nicht darum, in der Schule Dialekt zu lernen, aber es geht darum, Schüler zu schützen, auch Arbeitnehmer beim Radio zum Beispiel, wenn jemand sagt: „Ich kann Sie nicht einstellen, weil Sie zu arg Schwäbisch reden“, obwohl die Person gar kein Schwäbisch spricht, sondern süddeutsche Standardsprache. Aber der Chef kommt aus Hannover und meint, es sei Schwäbisch. Dieses Missverständnis ist seit mehr als 100 Jahren in Deutschland verwurzelt, dass die im Norden richtig sprechen würden und die im Süden falsch. Die im Norden sprechen ein norddeutsches Hochdeutsch, wir im Süden sprechen ein süddeutsches Hochdeutsch. Neutrales Hochdeutsch gibt es nur auf der Theaterbühne, in den „Tagesthemen“ und im „heute-Journal“. Der Prozentsatz der Menschen, die diese neutrale Sprache sprechen, ist bei weit unter einem Prozent. Das kann nicht der Maßstab sein für richtiges Deutsch. Auch in Schulbüchern werden noch völlig falsche Aufgaben gestellt. Wenn auf einer Abbildung ein Kind in der Bäckerei sagt: „Ich hätte gerne eine Semmel“, dann steht im Schulbuch drunter die Frage: „Was muss das Kind sagen, damit die Verkäuferin das Kind versteht?“ Das ist eine Unverschämtheit, weil die Verkäuferin natürlich das Kind versteht, weil jeder in Deutschland versteht, was eine Semmel ist.

Der schwäbisch-alemannische Sprachraum. Grafik: Schrambke, Renate: Alemannisch dunkt üs guet. Heft III/IV 2001/Copyright: Mapcreator.io/ Copyright. HERE/BT-Infografik: jv

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Der schwäbisch-alemannische Sprachraum. Grafik: Schrambke, Renate: Alemannisch dunkt üs guet. Heft III/IV 2001/Copyright: Mapcreator.io/ Copyright. HERE/BT-Infografik: jv

BT: Bei den schwäbischen „Weckle“ ist das schon schwieriger?
Klausmann: Man versteht auch das passiv. Das Schlimme ist, dass wir so ein Normbewusstsein haben, dass wir glauben, im Hochdeutschen dürften wir keine regionalen Varianten verwenden oder man dürfe nur eine norddeutsche Variante verwenden. Ich habe mehrere Untersuchungen gemacht, mit Hunderten Lehrern, die immer die norddeutsche Variante als die richtige angekreuzt haben und die süddeutsche als die falsche.

BT: Und es gibt kein richtig und falsch.
Klausmann: Gang ist richtig und Flur ist richtig. Daheim ist richtig und Zuhause ist richtig. Kamin ist genauso richtig wie Schornstein. Man muss den Kindern nicht den Dialekt abtrainieren.

BT: Man hat versucht, Ihnen in Ihrer Kindheit das Alemannische auszutreiben.
Klausmann: Ja, in den 70er-Jahren hat man das massiv gemacht. Dialekte auszutreiben, ist Blödsinn.

„Bauchweh oder Ranzepfyffe“

BT: Hat Dialekt aus Ihrer Sicht inzwischen ein positives Image?
Klausmann: Eindeutig ja. Er steht für Heimat und Verwurzelung. In der Badischen Zeitung gab es neulich eine Anzeige, in der es hieß: „Bauchweh oder Ranzepfyffe“, von einer Versicherung in der Schweiz. Das hätte es vor 15 Jahren nicht gegeben. Der Dialekt gehört zur Heimat, aber man muss aufpassen, dass er nicht untergeht. Man muss diejenigen, die ihn sprechen, unterstützen. Auch Kulturschaffende! Ich bin ja in der Jury des Mundartwettbewerbs „de gnitze Griffel“, da gibt es tolle Autoren, Sänger, Gruppen, die man unterstützen sollte. Dass man nicht den Dialekt reduziert auf das Plumpe, Lächerliche. Wie teils im Fernsehen.

BT: Wie bei „Hannes und der Bürgermeister“...
Klausmann: ...Es ist lustig, aber den Dialekt ausschließlich auf das Lustige, aufs Schenkelklopfen, aufs Bäuerliche reduzieren, das geht gar nicht.

BT: Es heißt immer, das Schwäbische breite sich aus. Ist das eine Gefahr für Baden?
Klausmann: Nur am Bodensee breitet sich das Schwäbische aus. Schon seit Jahrzehnten, da kam es schon früh zu einem Wechsel vom Alemannischen zum Schwäbischen. Ravensburg und Friedrichshafen strahlen aus, so dass das Land diese Varianten übernimmt. Das Gebiet war früher Alemannisch, und jetzt kippt der Bodensee gerade. Das sieht man daran: Die Leute sagen nicht mehr „Hus“, sondern „Haus“, nicht „Zit“, sondern „Zeit“. Das Schwäbische hat dort Prestige, das Alemannische offenbar nicht mehr so. Andere Regionen sind dagegen sehr stabil. Zwischen Pforzheim und Heilbronn verläuft die Grenze zwischen Schwäbisch und Fränkisch, da gibt es schon lange einen Ausgleich zwischen beiden Dialekten.

Wo Schwäbisch auf Fränkisch trifft

BT: Welcher Art?
Klausmann: Im Schwäbischen sagt man zu „binden“ „bende“. Und im Fränkischen sagt man „binne“. Der Übergang in diesem Gebiet, wo die Dialekte aufeinandertreffen, sagt man „benne“, also eine Mischung aus beiden Dialekten.

BT: Sie selbst sind in Freiburg geboren, in Breisach aufgewachsen, haben in Ellwangen gelebt, in Tübingen gelehrt und leben jetzt wieder in Breisach. Was für eine Sprache sprechen Sie selbst?
Klausmann: Ich habe meinen Dialekt stark abgelegt nach 30 Jahre Ellwangen. Früher habe ich Dialekt gesprochen, Oberrhein-Alemannisch. Von der Verwandtschaft und Nachbarschaft wurde ich aufgezogen, weil ich „Zischdig“ für „Dienstag“. sagte. Später lebte ich in Grenoble und Freiburg, dann in Ellwangen und war dort sehr stark sprachlich entwurzelt. Wenn man niemanden hat, mit dem man Dialekt sprechen kann, dann spricht man ihn auch nicht. Ich habe in Ellwangen dann einfach süddeutsch gesprochen.

BT: Was kann man im Dialekt besser ausdrücken als in der Standardsprache. Wo gibt es einen höheren Wortschatz?
Klausmann: Man kann im Dialekt alles ausdrücken. Es gibt nichts, was der Dialekt nicht könnte und alles, was er braucht, holt er sich in der Standardsprache. So wie sich die Standardsprache Neuerungen aus dem Englischen holt. Im emotionalen Bereich liegt die Stärke des Dialekts, er ist stark mit Familie und Freunden verbunden, da hat der Dialekt einen großen Wortschatz.

BT: Was die Dialekte in Baden-Württemberg angeht, sind Sie also optimistisch?
Klausmann: Ja, aber ich finde, dass die Dialektinitiative notwendig ist, weil es sonst in zwei, drei Generationen die Dialekte nicht mehr geben wird. Wenn die Kinder ständig korrigiert werden, wenn die Erwachsenen glauben, dass sie den Kindern Englisch beibringen müssen, damit alle bei der Bank Generalmanager werden. Das ist ein Fehlurteil. Ich verweise da immer auf das Beispiel Schweiz: Diese ist wirtschaftlich total erfolgreich, sogar die Wissenschaft funktioniert auf Schwyzerdütsch. Der Dialekt hat überhaupt keine negativen Auswirkungen. Im Gegenteil, die Lernpsychologie hat nachgewiesen, dass Kinder, die Dialekt sprechen und im Passiv mit Standard-Deutsch aufwachsen, zwei Register im Kopf haben und damit sehr leicht Fremdsprachen lernen können.

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